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Autobahnschütze „Ein frustrierter Einzelgänger mit Hass auf andere Personen“

Nach mehreren Wochen Observation hat die Polizei einen Lastwagenfahrer festgenommen, der in den vergangenen Jahren hunderte Male auf Fahrzeuge auf Autobahnen geschossen haben soll. Als Motiv nannte der Verdächtige nun „Ärger und Frust im Straßenverkehr“.

© dpa „Nur auf Sachen gezielt“: Einschussloch in einer Autotür

Um 6.15 Uhr am Sonntagmorgen griffen die Männer des SEK in dem Eifeldorf Kell in Nordrhein-Westfalen zu. Der 57 Jahre alte Berufskraftfahrer ließ sich ohne Widerstand in seinem Haus festnehmen, mit seiner Enttarnung hatte er trotz einer der größten Polizei-Fahndungen der vergangenen Jahre offenbar nicht gerechnet. Nach anfänglichem Leugnen gestand der in einer Spedition beschäftigte Mann nach mehreren Stunden Vernehmung, der seit fünf Jahren gesuchte „LKW-Sniper“ zu sein.

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Dann führte er die Beamten zu einem Waffenversteck in der Hecke seines Gartens. Gut verborgen fand die Polizei neben 1300 Schuss Munition zwei Pistolen mit Schalldämpfern der Kaliber 22 und neun Millimeter. Auch einen aus Agententhrillern bekannter „Schießkugelschreiber“ benutzte der Mann offenbar für seine Anschläge, mit denen er seine Berufskollegen in Angst und Schrecken versetzt hatte.

762 Mal soll der verheiratete Mann auf Autobahnen in Rheinland-Pfalz, Hessen, Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen zwischen dem 9. Dezember 2009 und dem 19. April 2013 aus der Fahrerkabine seines Lasters vor allem auf Autotransporter und deren Fahrer geschossen haben. Bei seinen Schießanschlägen traf der mutmaßliche Täter im November 2009 aber auch nahe der Raststätte Würzburg eine Autofahrerin am Hals. Das schwerverletzte Opfer überlebte nur knapp. Bei einem späteren Anschlag verfehlte das Projektil den Kopf eines Lastwagenfahrers nur um Haaresbreite, auch bei zwei anderen Transportern durchschlugen Projektile die Seitenscheibe.

Seit Wochen stand der ausgebildete Werkzeugmacher schon im Visier der Ermittler, wurde rund um die Uhr von Observationsteams des Bundeskriminalamtes beschattet. Mitte April hatten die mehr als 100 Beamten der Sonderkommission „Transporter“ den Mann endlich eingekreist und waren sich sicher, „die berühmte Nadel im Heuhaufen“ gefunden zu haben, wie BKA-Präsident Jörg Ziercke voller Genugtuung und Stolz bei der Präsentation des „einzigartigen Erfolgs“ zur Täterermittlung sagte. In der deutschen Kriminalgeschichte sei dieser Fall „einmalig“. Jemanden zu finden, der willkürlich und „hochmobil“ zu jedem Zeitpunkt auf Menschen schieße, sei eine „beispiellose kriminalistische Herausforderung“ gewesen.

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Denn trotz mehr als 400 Hinweisen aus der Bevölkerung nach einem Bericht in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“ und einer Belohnung von 100.000 Euro habe sich keine heiße Spur auf den Täter ergeben. Erst der Vergleich von tausenden durch sechs Kameraanlagen erfassten Daten von Lastwagen-Kennzeichen brachte die Ermittler auf die Fährte des Täters. Zwischen dem 15. und 19. April diesen Jahres hatte der Mann in seiner fünften und letzten Anschlagsserie sechsmal auf der Autobahnstrecke zwischen Rastatt in Baden-Württemberg und Düsseldorf auf Laster geschossen. Durch Autokennzeichen-Erfassungsanlagen an den betreffenden Streckenabschnitten hatte das BKA den möglichen Täter und sein Fahrzeug schließlich eingekreist. Nach dem Datenabgleich und „Quervergleich“ von rund 50 zur vermuteten Tatzeit in Frage kommenden Lastern konzentrierte sich der Verdacht nur noch auf ein einzelnes Fahrzeug und dessen Fahrer. Nachdem der Vergleich der Mobilfunkdaten seines Handys wie in einem „Malen-nach-Zahlen“-Bild eine frappierende Übereinstimmung mit den Tatstrecken ergab, erhärtete sich der Verdacht gegen den Mann.

Der Schütze weist nach den ersten Erkenntnissen der Ermittler aus zwei Verhören ein Täterprofil auf, das man auch von Amokschützen kennt. „Man kann ihn als frustrierten Einzelgänger mit Hass auf andere Personen und eine Affinität zu Waffen beschreiben,“ sagte der leitende Würzburger Oberstaatsanwalt Dietrich Geuder. Als Motiv habe der Tatverdächtige „Ärger und Frust im Straßenverkehr“ genannt. In seinem Geständnis gab der Mann danach als Grund für seine Taten an, vor Jahren von einem Autotransporter auf der Autobahn abgedrängt worden zu sein. Zudem habe er sich oft über andere rücksichtslose Lasterfahrer geärgert. Der Mann habe auch gesagt, berichtete Staatsanwalt Geuder, dass „auf Deutschlands Straßen Krieg herrscht“ und seine Schießattacken eine Art „Selbstjustiz“ darstellten. Zu seiner Verteidigung sagte der dringend Tatverdächtige, dass er nur „Sachen“ habe beschädigen wollen und als guter, „kontrollierter“ Schütze nicht auf Menschen gezielt habe.

Dennoch lautet der Tatvorwurf in dem Ermittlungsverfahren neben Sachbeschädigung und unerlaubten Waffenbesitz nun auch auf versuchten Totschlag, gefährliche Körperverletzung und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr. Geprüft wird noch, ob es sich in einigen Fällen auch um versuchten Mord handeln könne.

Die Tatserie, die nach der Umstellung des Täters auf eine großkalibrige Waffe eskaliert ist, wäre nach Ansicht von BKA-Präsident Ziercke wesentlich früher gestoppt und aufgeklärt worden, wenn die Polizei Zugriff auf die Mautdaten von hunderttausenden Lastkraftwagen gehabt hätte, die nicht für polizeiliche Ermittlungen benutzt werden dürfen. „Das LKW-Mautdatensystem hält die von uns benötigten Daten alle vor.“ Stattdessen habe das BKA mit „großem Aufwand“ über die „Telemetriedaten“ der Speditionen für ihre Laster mögliche Tatstrecken rekonstruieren müssen, beklagte Ziercke: „Durch die Mautdaten hätten wir viel früher die Tatserie unterbrechen können. Wir wären wohl auch früher zu einer Festnahme gekommen.“ Kein Verständnis zeigte der BKA-Chef für die Kritik und die Bedenken von Datenschützern über das Sammeln von Autokennzeichnen während der Fahndung nach dem Täter: „Wir haben eine große Gefahrenlage und keine Alternative als diese Datenauswertung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Datenschutz etwas dagegen haben kann, wenn wir so die Freiheit unserer Bürger sichern.“

Quelle: KOR

 
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