Als der Maurer im Innenhof eines Art-déco-Hauses im Zentrum von Buenos Aires begonnen hatte, eine Steinumfassung abzuschlagen, stieß er unvermittelt auf ein Tuch, dann auf Knochen und Haare. Fachleute der Kriminalpolizei bargen schließlich das vollständige Skelett einer Frau. Über die Identität der Toten musste nicht lange gerätselt werden, denn es fand sich auch eine Brieftasche, die ein Dokument der Toten enthielt. Hausbewohner erinnerten sich: Das war die Brasilianerin, die zusammen mit ihrem argentinischen Partner bis 1997 in einer Wohnung im Haus Nummer 951 an der geschäftigen Avenida Corrientes lebte, ganz in der Nähe des Obelisken, eines der Wahrzeichen von Buenos Aires. Sie nannten sie „die Pianistin“, weil sie ein Klavier hatte und oft darauf spielte.
Wer die Frau wirklich war, blieb ein Geheimnis. Einsam sei sie gewesen, sagen die Leute im Haus. Ihr Mann war ein passionierter Tangotänzer und sei nachts oft ausgegangen. Hin und wieder war die Brasilianerin auch in ihr Heimatland gereist, doch 1997 verschwand sie auf einmal und wurde auch in den Jahren danach nicht mehr gesehen. Ihr Mann sagte, sie habe sich an das Leben in Argentinien nicht gewöhnen können und sei nach einem Ehestreit nach Brasilien zurückgekehrt. Den Hausbewohnern schien das plausibel. In Brasilien wunderten sich Familienangehörige, warum sie nicht mehr erschien. Sie erstatteten Vermisstenanzeige.
Die einzige Person, die Auskunft hätte geben können, der argentinische Lebensgefährte, starb drei Jahre nach dem Verschwinden der Frau an einer Lungenkrankheit. Er hat sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Die Polizei mutmaßt, dass der Tango-Liebhaber die Pianistin umgebracht hat. Hinweise auf die Todesursache können aber erst die gerichtsmedizinischen Untersuchungen bringen. Inzwischen ist ein Sohn der Frau in Brasilien ausfindig gemacht worden. Er wird nun in Buenos Aires erwartet. Ein DNA-Abgleich soll die Identität endgültig bestätigen. Dann wird vielleicht auch offenbar, ob es wirklich eine Pianistin war.