06.10.2009 · Was passiert mit Städten, in denen Gewalt zum Alltag geworden ist? Ein Video, das zeigt, wie der Student Derrion Albert zu Tode geprügelt wird, schockiert Chicago. Die Polizei hat den Kampf gegen die „Gangs“ anscheinend schon verloren.
Von Matthias RübBei Larry's Barber College an der South Halsted Street hat man die Fernsehübertragung am Freitag nicht verfolgt. Auch nicht bei Isa African Hair gleich gegenüber. Und auch nicht bei Hair-o-Rama nebenan. Fragt man in den Friseursalons, Supermärkten und Schnellrestaurants in der Far South Side von Chicago, einem schwarzen Vorort im Süden der Stadt mit kleinen Einfamilienhäusern und belebten Geschäftsstraßen, nach den Olympischen Sommerspielen von 2016, die Chicago trotz des persönlichen Einsatzes von Präsident Barack Obama und First Lady Michelle Obama in Kopenhagen nicht bekommen hat, so erhält man einhellig die Antwort: Das hat uns seit je einen feuchten Kericht interessiert. Die Direktübertragung von der Daley Plaza aus der Innenstadt, wo die geplante zentrale Jubelfeier frühzeitig im Katzenjammer endete, hat hier kaum jemanden vor die Fernsehschirme gelockt.
Denn derzeit gibt es in den Geschäften an der South Halsted Street und in den ruhigen Seitenstraßen des Wohnquartiers mit dem schönen Namen Roseland kein anderes Thema als Derrion Albert. Der 16 Jahre alte „Honor Student“ - so werden Schüler mit guten Noten an amerikanischen Mittel- und Oberschulen genannt - von der Christian Fenger High School ist vorerst das letzte Todesopfer der Gewaltwelle schwarzer Jugendgangs in Chicago, die seit Jahr und Tag nicht abebben will. Im vergangenen Schuljahr wurden 37 Schüler an den Mittel- und Oberschulen der Stadt getötet. Auch das neue Schuljahr, erst wenige Wochen alt, lässt nichts Gutes erwarten.
Videoaufnahme von den letzten Minuten seines Lebens
Der Fall Derrion Alberts wäre über die lokalen Zeitungen und Fernsehstationen im Nordosten des Bundesstaates Illinois hinaus wie üblich kaum zur Kenntnis genommen worden, gäbe es nicht die grauenhafte Videoaufnahme von den letzten Minuten seines Lebens. Derrion Albert war auf dem Heimweg von der Christian Fenger High School zum Haus der Mutter und der jüngeren Schwester in Roseland, als er am 24. September in eine Schlägerei zweier verfeindeter Jugendbanden geriet.
Ob Derrion Albert einfach nur Pech hatte und zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war; ob er sterben musste, weil er sich einer der beiden Banden nicht anschließen wollte; ob er einem Schulkameraden zu Hilfe eilen wollte und dafür mit dem Leben bezahlen musste - das alles ist Gegenstand von Spekulationen in Presseberichten, Bürgersteiggesprächen und Internetdebatten. Vielleicht wird man die Hintergründe des Mordes nie erfahren, denn wie so oft bei Gewaltkriminalität im Zusammenhang mit Banden steht das eherne Gesetz der „Omertà“ den Ermittlungen der Polizei und der Wissbegier der Presse im Weg.
Mit voller Wucht auf den Kopf geschlagen
Was Derrion Alberts Tod vom Tod anderer schwarzer Jugendlicher unterscheidet, sind die Tatwaffen und eben die „Live“-Aufnahme von seinem Tod. Derrion Albert wurde nicht erschossen, wie die meisten Opfer von Bandenkriminalität in Chicago und anderen amerikanischen Großstädten, er wurde mit Holzplanken erschlagen und mit Fußtritten zu Tode getreten. Das körnige Video vom Mord an dem Jugendlichen, aufgenommen mit einem Mobiltelefon, tauchte kurz nach der Bluttat auf „Youtube“ auf und wurde seither immer und immer wieder von allen nationalen Fernsehsendern gezeigt. Auch der Präsident, der seine politische Karriere einst als Sozialarbeiter in der South Side von Chicago begann, hat das Video gesehen. Er sei ebenso entsetzt gewesen wie Millionen Amerikaner, hieß es aus dem Weißen Haus.
Zu sehen ist, wie Derrion Albert ein erstes Mal von einem jungen Schwarzen mit einer langen Holzplanke, bei der es sich um eine zerspaltene Eisenbahnschwelle gehandelt haben soll, mit voller Wucht auf den Kopf geschlagen wird. Ein zweiter schwerer Plankenschlag von einem anderen Jugendlichen trifft den Kopf des Taumelnden, als er sich wieder aufzurichten versucht. Schließlich versetzt ein dritter Jugendlicher dem Kopf Derrion Alberts, der nunmehr bewegungslos auf der Zufahrt zu einem Parkplatz liegt, einen Fußtritt.
Reine Glückssache
Dass Derrion Albert bisher das letzte Todesopfer der grassierenden Gewalt von jungen Schwarzen gegen junge Schwarze ist, ist reine Glückssache. Ein weiterer Jugendlicher aus der South Side überlebte in der vergangenen Woche den Schlag eines bisher unbekannten Täters mit einer Eisenstange auf den Kopf. Er liegt mit Schädelbruch im Krankenhaus. Die Ermittlungen im Fall Derrion Alberts haben immerhin dazu geführt, dass drei Jugendliche im Alter zwischen 16 und 19 Jahren festgenommen und wegen Mordes angeklagt wurden. Es sind Schulkameraden Derrion Alberts von der Christian Fenger High School.
Am Samstag wurde Derrion Albert beerdigt. Die Trauerfeier in der Greater Mount Hebron Baptist Church war Teil eines Rituals, das nach Morden wie jenem an dem 16 Jahre alten „Honor Student“ stets abgespult wird. Zu diesem Ritual gehört auch die Einrichtung improvisierter Gedenkstätten. Vor dem Haupteingang zu Derrion Alberts Schule, einem mächtigen Backsteinbau, liegen Stofftiere im Gras. An die Laternenpfähle entlang der Wallace Street hat jemand Flugblätter mit der Aufschrift „Peace in the Hood“ (etwa „Frieden in unserer Nachbarschaft“) geklebt. An eine Mauer an dem Parkplatz, wo Derrion Albert totgeschlagen und -getreten wurde, hat jemand die Buchstaben „RIP“ (Ruhe in Frieden) gesprüht, davor liegen Blumengebinde und wieder Stofftiere.
Gegen die Eltern der jugendlichen Mörder
Zur Beerdigung Derrion Alberts kamen auch der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson und der Führer der „Nation of Islam“, Louis Farrakhan. Sie gehören seit Jahr und Tag zur kleinen Gruppe der schwarzen Präzeptoren in der South Side, die sich natürlich sehen lassen müssen, wenn nach einem besonders spektakulären Mord das nationale Fernsehen kommt. Dass Präsident Obamas gescheiterte Lobbyreise nach Kopenhagen ausgerechnet auf jenen Tag fiel, an dem man in der South Side über nichts anderes sprach als über das grausige Video und über die bevorstehende Beerdigung eines weiteren jugendlichen Gewaltopfers, war für das Weiße Haus, wo neben dem Präsidenten und seiner Frau zahlreiche Berater und Spitzenbeamte aus Chicago stammen, ein unglückliches Zusammenspiel.
Gegen das Ritual, die Schuld für viele Missstände wie auch für die Gewaltepidemie bei anderen oder in den unbestritten schwierigen Verhältnissen zu suchen, verstieß nach dem Tod Derrion Alberts ausgerechnet dessen Großvater Joseph Walker. Er machte öffentlich die Eltern der jugendlichen Mörder für deren Bluttat verantwortlich und beklagte, dass den jungen Schwarzen in der South Side von Chicago wie anderswo die männlichen Rollenmodelle und Vorbilder fehlten. Auch Derrion wuchs ebenso wie seine mutmaßlichen Mörder bei der alleinerziehenden Mutter auf - wie fast zwei Drittel aller schwarzen Kinder, die in Haushalten ohne Väter groß werden. Und eine weitere Statistik - erstellt von der Northwestern University - besagt, dass die Gesamtzahl der Gewaltverbrechen im Großraum Chicago in den letzten zehn Jahren zurückgegangen ist, dass die Zahl männlicher schwarzer Jugendlicher unter den Opfern zwischen 2002 und 2007 aber um 31 Prozent und unter den Tätern gar um 43 Prozent gestiegen ist.
Fall Albert in Chicago nur ein Symptom
Das Oberste Gericht in Washington hat nun in seiner Sitzungsperiode, die am Montag begann, auch die Klage gegen das seit 27 Jahren gültige strenge Waffengesetz in Chicago angenommen. Auf Plakaten an Bushaltestellen in der South Side warnt die Polizei davor, dass mit zehn Jahren Gefängnis bestraft wird, wer eine Waffe kauft und diese an Unbefugte weitergibt. Doch weder die strengen Auflagen für den Waffenkauf noch die Strafandrohung, rechtmäßig erworbene Schusswaffen an Unbefugte weiterzugeben, haben die Gewalt eindämmen können. In Washington gilt es als wahrscheinlich, dass das Oberste Gericht schon bald das Recht zum Waffentragen in Chicago und anderswo als indivduelles Grundrecht gemäß Verfassung auslegen und den Schusswaffenerwerb erleichtern wird. Doch Waffengesetze und der Fall Derrion Albert sind in Chicago nur ein Symptom. Die Polizei, die vor illegalem Waffenbesitz warnt, hat in ihrer Chicagoer Zentrale ein großes Plakat hängen, auf dem feinsäuberlich die Jagdreviere der „Gangs“ aufgezeichnet sind. Niemand rüttelt daran, auch wenn die Stadt der Jugendgewalt seit Jahren den Kampf angesagt hat.
Man kann das Wohnquartier Roseland östlich der South Halsted Street und der Fenger High School nicht anders als beschaulich beschreiben. Gewiss, hier und da sind die Fenster an einigen leerstehenden Einfamilienhäusern mit Sperrholzplatten vernagelt. Doch die meisten Häuser haben Gärten mit akkurat geschnittenen Rasenflächen und hübschen Blumenrabatten. In einem besonders gut gepflegten Vorgarten kann man sogar einen Gartenzwerg bewundern: Er ist schwarzer Hautfarbe und trägt zwei Wassereimer. Doch droben auf vielen Strommasten sind Überwachungskameras der Chicagoer Polizei montiert, auf denen Tag und Nacht ein blaues Licht blinkt.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
Jüngste Beiträge