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Amokschütze von Connecticut „Ihm nie den Rücken zuwenden“

Zwei Tage nach der Bluttat von Newtown wird das Leben des 20 Jahre alten Schützen Adam Lanza durchleuchtet. Derweil fordern Experten eine Verschärfung des Waffenrechts – und rühren damit an die Grundfesten des amerikanischen Selbstverständnisses.

© MARCUS YAM/The New York Times/Re, afp Vergrößern Schul-Massaker: Obama will „diese Tragödien“ beenden

Bis zum letzten Atemzug blieb Adam Lanza auf der Flucht. Als die beiden ersten Polizisten nach dem Notruf vom vergangenen Freitagmorgen in die Sandy-Hook-Grundschule eilten, huschte der Zwanzigjährige in ein Klassenzimmer, setzte sich eine Pistole an den Kopf und drückte ab.

Dem „Massenmörder von Connecticut“, wie amerikanische Medien Lanza seit dem Amoklauf in Newtown nennen, war es bis zum Schluss gelungen, jedem Austausch mit anderen Menschen aus dem Weg zu gehen. Obwohl neben dem Leichnam des Attentäters ein Sturmgewehr gefunden wurde, mit dem er wenige Minuten zuvor 20 Kinder und sechs Erwachsene erschossen hatte, mied er einen Schusswechsel mit der Polizei.

Da Lanza keinen Abschiedsbrief hinterließ und sich im Unterschied zu den meisten Gleichaltrigen nicht über soziale Netzwerke austauschte, blieb sein Wandel von einem distanzierten Sonderling zum Einzelkämpfer in schwarzem Outfit auch drei Tage nach dem schrecklichen Blutvergießen vorerst ungeklärt. „Während in dieser Zeit des vernetzten Lebens fast jeder eine elektronische Spur legt, haben wir bei ihm kaum etwas entdeckt“, fasste der frühere stellvertretende Direktor der amerikanischen Bundespolizei (FBI), John Miller, die bisherigen Ermittlungen am Sonntag zusammen. „Er scheint in einer eigenen Welt gelebt zu haben.“

Kontaktfreudige und lebensfrohe Devisenhändlerin

Ob Lanzas Mutter Nancy, mit der er ein gepflegtes Haus an der Yogananda Street teilte, in die Welt ihres Sohnes vordrang, wird voraussichtlich ein Rätsel bleiben. Bevor der Attentäter am Freitag mit einem Sturmgewehr, einer Schrotflinte und zwei Pistolen aus ihrer Waffensammlung zur Sandy Hook Elementary School aufbrach, hatte er die Zweiundfünfzigjährige mit vier Kopfschüssen getötet.

Die als kontaktfreudig und lebensfroh bekannte Devisenhändlerin, die sich im September 2009 von Peter Lanza, einem Finanzmanager bei General Electric, scheiden ließ, soll selten über den jüngsten ihrer beiden Söhne gesprochen haben. Dennoch beschreiben Angehörige Nancy Lanza als engagierte Mutter, die sich bei Vertretern des Schulbezirks Newtown immer wieder für ihren Sohn einsetzte.

Asperger-Syndrom bei Lanza?

Angeblich war bei Adam Lanza das Asperger-Syndrom, die schwächste Form des Autismus, diagnostiziert worden. „Menschen mit Asperger fühlen sich im Umgang mit anderen unwohl“, meint die kalifornische Psychiaterin Linda Moghtader. „Da sie aber in der Regel intellektuelle Interessen verfolgen, die wenig mit sozialen Interaktionen zu tun haben, leiden sie nicht unbedingt darunter.“ Wie das Forschungsinstitut für Autismus in San Diego nach dem Amoklauf meldete, ruft die Entwicklungsstörung auch kein aggressives Verhalten hervor. Als die Auseinandersetzungen zwischen Nancy Lanza und der Schulverwaltung dennoch aus bislang ungeklärtem Grund eskalierten, meldete sie den hochbegabten Jugendlichen im Jahr 2008 von der High School ab, um ihn zu Hause zu unterrichten. Die Waffenliebhaberin soll ihren Sohn auch zu den Schießübungen mitgenommen haben, die sie abhielt, um die Konzentrationsfähigkeit zu steigern.

Der ehemalige Sicherheitsbeauftragte des Schulbezirks Newtown, Richard Novia, erinnert sich an Adam Lanza als menschenscheuen Sonderling. Sobald der schlaksige Junge auf dem Flur einem Mitschüler begegnete, soll er sich mit dem Aktenkoffer vor dem Körper gegen die Wand gepresst haben. „Er wirkte wie ein Achtjähriger, der sich weigert, seinen Teddybären abzugeben“, sagte Novia der Agentur Associated Press. „Irgendetwas muss in den vergangenen vier Jahren passiert sein, das zu dem Verbrechen am Freitag führte. Damals hätte niemand dem Jungen so etwas zugetraut.“ Ein früherer Nachbar, der Lanza als Zehnjährigen gelegentlich beaufsichtigte, berichtete dagegen von einer dunklen Seite. „Seine Mutter trug mir auf, ihm unter keinen Umständen den Rücken zuzuwenden“, sagte Ryan Kraft, der als Kind ebenfalls die Sandy-Hook-Grundschule besucht hatte.

Debatte um striktere Waffengesetze

Während der Amoklauf in Amerika die Debatte um striktere Waffengesetze abermals anheizte, verwiesen die Teilnehmer einer Diskussionsrunde des Senders CBS am Wochenende auf die Verbindung zwischen laxen Vorschriften und psychischen Erkrankungen. Verbrechen wie die Schüsse an der Columbine High School im Jahr 1999 und das Blutvergießen während einer Filmpremiere in Aurora im vergangenen Juli hätten gezeigt, wie leicht auch psychisch Kranke jederzeit Gewehre und Pistolen kaufen könnten.

„Psychologen und Psychiater sollten überlegen, wie sie den Kauf einer Waffe durch gefährliche Patienten verhindern können. Bis heute werden mehr als 40 Prozent aller Waffen in Amerika ohne jede Kontrolle verkauft“, sagte Dan Gross, der Sprecher der Brady-Kampagne zur Verhinderung von Waffengewalt.

Quelle: F.A.Z.

 
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