21.06.2007 · Es war eine kriminologische Untersuchung nach 500 Jahren: In einem Gräberfeld der Inka in Peru entdeckten Archäologen einen Schädel mit einem Einschussloch. Weitere Tests zeigten: Es handelt sich um das erste bekannte Schusswaffenopfer Amerikas.
Der Flintenschuss war tödlich: Vor fast 500 Jahren durchschlug eine 25 Millimeter große Metallkugel den Schädel des ersten bekannten Schusswaffenopfers der westlichen Hemisphäre. Als die spanischen Eroberer im frühen 16. Jahrhundert in Peru gegen die Inka kämpften, starben zahllose Ureinwohner im Kugelhagel. Mit den Feuerwaffen aus der alten Welt begann der Untergang des mächtigen Reiches.
„Wir sahen diesen Schädel, sahen das fast runde Loch und dachten, die Leute müssen hier in letzter Zeit herumgeschossen haben“, erzählt der Archäologe Guillermo Cock, der die sterblichen Überreste nahe der peruanischen Hauptstadt Lima entdeckte. Doch eine moderne Kugel hätte den Schädel des Mannes einfach zerschmettert. Das Fundstück hatte dagegen gleich zwei saubere Löcher: eine Eintritts- und eine Austrittswunde, wie der Wissenschaftler vermutet. Das Objekt musste also deutlich älter sein als zunächst gedacht.
Hektisch begraben
Neben dem Schädel fanden die Archäologen weitere Knochen mit schweren Verletzungen aus der Zeit der Inka. Sie waren offenbar hektisch in flachen Gräbern beerdigt worden - möglicherweise während eines Aufstandes gegen die Spanier im Jahre 1536. Um sicherzugehen, dass es sich bei der Schädelverletzung tatsächlich um Schusswunden handelte, untersuchten Gerichtsmediziner den Fund mit einem Elektronenmikroskop.
„Wir alle dachten, die Chancen stehen eine Millionen zu eins, dass wir irgendwelche Metallspuren auf einem so alten Schädel finden würden“, sagt Al Harper vom Institut für forensische Wissenschaft an der Universität New Haven im amerikanischen Bundesstaat Connecticut. „Aber es war einen Versuch wert.“ Tatsächlich entdeckten die Wissenschaftler am Rande der Verletzungen Metallfragmente einer Flintenkugel.
Zerhackt, zerfetzt, aufgespießt
Seit der Entdeckung der Inka-Gräber vor drei Jahren haben Cock und die Archäologin Elena Goycochea 72 Skelette ausgehoben, die offenbar ebenfalls Opfer von Gewalt waren. „Sie waren merkwürdig begraben“, erklärt Cock. „Sie schauten nicht in die richtige Richtung, waren zusammengebunden oder hastig in einfache Kleidungsstücke gewickelt, hatten keine Grabbeigaben und waren in geringer Tiefe beerdigt worden.“
An einigen entdeckten die Archäologen schwere Wunden. „Sie waren zerhackt, zerfetzt, aufgespießt - Verletzungen, die aussahen, als stammten sie von Eisenwaffen“, erklärt er. „Und mehrere hatten Verletzungen an ihren Köpfen und in den Gesichtern, die aussahen, als seien sie von Flintenschüssen verursacht worden.“ Die Metallsplitter und das Doppelloch brachten schließlich Sicherheit. „Das beweist endgültig, dass der Betroffene mit einem Flintenschuss getötet wurde“, sagt Cock. „Er ist das erste bekannte Schussopfer auf dem amerikanischen Kontinent.“