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Drogen im Abwasser : Das wäre geklärt

Methamphetamin ist inzwischen auch in ostdeutschen Städten weitverbreitet. Rückstände finden sich dann auch im Abwasser. Bild: dpa

Das Abwasser in europäischen Städten verrät so einiges. Forscher können durch Proben zum Beispiel herausfinden, wie es um den Drogenkonsum der Bewohner steht.

          Kläranlagen zählen gemeinhin nicht zu den Orten, an denen sich gesellschaftliche Veränderungen dingfest machen lassen. Es sei denn, man zieht Abwasserproben, sucht nach bestimmten Substanzen und Biomarkern, analysiert diese mit dem Massenspektrometer – und findet so heraus, was die Menschen in einer Stadt so tun oder auch lassen. Etwa, wie viel Rauschgift sie nehmen.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Noch vor gut zehn Jahren wurde das Verfahren als Marotte einiger Wissenschaftler belächelt. Inzwischen liefert die Abwasseranalyse in Europa Ergebnisse, die aufmerken lassen. So liegen von Jahr zu Jahr für immer mehr Städte valide Daten vor. Inzwischen sind es 50, aber die Auswahl ist nicht repräsentativ. In Deutschland etwa wurden 2016 nur Abwasserproben in Dresden, Dortmund, Dülmen und München gezogen, in Finnland dagegen in gleich 14 Städten, in Italien nur in Mailand.

          Nachfrage weiterhin hoch

          Für immer mehr Städte aber liegen die Daten für immer größere Zeiträume vor, für manche schon seit fünf Jahren. Doch man kann auch andere Vergleiche anstellen. Etwa über die kollektiven Gebrauchsmuster im Verlauf der sieben Tage einer Woche. Konsumverhalten und Trends lassen sich also auf verschiedenen Ebenen synchron wie diachron analysieren.

          Am Dienstag hat die in Lissabon ansässige Europäische Drogenbeobachtungsbehörde (EMCDDA) Daten zum Rauschgiftgebrauch vorgelegt, die in einer Frühjahrswoche 2016 bei Abwasseruntersuchungen gewonnen wurden, die gleichzeitig in mehr als 50 europäischen Städten stattfanden. Im Grundsatz bestätigen sie die Ergebnisse der üblichen epidemiologischen Studien. Seit Jahren verharrt die Nachfrage nach Rauschgift in Europa auf einem historisch hohen Niveau. Und nach wie vor sind die Unterschiede von Region zu Region, von Land zu Land und von Stadt zu Stadt enorm.

          Mehr Methamphetamine

          Gleichwohl ergeben sich aus der Zusammenschau einzelner Schnappschüsse Bilder, die so noch nicht zu sehen waren. Über die Zeit bemerkenswert – und besorgniserregend – ist die zunehmende Verbreitung von Methamphetamin. In der Tschechischen Republik und der Slowakei gab es das aufputschende, schnell abhängig machende Rauschgift schon lange. Und noch lange nach dem Fall des Eisernen Vorhangs war Methamphetamin nur selten andernorts anzutreffen. Inzwischen ist es in Ostdeutschland, aber auch in Skandinavien weitverbreitet.

          Wer diese Entwicklung in Bewegung gesetzt hat und warum, geben die Daten natürlich nicht preis. Stattdessen lassen sie erkennen, dass der Gebrauch des Rauschgifts im Wochenverlauf nur wenig schwankt. Das Gift nur dann und wann zu nehmen funktioniert nicht.

          Forscher werden sonntags und montags fündig

          Ohne Überraschungen ist das Muster des Amphetamingebrauchs in Europa. Schon immer war die Nachfrage nach diesem Rauschgift in Nordeuropa viel größer als im Süden des Kontinents. Dort dominiert bis heute Heroin. Bei diesem Verteilungsmuster ist es in den vergangenen Jahren geblieben. Doch auch hier: Tendenz steigend, fast überall.

          Anders bei Ecstasy, einem Amphetamin-Abkömmling mit einem eher geringen Suchtpotential, aber durchaus heftigem Einfluss auf die Psyche, vor allem bei regelmäßigem Gebrauch. Stoffwechselprodukte, die über den Urin in das Abwasser gelangen, findet man am häufigsten sonntags und montags. Und das vorwiegend in den Niederlanden, wo Ecstasy auch in Laboren produziert wird, und in den großen Städten in Europa, die für ihre Clubs und ihr Laissez-faire bekannt sind – Amsterdam, Barcelona.

          Steigender Kokaingebrauch

          Wären Berlin und London unter den Städten gewesen, in deren Abwassersystemen man 2016 nach Ecstasy gesucht hätte, die Werte könnten sich wohl sehen lassen – und wären wohl deutlich höher als vor fünf Jahren.

          Doch aktuelle Daten aus Berlin liegen in diesem Jahr nicht vor. In London hat man nur nach Kokain gefahndet. Das Ergebnis: Mehr „Schnee“ in Europa gibt es nur noch in Antwerpen. Aber in Zürich und vielen spanischen Städten wird gekokst, was der Markt hergibt. Mittel- und Osteuropa sind nach wie vor fast weiße Flecken auf der Kokain-Landkarte. Dasselbe gilt in Deutschland für Dresden. Spitzenreiter hierzulande ist Dortmund mit gewaltigem Vorsprung vor München und Dülmen. Berlin lag hinsichtlich des Kokaingebrauchs im vergangenen Jahr weitaus näher an Dortmund als an München. Doch auch hier: Tendenz überall steigend.

          Erkenntnisse für Drogenhilfe

          Was anfangen mit Hunderten Werten im mg-Bereich, mit Verlaufskurven über Jahre und Wochen, über Länder und Regionen hinweg? Strafverfolgungsbehörden können darin lesen, was sie wissen könnten, wenn sie es wissen wollten. Rauschgiftkriminalität ist größtenteils Kontrollkriminalität. Wer kontrolliert, der findet, wer nichts kontrolliert, der findet nichts.

          Wichtig sind die Trends vor allem für Einrichtungen der Drogenhilfe, sei es auf dem Feld der Prävention, sei es bei der Therapie. Denn auch dort geht es oft so zu, dass man nur sieht, was man weiß. Und zu wissen, dass Methamphetamin auf dem Vormarsch ist und immer mit Kokain zu rechnen ist, wenn wieder mal ein sportlicher Banker einen Herzinfarkt erleidet, schadet nicht.

          Quelle: F.A.Z.

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