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Besuch beim Sohn im Gefängnis : Das Wiedersehen

Andreas muss zurück ins Gefängnis. „Was machste denn jetzt noch?“, fragt sein Vater. Bild: picture alliance / dpa

Andreas ist ein Raubmörder. Seit achtzehn Jahren sitzt er im Knast. Seine Eltern haben ihn nie besucht. Dann kommt plötzlich der Vater. Die Geschichte einer Begegnung.

          Es ist 7.15 Uhr an einem Samstagmorgen, als Erwin Herre* den Fernseher ausmacht und die Tür seiner kleinen Wohnung am Rande einer hessischen Schlafstadt hinter sich zuzieht. Mit steifen Knien steigt er die Treppe hinunter und holt seinen Mercedes SLK Cabriolet aus der Garage. Er hat sich Mühe gegeben mit seiner Kleidung: schwarzes Sakko, neue schwarze Jeans und blaues Hemd mit schmalen bunten Streifen.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die beiden oberen Hemdknöpfe stehen offen, sein silbernes Brusthaar schaut heraus. Herre ist 63. Geschlafen hat er nicht in dieser Nacht. Sein Magen schmerzt, der Blutdruck spielt verrückt. 146 zu 89. Anderthalb Blutdrucktabletten stecken bei den Kippen in der Sakkotasche. Als er losfährt, glüht eine Zigarette in seinem Mund.

          Achtzehn Jahre des Schweigens

          Es ist ein besonderer Tag. Herre wird seinen 42 Jahre alten Sohn wiedersehen. Ein Wiedersehen nach achtzehn Jahren des Schweigens. Noch weiß Herre nicht, ob es ein guter Tag werden wird. Ob Andreas ihm verziehen hat, dass er ihn so lange nicht besucht hat. Er weiß nur, dass er selbst seine Wut auf den Sohn vergessen hat.

          Direkt nach der Tat, vor achtzehn Jahren, da hätte er dem Jungen „am liebsten eine geschmiert“. Herre war aufs Polizeirevier zitiert worden, sein erster Gedanke war: „O je, was hat Andreas denn jetzt wieder gemacht.“ Einer der Beamten sagte „Raubmord“, und Herre „fiel innerlich alles so runter. Der Magen, Kribbeln, Schweißausbruch.“ Er fragte die Beamten: „Was kriegt er?“ Und sie sagten: „Höchststrafe. Fünfzehn Jahre.“

          Beim Prozess hätte er Andreas dann wiedersehen können, doch er ging nicht hin. Seine damalige Freundin wollte es nicht. Auch Andreas‘ Mutter kam nicht. Stattdessen nahm sie ihren Mädchennamen wieder an und meldete sich nie wieder bei ihrem Sohn. Nach anderthalb Stunden stellt Herre seinen Mercedes in Sichtweite des Gefängnisses ab. Er beschließt, Andreas Zigaretten mitzubringen, aber auf die Schnelle findet er keinen Laden.

          „Ach so, du hast ja Geburtstag heut, gell?“

          Die Gefängnismauern erheben sich mächtig vor dem klaren Morgenhimmel. Andreas werde gerade noch für seinen Ausgang angezogen, sagt ein Wärter durch die Gegensprechanlage der Pforte hindurch. Herre macht kehrt, er sucht eine Toilette. Als er ein paar Minuten später zurück zum Gefängnis geht, kommt Andreas ihm schon entgegen. Neben ihm läuft eine junge Frau, seine Sozialarbeiterin. Die Männer gehen aufeinander zu, jeder hält eine brennende Zigarette in der Hand.

          Herre murmelt: „Mir ist flau im Magen“, dann liegen sie sich in den Armen und lassen einander nicht mehr los. Sie schaukeln hin und her wie zwei Kähne im Wind, umweht vom Rauch ihrer Zigaretten, die sie weit von sich strecken. „Ach so, du hast ja Geburtstag heut, gell?“, fragt der Vater mit leisem Zweifel. Er hält Andreas immer noch im Arm. Als der nicht widerspricht, fügt er hinzu: „Alles Gute.“ Da ist ein Druckfehler in seiner Scheidungsurkunde. Ein falsches Datum steht da, und an dem hat Herre sich in den letzten achtzehn Jahren orientiert. Erst kürzlich bemerkte er den Fehler.

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