17.05.2006 · Ohne die Korruption in Polizei und Justiz hätte in Sao Paulo nicht tagelang das Chaos regieren können. Der Staat scheint vor den Aggressionen der Drogenbanden und kriminellen Organisationen kapituliert zu haben. Von Josef Oehrlein.
Von Josef Oehrlein, Buenos AiresDie unendliche Reihe der in einem Depot abgestellten Gerippe ausgebrannter Omnibusse illustriert mit makabrer Ästhetik den Ausbruch der Gewalt, der tagelang Sao Paulo, Brasiliens größte Stadt, in Panik versetzte und das öffentliche Leben lahmlegte.
Am Mittwoch hat die Polizei weitere sieben Personen erschossen, die verdächtigt werden, an den Unruhen der vergangenen Tage beteiligt gewesen zu sein. Mitglieder der Drogenbande „Erstes Hauptstadtkommando“ sollen abermals Polizeiwachen und Streifenwagen angegriffen haben.
An den Attacken der Drogenmafia erschreckt jedoch nicht nur die Brutalität, mit der die Kriminellen Polizeiwachen, Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung, Banken, Verkehrsmittel und Zivilpersonen angriffen. Noch gespenstischer war, daß die Übergriffe wie auf Knopfdruck begannen und wie von Geisterhand gesteuert zunächts auch mit einem Mal zu Ende waren. Hinter den Ausschreitungen, bei denen mehr als 130 Personen ums Leben kamen und Schäden in Millionenhöhe angerichtet wurden, ist die Ohnmacht des Staates gegenüber der organisierten Kriminalität sichtbar geworden.
„Marcola“ - Der Unberührbare
Hauptorganisator der Offensive war das „Erste Hauptstadtkommando“ (PCC), eine Drogenbande, die auch „Partei der Kriminalität“ genannt wird, weil sich in ihr kriminelle Gestalten fast schon nach Art von Parteien oder Gewerkschaften sammeln. Unangefochtener Anführer ist der 38 Jahre alte Marcos Willians Herbas Camacho, genannt „Marcola“, der nicht nur wegen seines Wagemuts, sondern auch wegen seiner Intelligenz gefürchtet ist. Er ist einer der führenden Drogenbosse in Lateinamerika, seine Geschäfte führt er vom Gefängnis aus, in dem er zahlreiche Privilegien genießt. Im Justizvollzug gilt er als Unberührbarer. Es genügte, daß er einen kurzen Befehl erteilte, mit den Attacken zu beginnen, und umgehend griffen seine Leute mehr als 250 Ziele an. Gleichzeitig meuterten in vielen Haftanstalten Gefangene.
Wie konnte das geschehen? Die Mitglieder der brasilianischen Rauschgiftbanden nutzen konsequent eine Geheimwaffe, die den meisten von ihnen auch hinter Gittern zur Verfügung steht: Sie verständigen sich mit Hilfe von Handys untereinander. Die Banden unterhalten auf diese Weise Nachrichtennetzwerke, in die Mitglieder aller hierarchischen Stufen bis hin zu gemeinen Kriminellen als stiller Reserve einbezogen sind. Mit einem ausgeklügelten Codesystem lassen sich so Aktionen jeder Art befehlen und wieder stoppen. Handys gehören in brasilianischen Gefängnissen gewissermaßen zur Grundausstattung der Häftlinge. Korrupte Gefängniswärter oder Vollzugsbeamte, die Erpressungsversuchen der Gefangenen nachgeben, ermöglichen ihren Besitz. Über Marcola werden zahlreiche Geschichten verbreitet. Er sei ein eifriger Leser, habe in den mehr als zehn Jahren, die er hinter Gittern verbrachte, mehrere tausend Bücher verschlungen, sein Lieblingswerk sei Dantes „Göttliche Komödie“. Er sei über die Maßen eitel und versuche, seinen kriminellen Aktionen einen sozialpolitischen Anstrich zu verleihen - schließlich habe er sich auch mit Trotzki und Lenin beschäftigt.
Staat scheint kapituliert zu haben
Aber warum hat Marcola scheinbar bedingungslos eingelenkt und das Ende der gewaltsamen Angriffsserie angeordnet? Offizielle Stellen bestreiten, daß es mit dem Drogenboß eine Übereinkunft gegen habe. Die marginal anmutende, in Brasilien aber verständliche Forderung, für die Haftanstalten Fernsehgeräte anzuschaffen, damit die Gefangenen die Weltmeisterschafts-Fußballspiele verfolgen können, ist immerhin erfüllt worden. Die Behörden erteilten die Genehmigung, Fernsehapparate aufzustellen, die aus den Einkünften der Bande angeschafft worden waren. Das kann es allerdings nicht gewesen sein. Denn der Hauptanlaß der jüngsten Unruhen war die Verlegung von 765 Gefangenen in ein Hochsicherheitsgefängnis im Bundesstaat Sao Paulo. Über deren weiteres Schicksal ist einstweilen nichts bekannt. Ein Anführer der PCC-Bande hat bekräftigt, es habe Verhandlungen mit Marcola über die Einstellung der Gewalttätigkeiten gegeben. Inzwischen hat eine öffentliche Diskussion darüber begonnen, ob es rechtens war, daß eine Anwältin Marcolas ein Polizeiflugzeug benutzt hat, um mit ihrem Mandanten zu sprechen. Das sei eine Unterwerfung des Staates unter die organisierte Kriminalität, lautet die Kritik.
Der Staat scheint tatsächlich vor den Aggressionen der immer dreister auftretenden Drogenbanden und kriminellen Organisationen kapituliert zu haben. Für Präsident Luiz Inacio Lula da Silva, der im Oktober wiedergewählt werden will, kommen die Unruhen denkbar ungelegen. Das Angebot seiner Regierung, Einheiten der Streitkräfte in Sao Paulo einzusetzen, wie es zuvor schon in den Favelas von Rio de Janeiro bei Auseinandersetzungen zwischen Drogenbanden geschehen war, wurden vom Gouverneur des Bundesstaats dankend abgelehnt. Der Hauptgrund für diese Weigerung ist in der Rivalität zwischen der Lula-Regierung und dem von einer Oppositionspartei regierten Bundesstaat zu suchen. Die immer besser organisierten Drogenbanden haben Oberwasser, weil die staatlichen Institutionen, besonders Polizei und Justiz, immer stärker von Korruption und anderen Übeln ausgehöhlt sind. Für Marcola war die blutige Aktion der vergangenen Tage möglicherweise nur ein Probelauf. Er könnte sich ermuntert sehen, bei nächster Gelegenheit noch härter zuzuschlagen.
Unglaublich
Peter Milka (McDuff)
- 18.05.2006, 10:57 Uhr
Brasilien oder Italien oder?
norbert hoffmann (nobby56)
- 18.05.2006, 13:12 Uhr
angemessene Berichterstattung
Julia Alexander (Juliaalex)
- 18.05.2006, 20:51 Uhr
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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