04.03.2007 · Hubert Niemann hat seine Reststrafe im Gefängnis abgesessen. Raus will er trotzdem nicht. Die meiste Zeit seines Lebens hat er schließlich im Knast verbracht. Und da möchte er, wenn's geht, am liebsten auch begraben werden.
Von Franz Josef Görtz„Ich habe viel Scheiße gebaut in jungen Jahren“, sagt Hubert Niemann und schaut auf den Gefängnishof. Lakonisch zieht er die Achseln hoch: „Kann man heute nicht mehr rückgängig machen.“
Für zwei Morde, einen Mordversuch, eine Vergewaltigung und eine Reihe ähnlich schwerer Delikte hat er nahezu 54 Jahre im Knast verbracht. Und ist darüber 71 Jahre alt geworden. In der nächsten Woche hätte er seine Reststrafe abgesessen. Doch schon vor Weihnachten hat er den Leiter der Justizvollzugsanstalt Aachen, in der Niemann seit 1992 eine Einzelzelle bewohnt, inständig darum gebeten, in Haft bleiben zu dürfen. „Wo soll ich denn hin?“ fragt er. „Ich habe doch keinen mehr.“
„Nichts mehr gehört und nichts mehr gesehen“
Seine Eltern sieht Hubert Niemann immer noch deutlich vor sich, erzählt er, auch seine sieben Geschwister. Obwohl ihm deren Vornamen nicht so geläufig von den Lippen kommen wie die Geburtsdaten von Vater und Mutter, die er aufsagt wie ein Gedicht und fast genauso feierlich. Danach hält er einen Augenblick lang inne, senkt die Stimme und zieht abermals verlegen die Schultern hoch: „Ich habe von denen allen nichts mehr gehört und gesehen. Meine Eltern sind vermutlich längst tot. Aber gesagt hat mir das keiner.“
Besuch oder Post von seinen Angehörigen hat er in all den Jahren nicht bekommen. Seit er in Aachen einsitzt, ist ein Sozialarbeiter der Haftanstalt sein ständiger Betreuer, so etwas wie Mentor, Bewährungshelfer und Familienersatz in einer Person. Von Manfred Ruick spricht Niemann darum mit großem Respekt. Der erklärt ihm schließlich den fremden Kontinent draußen, den er nur vom Fernsehen kennt und von den kurzen Ausflügen, die er an Ruicks Seite alle Jahre wieder zum Aachener Weihnachtsmarkt unternimmt, um wieder einmal „diesen Duft zu schnuppern“ und Süßigkeiten zu kaufen. Zweimal im Monat kommt für eine Stunde ein „Ehrenamtlicher“ ins Haus, wie Ruick sagt. Der ist auch schon über die siebzig und hat Verständnis für die Probleme, die Niemann zu schaffen machen - und von denen er anderen nur wenig und offenbar nicht gern erzählt: sein Herzleiden zum Beispiel und die allgemein nachlassenden Körperkräfte.
Mit den Fischen sprechen
Auf dem hinteren Flur in Haus 3 scheinen die Fußballfans und die Fischfreunde unter sich. Gäste werden gewöhnlich in dem eigens dafür eingerichteten Besuchsraum zu ebener Erde empfangen. Besuchern sind die Wohntrakte, wie man zu den Zellenkomplexen sagt, gewöhnlich nicht zugänglich. Wer offenkundig nicht zum allgemeinen Vollzugsdienst gehört und auch keine Uniform trägt, wird ziemlich unbefangen in alle Gespräche einbezogen: über das Layout der Anstaltszeitung „Printe“ so spontan wie ins Fachgespräch über Fischfutter oder über die Mannschaftsaufstellung der Aachener Alemannen.
Der schweigsame Niemann hat eine Sonderstellung, deutlich ablesbar am demonstrativ freundlichen Umgangston, mit dem seine Flurnachbarn ihm begegnen. Vor allem aber an der Größe des Aquariums in seinem Zimmer. Behältnisse von höchstens siebzig Litern sind erlaubt - Hubert Niemann hat man ein fast doppelt so großes Aquarium gestattet: „Wegen guter Führung“, berichtet er nicht ohne Stolz. Natürlich lässt er einfließen, dass es Rotköpfe und Schwertträger sind, die er in dem wuchtigen Becken gleich neben seiner Pritsche züchtet. Also nicht irgendwelche Kaulquappen. Mit seinen Fischen spricht er, bevor er sie füttert. Er ist nicht maulfaul, flüchtet sich aber gern in Floskeln, bevor er allzu viel über sich preisgibt. Man weiß voneinander, warum jeder einzelne in Haft kam. Der eine oder andere hat es sogar in der Anstaltszeitung vermerkt: durchaus nicht kokett, das gehört unter „Knackis“ einfach zur Biographie. Die Lebensgeschichten sind Allgemeingut, muss man glauben, wenn man die Flurgespräche anhört. Auch wenn der Drogendealer, zu 15 Jahren verurteilt und von Rheinbach nach Aachen verlegt, nur dezent - und bescheiden genug - davon zu sprechen pflegt, dass er „wegen BtMG-Verstoß verurteilt“ worden sei.
Bemerkenswerte Brutalität
Niemann ist so zurückhaltend nicht, wenn man ihn nach dem Verlauf seiner kriminellen Karriere befragt. Ermittlern und Strafrichtern, Anwälten und psychiatrischen Gutachtern hat der kleinwüchsige und schmächtige Mann mit den eingefallenen Wangen, der sich bisweilen keck einen Strohhut aufs schüttere Haar schiebt, oft genug und in regelmäßigen Abständen Rede und Antwort stehen müssen. Meist vergingen von der Haftentlassung bis zur nächsten Straftat nur wenige Monate. Wiederholt haben die Richter eine bei Gewohnheitsverbrechern übliche Sicherungsverwahrung angeordnet. So etwa eine Strafkammer des Landgerichts Dortmund im April 1976 nach einer Verurteilung Niemanns wegen versuchten Mordes. Allerdings setzte sie dessen Unterbringung in der Sicherungsverwahrung gleich zur Bewährung aus. Mit dem Ergebnis, dass der Täter, Mitte Oktober 1991 aus der Haft entlassen, kein halbes Jahr später schon wieder zuschlug.
Wie immer ging er dabei mit bemerkenswerter Brutalität ans Werk. Als sein Opfer, eine Karnevalsbekanntschaft, sich seinen ungelenken Annäherungsversuchen zu widersetzen versuchte, warf er die junge Frau zu Boden, würgte sie bis zur Bewusstlosigkeit und vergewaltigte sie. Weil er fürchten musste, dass sie zur Polizei gehen und ihn anzeigen würde, griff er sich einen Pflasterstein und zertrümmerte ihr damit den Schädel.
„Gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“
Hat Hubert Niemann Angst vor Frauen? Gegen seine Schwester ist er als junger Mann gewalttätig geworden, und mit seiner Mutter habe er ein inzestuöses Verhältnis gehabt, hat er vor Gericht mehrfach behauptet. Beim Gespräch jetzt winkt er wortlos ab, dies ist schließlich kein Verhör. Und den Knast, sagt er lächelnd, habe er jetzt hinter sich. Dass man noch einmal von ihm hören möchte, wie die 54 Jahre in der Strafhaft eigentlich zustande gekommen sind, scheint ihm zu schmeicheln. „So lange haben noch nicht viele in der Bundesrepublik hinter Gittern verbracht“, sagt Bewährungshelfer Manfred Ruick. Fügt aber gleich hinzu, dass er das keinesfalls als Kompliment verstanden wissen will. Die Prognose ist im Fall des Gewalttäters Niemann nicht günstig, die „Grundstörung“ des wiederholt als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ eingestuften Delinquenten - den langjährigen Resozialisierungsbemühungen zum Trotz - durchaus nicht beseitigt. Dessen Begehren, bis zum Lebensende in Haft bleiben zu dürfen, werde man wohl zustimmen.
Die Justizvollzugsanstalt in der Aachener Soers, unweit von Reitturnier und dem Stadion des Fußballvereins Alemannia, wurde 1994 in Betrieb genommen: als Knast für Langstraffällige, wie der Gefängnisdirektor Hans-Joachim Gries sagt, und mit internationalem Zuschnitt. Nicht ganz ein Drittel der Klientel sind Ausländer, mit Abstand die meisten davon Türken, Italiener und Niederländer. Der weitläufige, inzwischen beträchtlich erweiterte Komplex verfügt über 773 Plätze. Rund fünfhundert Insassen mit einer Haftdauer von zwei und mehr Jahren sind dort untergebracht, zweihundert Untersuchungsgefangene und siebzig „Lebenslange“, dazu seit 1998 fast ebenso viele Häftlinge in der sogenannten Sicherungsverwahrung, außerdem derzeit 35 Gefangene in der Sozialtherapeutischen Abteilung.
Nicht mehr seine Welt
Was außerhalb dieser Anstaltsmauern liegt, interessiert den Häftling Hubert Niemann seit langem herzlich wenig. Das ist nicht mehr seine Welt, sagt er ebenso beiläufig wie abfällig. Der Straßenverkehr macht ihm Angst, und mit der neuen Währung, den neuen Geldscheinen mag er sich immer noch nicht anfreunden. Den unbekannten Lebensalltag draußen empfindet er als Bedrohung - obwohl oder gerade weil er davon sein Leben lang immer bloß Bruchstücke zur Kenntnis genommen hat.
Vier Herzinfarkte hat er in den vergangenen Jahren überlebt - „draußen wäre er längst tot“, versichert sein Betreuer. Einen Trost sähe Hubert Niemann darin, eines Tages im Gefängnishof auch begraben zu werden. Zum Abschied sagt er, verlegen lächelnd: „Ich habe eigentlich immer am Leben vorbeigelebt.“
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