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Anlageskandal : Insolvenzverfahren gegen Phoenix Kapitaldienst eröffnet

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Es könnte einer der größten Anlageskandale der vergangenen Jahre werden: Rund 30.000 Anleger sollen von dem Frankfurter Finanzunternehmen Phoenix um 700 Millionen Euro betrogen worden sein.

          Es könnte einer der größten Anlageskandale der vergangenen Jahre werden: Am Freitag hat die Phoenix Kapitaldienst GmbH in Frankfurt bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) wegen Überschuldung Anzeige erstattet.

          Prompt hatte die Behörde dem Finanzunternehmen den Geschäftsbetrieb untersagt. Am Montag nahm die Frankfurter Staatsanwaltschaft offiziell die Ermittlungen gegen einen ungenannten Angestellten des Unternehmens auf, ohne ihn in Untersuchungshaft zu nehmen, weil kein dringender Tatverdacht bestehe.

          Details noch unbekannt

          Worum es geht, ist erst in groben Umrissen bekannt: Unbelegten Berichten im Internet zufolge hatte Phoenix rund 800 Millionen Euro eingesammelt. Die Staatsanwaltschaft meint, daß der Verdächtige Phoenix und bis zu 30.000 Anleger um etwa 700 Millionen Euro betrogen habe. Eberhard Tiefenstädter, Leiter Marketing und Vertrieb von Phoenix, hat im Interview mit Hedgefondsweb.de den seiner Meinung nach Schuldigen benannt: „Offensichtlich hat unser langjähriger Chefhändler Michael Milde Fehler gemacht. Da müssen aber auch von externer Seite Manipulationen unterstützt worden sein.“

          Für ihre Ermittlungen müssen die Frankfurter Staatsanwälte keine langen Wege auf sich nehmen: Phoenix hat seine Geschäftsräume in der Vilbeler Straße, wenige Fußminuten von den Frankfurter Justizbehörden entfernt. In einem vornehmen Gebäude im Kontorhausstil war die Gesellschaft untergebracht. Bekannt war Phoenix selbst bei Banken kaum. Aber dafür hatte die Gesellschaft treue Anhänger. Ihre Spezialität war der Handel an den Terminbörsen und der Vertrieb ihrer fondsähnlichen Konstruktion Phoenix Managed Account. Diese hat die Bafin auch gleich geschlossen. Einzahlungen, die noch bei Phoenix eingehen, gehen jetzt sofort auf das Herkunftskonto zurück.

          Kontounterlagen offenbar gefälscht

          Jahrelang hat der Chefhändler Tiefenstädter zufolge Unterlagen gefälscht. Und immer wieder fällt der Name Man Financial, ein Wertpapierhändler in London, mit dem Phoenix bevorzugt zusammengearbeitet hat. Ob sich Milde tatsächlich etwas zuschulden kommen ließ und welche Rolle Man Financial spielte, ist genauso ungewiß wie die Verwicklung von Tiefenschläger und den drei Geschäftsführern Detlef Amonath, Norbert Przibilla und Elvira Ruhrauf. Sicher ist nach heutigem Stand lediglich, daß Kontounterlagen offenbar gefälscht worden sind, um die wahre Lage beim Managed Account zu verschleiern.

          Es ist nicht das erste Mal, daß Phoenix Kapitaldienst in der Öffentlichkeit auftaucht: Dieter Breitkreuz, der die Gesellschaft 1977 gegründet hatte, starb im Alter von 66 Jahren, als er vor knapp einem Jahr in einem Privatflugzeug über Graubünden abstürzte. Er war auf dem Weg in den Osterurlaub.

          Stiftung Warentest warnte mehrfach

          Auch der Frankfurter Justiz ist die Gesellschaft schon bekannt. Im Jahr 2001 hatte das Landgericht das Unternehmen zu 38.000 Euro Schadensersatz verurteilt. Ein Malermeister konnte glaubhaft machen, über die Risiken bei Warentermingeschäften nicht hinreichend aufgeklärt worden zu sein. Auch die Stiftung Warentest hält sich zugute, „wiederholt vor dem Phoenix Kapitaldienst gewarnt“ zu haben. Zuletzt sei ein ehemaliger Geschäftsführer persönlich verurteilt worden, einem Kunden 70.000 Euro Schadensersatz zu zahlen. Nach Meinung des Oberlandesgerichts Frankfurt habe er seine geschäftliche Überlegenheit sittenwidrig ausgenutzt, um seinen Kunden zu riskanten Termingeschäften zu überreden.

          Phoenix war ohnehin in einer Grauzone des Kapitalmarkts aktiv. Per Telefon suchten Vermittler nach Anlegern und stellten hohe Renditen in Aussicht. Das muß lange lukrativ gewesen sein. In einer Broschüre hatte Phoenix seine Transaktionskosten auf „33 Prozent vom Gesamtaufwand“ beziffert. „Das entspricht einem Aufschlag von 50 Prozent auf den Nettobörseneinsatz.“ Auch eine Warnung vergaß Phoenix nicht: „Sie sollten vor Beginn der Spekulation Ihren Einsatz als Totalverlust abschreiben.“ Von Unterschlagung oder Betrug war allerdings nicht die Rede.

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