06.12.2009 · Amanda Knox hat den typischen Lebenslauf der amerikanischen Mittelschicht. Inzwischen ist sie ein Star, eine Art Anti-Ikone der Jugend. Und nach Meinung der italienischen Justiz ist sie auch eine Mörderin. Sie wurde zu 26 Jahren Haft verurteilt.
Von Verena Mayer, BerlinBis zur Urteilsverkündung lächelt sie in die Kameras. Die amerikanische Studentin Amanda Knox, 22 Jahre, ist angeklagt, gemeinsam mit ihrem Freund und einem Bekannten ihre Mitbewohnerin Meredith Kercher ermordet zu haben, in einem Rausch aus Drogen und Gewalt. In einem grünen Mantel, das brünette Haar zu einem Zopf geflochten, betritt Knox den Gerichtssaal in Perugia. Sie schlägt Bücher auf, macht Notizen, man könnte denken, sie sei im Sprachkurs.
Doch da sind noch die Fotografen und die Ü-Wagen der Fernsehteams. Kaum ein Kriminalfall in Italien hat solches Aufsehen erregt wie der Mord an der britischen Studentin Meredith Kercher. Seit zwei Jahren beschäftigt er die Justiz, seit Januar wird im wuchtigen Gerichtsgebäude Perugias verhandelt. Und bis heute ist es ein Rätsel, was genau an Allerheiligen 2007 geschah, als die 21 Jahre alte Meredith Kercher in ihrem Zimmer misshandelt, gewürgt und mit einem Messer in den Hals gestochen wurde. Bei der Obduktion wurden auch Spuren sexueller Gewalt gefunden. In der Nacht auf Samstag wurde Amanda Knox wegen Mordes zu 26 Jahren Haft verurteilt.
Typischer Lebenslauf der amerikanischen Mittelschicht
Sie hat den typischen Lebenslauf der amerikanischen Mittelschicht. Der Vater leitender Angestellter, die Mutter Lehrerin. Sie besuchte gute Schulen, spielte in einer Fußballmannschaft, lernte Sprachen. Im Herbst 2007 kam sie nach Perugia, um an der Universität Italienisch zu studieren. Ihr Freund und Mitangeklagter Raffaele Sollecito, der zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde, ist ein blasser Junge mit Brille, Arztsohn aus Bari, Informatikstudent. Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Verbrechen so viele beschäftigt. Jeder kennt jemanden wie Amanda Knox und Raffaele Sollecito.
Frau Knox ist inzwischen ein Star, eine Art Anti-Ikone der Jugend. Ein italienischer Sender ernannte sie 2008 zur Frau des Jahres, es gibt eine Organisation namens „Friends of Amanda“ und T-Shirts mit Knox’ Konterfei. In Internetforen fragen sich die Leute: War sie es, oder war sie es nicht? Der Mord an Meredith Kercher ist ein globaler Krimi – so wie seinerzeit der Fall O. J. Simpson.
Sie nannte sich „Foxy Knoxy“, die scharfe Knoxy
Die Angeklagte sei von einem „Medien-Tsunami“ überrollt worden, sagt ihr Verteidiger und bricht vor Gericht kurz selbst in Tränen aus. Frau Knox war daran allerdings nicht unbeteiligt. Auf ihrer Myspace-Seite im Internet zeigte sie sich in Marlene-Dietrich-Pose und nannte sich „Foxy Knoxy“, die scharfe Knoxy. Sie prahlte mit ihren Erfahrungen mit Alkohol und Drogen, damit, im Zug Sex mit einem Fremden gehabt zu haben.
Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass zwischen Frau Knox und ihrer Mitbewohnerin ein Streit eskaliert sei, bei dem ihr Freund Sollecito und ein Bekannter dabei waren. Ein Wort gab das andere, Drogen waren im Spiel, irgendwann kam ein Messer dazu. Warum – das können die Ankläger nicht sagen. „Wir leben in einer Zeit der Gewalt ohne Grund.“ Sie haben lebenslange Haft für die beiden gefordert. „No, no, no“, rief die sonst so kühle Amanda Knox, als sie das Urteil hörte, und brach in Tränen aus. Die beiden Angeklagten weisen alle Schuld von sich. Sie seien in der Tatnacht in Sollecitos Wohnung gewesen. Frau Knox’ 22 Jahre alter Bekannter aus Perugia müsse der Täter sein. Er wurde in einem eigenen Verfahren zu 30 Jahren Haft verurteilt. Auch er stritt alles ab.
Da blieb nur mehr die Mitbewohnerin, Amanda Knox
Am Tatort wurden Spuren beseitigt, um vorzutäuschen, dass Kercher Opfer eines Einbrechers wurde. Doch wer, fragte der Richter, sollte so etwas tun? Wahrscheinlich jemand aus dem Haus, der von sich ablenken will. Da blieb nur mehr die Mitbewohnerin, Amanda Knox. Die benahm sich merkwürdig. Auf der Polizeistation machte sie Yoga-Übungen. Sie verwickelte sich in Widersprüche, sagte erst, sie habe Kercher schreien gehört, dann, dass der Besitzer der Kneipe, in der sie kellnerte, die junge Frau ermordet habe. Der saß deswegen zwei Wochen unschuldig in Haft. Vor Gericht sagte Frau Knox nun, die Polizei habe sie geschlagen und zu ihren Aussagen gezwungen. In der Tatnacht habe sie mit Sollecito einen Film geguckt, „Die fabelhafte Welt der Amélie“.
Zumindest in Amerika will man ihr glauben. Selbst ein Kolumnist der „New York Times“ sprang ihr zur Seite, sprach von Hexenprozess und mittelalterlicher Justiz. Die Verteidigerin von Sollecito nannte Frau Knox die „Amélie aus Seattle“. Weil sie so unbedacht und naiv in Dinge hineingerate wie die Figur aus dem Film. Als sei niemand gestorben. Als sei das alles nur ein Film.
noch eine Vermutung
Anton Paschke (Anton_Paschke)
- 05.12.2009, 22:56 Uhr
Sehr guter Artikel
Tim Wunderlich (Howsweetitis)
- 06.12.2009, 00:35 Uhr
Um noch mal etwas klarzustellen
Tim Wunderlich (Howsweetitis)
- 06.12.2009, 00:41 Uhr
in dubio pro reo
Sam Sung (SamSung2)
- 06.12.2009, 00:52 Uhr
Hauptsache
Josef Stein (GrafDaun)
- 06.12.2009, 09:53 Uhr