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Babymorde Wie konnte das alles unbemerkt bleiben?

02.08.2005 ·  Daß es ihre Babys waren, hat Sabine H. zugegeben. Daß sie sie getötet hat, daran will sie sich nicht in allen Fällen erinnern. Das große Rätsel aber ist: Niemand bemerkte die Schwangerschaften, niemand fragte nach den Kindern. Nicht einmal die eigene Familie.

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Sie war verheiratet, zog Kinder groß und grüßte freundlich ihre Nachbarn. Über Jahre hinweg ahnte offenbar niemand, welch schreckliches Geheimnis Sabine H. mit sich herumtrug: Zwischen 1988 und 1999 brachte die ehemalige Zahnarzthelferin neun Kinder zur Welt, deren Leichen jetzt im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd gefunden wurden. Das Entsetzen ist groß: Wie können Babys in einer deutschen Stadt wie Frankfurt (Oder) unbemerkt zur Welt kommen und ebenso unbemerkt wieder verschwinden?

Die Anonymität des modernen Stadtlebens macht solche unglaublichen Verbrechen möglich, wie der Psychologe Stephan Lermer (München) meint. „Die heutige Form des Zusammenlebens ohne
Blockwarte, die uns beäugen“, könne solche Situationen begünstigen. Gestorbene Menschen könnten ja auch wochenlang unbemerkt in einer Wohnung liegen. Die 39 Jahre alte Sabine H., die alkoholsüchtig sein soll, lebte über Jahre in einem anonymen Frankfurter Hochhaus. Oberbürgermeister Martin Patzelt (CDU) sagte, seine Behörden hätten keinerlei Indizien auf derartig schreckliche Taten gehabt.

Jugendamt wurde auf Frau aufmerksam

Erst vor rund sechs Wochen wurde das Jugendamt auf die zerrüttete Familie aufmerksam. Nachbarn hatten die Polizei alarmiert, weil sie sich durch einen lautstarken Streit der mittlerweile geschiedenen Frau mit ihrem neuen Lebenspartner gestört fühlten. Dabei fanden die Beamten das jüngste Kind der Frau, nicht einmal zwei Jahre alt, in einem verwahrlostem Zustand. Sie übergaben es der Großmutter und schalteten das Jugendamt ein. Doch einen Hinweis auf die grauenhaften Taten der Vergangenheit fanden sie nicht. Der kam erst am vergangenen Sonntag: Beim Entrümpeln der Garage der Großmutter wurden die skelettierten Leichen gefunden.

Video: Mutter bestreitet Tötung von Neugeborenen

Einen vergleichbaren dokumentierten Fall gibt es nur in den Vereinigten Staaten. Dort gestand im Juni 1999 eine damals 70 Jahre alte Amerikanerin, zwischen 1949 und 1968 acht ihrer zehn Kinder jeweils in den ersten Monaten nach der Geburt getötet zu haben.

Auf dem Balkon „ihren Kindern nah“

Sabine H., die vier lebende Kinder hat, will sich an die fraglichen neun Geburten nicht genau erinnern können. Sie habe lediglich Erinnerungen an die ersten beiden Entbindungen. Von der dritten Geburt an bis zur neunten habe sie sich beim Einsetzen der Wehen so stark betrunken, daß sie sich später an nichts mehr habe erinnern können, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Anscheinend war Sabine H. bei allen Geburten allein und ohne fremde Hilfe.

Sicher ist: Sabine H. verscharrte die Leichen in Blumenkübeln auf ihrem Balkon. Laut Staatsanwaltschaft hat sie sich immer wieder auf den Balkon gesetzt, „um nahe bei ihren Kindern“ zu sein. Mit ihrer grausigen Fracht war sie zudem mehrmals umgezogen. Erst vor zwei Jahren wurden die Kübel von einem ahnungslosen Umzugshelfer nach Brieskow-Finkenheerd unweit der polnischen Grenze ins elterliche Anwesen gebracht.

Daß Mütter ihre Kinder kurz nach der Geburt umbringen, ist nach Expertenansicht kein unbekanntes Phänomen. Der Cottbuser Kinderarzt Thomas Erler hat in seiner Praxis auch schon erlebt, daß Frauen ihre Schwangerschaft verbergen. Die innere Ablehnung einer Schwangerschaft kann nach Einschätzung der Medizinethnologin Edith Wolber bei der Mutter massiven Haß auf ihr Kind erzeugen und die Angst vor dem Töten nehmen. Die Physiologie des Menschen lasse durchaus „heimliche“ Geburten zu.

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