http://www.faz.net/-gum-bk3

Arabische Kriminelle in Deutschland : Das regeln wir unter uns

Einer der Angeklagten im Landgericht Moabit Bild: dapd

Viele Serienstraftäter in größeren Städten entstammen arabischen Großfamilien. Mit Gewalt, Geld und guten Anwälten hebeln die Clans mitunter das Justizsystem aus. Wie das ablaufen kann, veranschaulicht ein Prozess in Berlin.

          Was zum Höhepunkt des Prozesses hätte werden können, dauert keine fünf Minuten. Am fünften Verhandlungstag des Verfahrens, das vom Gericht mit „Schießerei bei Auseinandersetzung zwischen zwei Großfamilien“ überschrieben ist, tritt der wichtigste Zeuge auf.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dieser Mann kennt die Hintergründe des Geschehens. Seine Aussage könnte Einblicke liefern in Gepflogenheiten und Rivalitäten arabischer Clans. Die Sicherheitsvorkehrungen für den Saal 500 im Berliner Landgericht sind streng. Nidal R. ist der bekannteste Intensivtäter der Stadt. Erst das öffentliche Entsetzen über seine kriminelle Karriere hatte einst dazu geführt, dass Polizei und Staatsanwaltschaft auf jugendliche Mehrfachtäter mit einem abgestimmten Konzept reagieren.

          Ein bulliger Typ, der als Opfer auftritt

          Nidal R. ist heute 29 Jahre alt, ein bulliger Typ mit getrimmtem Vollbart, der Jeans und Lederweste trägt. Der staatenlose Palästinenser kommt aus der Justizvollzugsanstalt Tegel, wo er eine kurze Strafe verbüßt für einen Vorfall während seines jüngsten Gefängnisaufenthalts. Trotzdem erscheint Nidal R. an diesem Dienstag nicht als Täter, sondern als Opfer vor Gericht. Am Abend des 11. November vergangenen Jahres hat er vor einem kleinen Café an der Emser Straße in Neukölln zwei Schüsse abbekommen. Ein Projektil streifte seine Wade, das andere durchschlug die Sohle seines Turnschuhs und blieb in der Ferse stecken.

          Gibt sich siegessicher: ein anderer Angeklagter

          „Haben Sie einen Beruf erlernt?“, fragt die Richterin.

          „Keinen“, sagt Nidal R.

          „Üben Sie einen aus?“

          Nidal R. schüttelt den Kopf.

          „Sie dürfen schweigen, aber nicht lügen“, sagt die Richterin dann im Zuge ihrer vorgeschriebenen Belehrungen. „Wollen Sie sich äußern?“

          Nidal R. beugt sich vor zum Mikrofon. Seine Stimme ist laut und klar. „Nein“, sagt er. Wie ein schlendernder Gorilla verlässt er den Saal.

          Arabische Großfamilien sind eine Herausforderung für die Justiz

          Die Anklage stützt sich maßgeblich auf Nidals Aussage vor den Ermittlern - doch jetzt beruft er sich auf sein Schweigerecht. Und das Verblüffendste an der gescheiterten Vernehmung: Keiner im Saal scheint sich zu wundern. Der Staatsanwalt hat es kommen sehen, die Richter wirken routiniert, nicht einmal die Angeklagten machen einen erleichterten Eindruck.

          Das Reizthema „arabische Großfamilien“ stellt die Justiz vor neue Herausforderungen. Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra spricht von einem „Kriminalitätsphänomen, das uns zunehmend Kopfzerbrechen bereiten muss“. Der Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität bei der Staatsanwaltschaft Berlin sagt: „Wir beobachten, dass diese Familien aufgrund ihrer finanziellen Möglichkeiten und ihres Drohpotentials in der Lage sind, Beweismittel scheinbar beliebig zu beeinflussen.“

          Von 25 Großfamilien gelten sechs als besonders kriminell

          Schon in den neunziger Jahren warnte die Berliner Polizei den Bezirk Neukölln vor einem Dutzend libanesisch-kurdischer Familien, aber es hieß, man brauche sich nicht zu kümmern: Die Kriegsflüchtlinge würden eines Tages in ihre Heimat zurückkehren. Bekanntermaßen hat die Geschichte einen anderen Verlauf genommen, und während Integrationsversagen und Kriminalität auf so ungute Weise ineinandergreifen, dass Diskussionen zum Thema entweder mit ideologischen Scheuklappen oder mit Schaum vorm Mund geführt werden, lässt sich die Lage in Zahlen fassen. Zwar schickt das Berliner Landeskriminalamt voraus, dass man nicht gegen sogenannte Clans ermittle, sondern gegen einzelne Straftäter. Die Mehrheit der Mitglieder arabischer Großfamilien ist zudem strafrechtlich unbelastet.

          Weitere Themen

          Ein Imam für den Knast

          Gefängnisseelsorger : Ein Imam für den Knast

          In deutschen Gefängnissen sitzen immer mehr Islamisten. Gleichzeitig arbeiten dort immer mehr Seelsorger für Muslime. Kann ihre Betreuung eine weitere Radikalisierung der Insassen verhindern? Und wer darf dort predigen?

          Schuld und Sühne?

          Missbrauch in der Kirche : Schuld und Sühne?

          Ein Kaplan missbraucht über zwei Jahrzehnte lang Minderjährige. Doch statt aufzuklären, versetzt die Bistumsleitung den Mann immer wieder – und er findet neue Opfer. Eine wahre Geschichte als Parabel der Kirche.

          „Es lebe die Freiheit“

          Biographien über Hans Scholl : „Es lebe die Freiheit“

          Schon 1937 wurde Hans Scholl verhaftet – wegen „unzüchtiger Handlungen“ mit einem Jungen. Damals begann er am NS-Regime zu zweifeln. Es war ein Wendepunkt im Leben des späteren Widerstandskämpfers und seiner Familie.

          Topmeldungen

          SPD im Krisenmodus : Wenn der Bauch regiert

          Die SPD-Mitglieder wollen sich nicht länger von Seehofer vorführen lassen. Auch vielen Befürwortern der großen Koalition reicht es. Andrea Nahles hat die Wut unterschätzt.
          Echo Show in der neuen Version.

          Neue Produkte : Amazon macht die Welle

          Das war ein ziemliches Feuerwerk, was Amazon heute in Seattle präsentiert hat. Viele neue Produkte kommen auf der Markt. Darunter auch eines für die Küche.

          Härteres Sexualstrafrecht : Eine Hand im Schritt, ein Bein im Gefängnis

          2017 verdoppelte sich die Zahl der registrierten Sexualdelikte auf dem Oktoberfest. Das lag auch am geänderten Sexualstrafrecht. Das Urteil gegen einen Grapscher zeigt jetzt die Folgen der Gesetzesänderung.
          Neue Technologien und neue Mitarbeiter: Facebook rüstet auf beim Kampf gegen unerwünschte Aktivisten.

          Facebooks „War Room“ : Auf dem Kriegspfad

          Facebook hat ein neues Lagezentrum eingerichtet, von dem aus Falschinformationen aufgespürt und gelöscht werden sollen. Der Name ist Programm: „War Room“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.