22.11.2006 · Computerspiele allein reichen nicht aus, um aus einem aufgeweckten Kind eine tickende Zeitbombe zu machen. Hinzu kommt die Erfahrung, ein ewiger Verlierer zu sein. Selbst nach dem Fanal von Erfurt blieb die Gefahr, die von Sebastian B. ausging, unerkannt. FAZ.NET-Spezial.
Von Stefan DietrichBevor er in die Geschwister-Scholl-Schule fuhr, um seine über Jahre aufgestauten, aber nur virtuell ausgelebten Gewaltphantasien in echtes Blut, echtes Entsetzen und echte Macht über Leben zu verwandeln, verabschiedete sich Sebastian B. schriftlich von dieser Welt.
Sein Brief enthüllt das Innenleben dieses so harmlos pubertär wirkenden Einzelgängers als einen Abgrund von Haß und Rachegedanken, von tiefer Verletztheit und dem Gefühl, von niemandem gebraucht zu werden. Anflüge solcher Gedanken durchlebt jeder junge Mensch auf dem Weg ins Erwachsenenalter. Darin besteht ja gerade das Erwachsenwerden: Daß man lernt, an Widerständen zu wachsen, persönliche Mißgeschicke zu relativieren, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Frustration verdichtete sich zum Lebensgefühl
Es muß schon einiges zusammengekommen sein, daß solche alltäglichen Frustrationserlebnisse bei Sebastian B. nicht vorübergingen. Statt dessen verdichteten sie sich zu einem Lebensgefühl, und das Bedürfnis nach Rache konnte zum Lebensinhalt werden. Düngemittel ist ein harmloser Stoff; Benzin zumindest ein gebräuchlicher. Erst wenn man beides zusammenbringt, wird daraus ein explosives Gemisch.
Wie wurde aus einem aufgeweckten, sogar als überdurchschnittlich intelligent beschriebenen Kind zuerst ein Sonderling, dann eine lebende Zeitbombe? Gewiß nicht allein durch Computerspiele, mit denen Gewaltphantasien zwar angeregt, aber auch abreagiert werden können. Brisanter wird es schon, wenn sich solche Beschäftigung mit der Erfahrung paart, ewiger Verlierer zu sein. Es fehlen dann nur noch ein paar Zutaten - Hänseleien, Einsamkeit, Zukunftsangst -, um eine Explosion herbeizuführen, wie sie jetzt von Emsdetten aus die Republik erschütterte.
Wieso war Erfurt nicht Warnung genug?
Erschüttern sollte uns vor allem, daß solche hochgefährdeten Einzelgänger selbst nach dem Fanal von Erfurt noch immer unerkannt bleiben können, obwohl sie, wie Sebastian B., vor ihrer Tat reichlich Warnsignale an ihre Umwelt aussandten, und sei es anonym im Internet. War es nicht Warnung genug, daß B. den Behörden schon wegen Waffenbesitzes aufgefallen war? Mit etwas Phantasie hätte man darauf kommen können, daß sich B. durch die gerichtliche Vorladung genauso in die Enge gedrängt fühlte wie einst Robert Steinhäuser - und genauso wie er darauf reagieren könnte.