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Amokfahrer von Münster : Das rätselhafte Leben des Jens R.

Ort der Trauer: Vor dem Kiepenkerl in Münster liegen nach der Amokfahrt Blumen. Bild: dpa

Nach der Amokfahrt in Münster versuchen die Ermittler, sich ein möglichst genaues Bild des Täters zu machen. Im Mittelpunkt steht dabei ein umfangreiches Dossier, das Jens R. Ende März bei einem sozialpsychiatrischen Dienst abgegeben hat.

          Es ist nicht einfach, für erschütternde Verbrechen wie die Bluttat von Münster angemessene Begriffe zu finden. Als Jens R. am Samstagnachmittag mit seinem VW-Campingbus in die Außenterrasse eines Lokals in der Münsteraner Altstadt gefahren war und dabei zwei arglose Gäste getötet und mehr als 20 weitere zum Teil schwer verletzt hatte, erschoss er sich selbst. Fachleute sprachen von einem „erweiterten Suizid“.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Das ist eine seltsame, in sich widersprüchliche Wortkombination. Während es sich beim Suizid um einen Freitod handelt, reißt ein Täter, der „erweiterten Selbstmord“ begeht, andere gegen ihren Willen mit in den Tod. In der Regel handelt es sich dabei zudem um Familienmitglieder oder nahe Angehörige. Doch wie Andreas L., der 2015 mit einem Germanwings-Flugzeug 149 Menschen mit in den Tod riss, kannte Jens R. seine Opfer nicht. Das Wort Amokfahrt beschreibt das Geschehen besser, das legen auch die bisherigen Ermittlungsergebnisse nahe.

          „Es sieht ganz so aus, dass es sich um einen psychisch labilen und gestörten Einzeltäter handelt, der offensichtlich schon länger darüber nachgedacht hat, sich das Leben zu nehmen“, sagt der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Montag. Gleichwohl werde nach wie vor in alle möglichen Richtungen ermittelt, auch wenn es keinen Hinweise auf einen wie auch immer gearteten politischen Hintergrund gebe. Für eine von der Polizei zunächst vage für möglich gehaltene Verbindung ins rechtsextreme Milieu gibt es ebenfalls keine Belege.

          Die offenen Fragen der Ermittler

          Doch welches Motiv hatte R.? Der Minister bittet die Öffentlichkeit um Geduld. Zwar gebe es einen Anspruch auf gründliche Informationen, es gebe aber auch einen Anspruch auf gründliche Ermittlungen. „Nach der bisherigen Analyse und Auswertung der vorliegenden Dokumente, Spuren und Aussagen sind die Ermittlungsbehörden sicher, dass der 48-Jährige in Suizidabsicht handelte“, teilte Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt am Montagabend mit.

          Für die Ermittler bleibt aber noch viel zu enträtseln. Unklar ist etwa, wieso der 48 Jahre alte Mann zwei Nebenwohnsitze in Sachsen hatte und wie er an die Pistole kam, mit der er sich selbst erschoss. Einen Waffenschein besaß der ursprünglich aus dem sauerländischen Olsberg stammende Mann jedenfalls nicht, wie Reul berichtet. Wozu legte R. sich die unbrauchbar gemachte Kalaschnikow zu? Wozu hatte er sich die in Deutschland verbotenen „Polenböller“ beschafft, die sich in einem VW-Camper und in seiner Münsteraner Wohnung befanden?

          18 Seiten erschütternde Lebensbilanz

          Derzeit sind Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft damit beschäftigt, sich ein möglichst vollständiges Bild über das Leben von Jens R. in den vergangenen Jahren und natürlich vor allem der letzten Wochen vor der Tat zu machen. Eine wichtige Rolle dabei spielen mehrere Elaborate, die Jens R. in der jüngeren Vergangenheit anfertigte. Darin legt er Zeugnis ab über seine schweren psychischen Probleme sowie seinen Jähzorn und seine Aggressivität.

          Es handelt sich unter anderem um ein 18 Seiten umfassendes Papier, das die Polizei in der Wohnung von Jens R. im sächsischen Pirna fand. Es ist eine erschütternde Lebensbilanz, in der R. seinen Eltern zum Teil höchst abstruse Vorhaltungen macht. Angeblich haben sein Vater und seine Mutter ihn jahrzehntelang gedemütigt. Doch dann habe er seinen eigenen Weg gefunden und sei ein großer Industriedesigner geworden.

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