Der mutmaßliche sexuelle Missbrauch einer 16 Jahre alten Patientin am Berliner Universitätsklinikum Charité erweist sich als schwieriger Fall. Weder die Klinik noch die Staatsanwaltschaft haben das Mädchen und seine Familie bislang erreichen können. Eine Strafanzeige gegen den Pfleger haben weder sie noch ihre Familie gestellt. Während der Vorstandsvorsitzende der Charité, Karl Max Einhäupl, in der vergangenen Woche gesagt hatte, er sehe keinen Grund, dem Mädchen nicht zu glauben, hält die Staatsanwaltschaft das Geschehen in der Kinder-Rettungsstation am Standort Virchow noch immer für „völlig unklar“. In solchen Fällen, so ein Sprecher, werde zunächst die Geschädigte gehört. Falls die sich nicht äußern wolle, werde es „schwierig“. Denn die Staatsanwaltschaft brauche Fakten.
Eine Kündigung wird bezweifelt
Der beschuldigte Pfleger kann von den Behörden erst gehört werden, wenn die Darstellung des Mädchens über den Hergang bekannt ist, wenn also klar ist, was ihm vorzuhalten wäre. Der Mann ist 58 Jahre alt und arbeitet seit 40 Jahren an der Charité. Er wurde unmittelbar, nachdem der Vater des Mädchens mit dem behandelnden Arzt über die Vorwürfe gesprochen hatte, suspendiert. Ob ihm gekündigt werden kann, wird angesichts der Lage der Dinge bezweifelt. Einhäupl hatte von drei früheren Verdachtsfällen gegen den Pfleger gesprochen. In einem Fall wurden Ermittlungen gegen ihn jedoch eingestellt, über andere gibt es bislang keine Unterlagen in der Charité. Die Fälle sollen auch nicht vergleichbar sein mit dem nun behaupteten Fall. Einhäupl hatte gesagt, der mutmaßliche Übergriff werde „mit Sicherheit auch“ strafrechtliche Konsequenzen haben.
Der Fall, wie immer er weitergeht, hat erste Wirkungen auf die Arbeit der Charité gezeigt. Eine Gruppe externer Fachleute unter Leitung der ehemaligen Justizministerin Brigitte Zypries wird Verbesserungen der internen Kommunikation, der Prävention und des Kinderschutzes sowie der Weiterbildung des Personals vorschlagen. Der Vorstand der Charité hat der Gruppe zunächst acht „Maßnahmen und Handlungsempfehlungen“ zur Prüfung überreicht. Darunter ist auch die Idee, für Charité-Personal in sensiblen Bereichen - etwa auf Kinderstationen oder in der Psychiatrie - künftig ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis zu verlangen.
Nicht mehr als Gerüchte
Das Klinikum will eine Kultur des „Hinschauens“ schaffen, und es will zurückliegende Fälle von Missbrauch und dem damit gezeigten unprofessionellen Umgang analysieren lassen. Der in der Charité gepflegte Umfang mit verdächtigen Beobachtungen war schon 2007 von dem Gericht kritisiert worden, das eine ihrer Krankenschwestern wegen fünffachen Mordes an Patienten verurteilte. Viele hatten etwas gesehen, doch mehr als Gerüchte folgten aus den Beobachtungen nicht.
Einhäupl hatte zugesagt, dass sein Haus aus dem neuesten Skandal lernen werde. Die Informationspolitik werde „vom Kopf auf die Füße gestellt werden“. Man habe sich professionelle Hilfe geholt, sagte der Vorstandsvorsitzende Einhäupl bei der Pressekonferenz, die eine Woche nach dem Vorfall stattfand - nachdem eine Boulevardzeitung darüber berichtet hatte.
Alles unklar, aber wir wissen schon Bescheid!
Guido Wirtz (Guido.wirtz)
- 29.11.2012, 10:53 Uhr
Staat vor Privat funktioniert wohl nicht so recht
Klaus Letis (odysseus_8)
- 29.11.2012, 08:19 Uhr
Das Opfer ist doch bis jetzt definitiv der Beschuldigte.
Michael Meier (never1)
- 28.11.2012, 21:24 Uhr