Home
http://www.faz.net/-gus-tolx
Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

37,6 Millionen Euro Wie Vermögensverwalter mit Lottogewinnern umgehen

 ·  Mit einem Lottogewinn ändert sich das Leben schlagartig. Die Millionäre sind begehrte Kunden für Vermögensverwalter. Bei zu hohen Renditeversprechen ist Vorsicht geboten, falsche Freunde lauern überall.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (2)

Von einem Tag auf den anderen stehen alle Türen offen. Irgendwo in Nordrhein-Westfalen sitzt seit Samstag abend einer der begehrtesten Kunden für die Branche der Vermögensverwalter im Lande. 9,50 Euro für einen Zweiwochen-Tipschein brachten dem oder der Glücklichen den höchsten Lotto-Jackpot-Gewinn aller Zeiten: 37,6 Millionen Euro.

Eine Summe, die ein Leben völlig verändern dürfte - und die jeden Finanzberater sinnlich macht. Eine Summe, die Zugang zu den elitären Beratern der Reichen im Lande wie der Vermögensverwaltung Feri in Bad Homburg genauso gewährt wie zum Privatkundenvorstand der örtlichen Sparkasse - aber eben auch die Gefahr birgt, an den falschen Berater zu geraten, wie mancher tragische Fall in der Vergangenheit zeigte.

„Das Leben ändert sich schlagartig“

Die Vorstellungen, wie mit einem solchen Millionengewinner umzugehen ist, gleichen sich in der seriösen Variante auf erstaunliche Weise. „Zunächst geht es darum, erst einmal zu begreifen, was da passiert ist - das Leben ändert sich schlagartig“, sagt Christian Nolting, der bei der Deutschen Bank das Portfoliomanagement für vermögende Privatkunden leitet. „Man muß den familiären und beruflichen Hintergrund erfragen; man muß schauen, ob der Gewinner Gefährdungen unterliegt; man muß wie ein Arzt vorgehen“, beschreibt der unabhängige Finanzmakler Wolfgang Bruger aus Hamburg, der einen Verband verbraucherorientierter Finanzmakler ins Leben gerufen hat, den hypothetischen Umgang mit einem Lottomillionär.

„Entscheidend ist das Alter des Kunden sowie seine familiäre und berufliche Situation“, weiß Volker Düber, verantwortlich für das Privatkundengeschäft bei der Volksbank in Wiesbaden. „Bei der Größenordnung kommt der Gewinner an der Notwendigkeit, sein Vermögen zu strukturieren, nicht mehr vorbei“, ist schließlich von Michael Stammler, Feri-Chef mit Sitz am Taunusrand, zu vernehmen.

Breite Streuung des Vermögens

Nach dieser Vorarbeit teilen sich die Wege, denn ein Patentrezept für die Anlage gibt es nicht. Welche Anschaffungen werden in einem ersten Schritt gemacht? Wieviel Ausschüttung soll der Rekordgewinn jährlich bringen, damit die Substanz nicht angegriffen werden muß? Aber eigentlich schlägt dann auch die Stunde der einfachen Wahrheiten: Es geht schließlich am Ende um eine breite Streuung des Vermögens, um das angemessene Risikoprofil, um die Lebensplanung und damit den Zeithorizont der Geldanlage.

Und es gibt viele Warnungen, wie etwa vor einfachen Antworten, wenn es an die Auswahl des Finanzberaters geht. „Die Alarmglocken müssen schrillen, wenn die Renditeversprechungen zu hoch sind“, meint Volksbank-Vorstand Düber. „Wenn hohe Gewinne ohne Risiko versprochen werden, ist Mißtrauen angebracht“, betont auch der Deutsche-Bank-Stratege Nolting.

Doppelt so hoch sein wie der Kölner Dom

Die Warnungen gehen aber auch über das rein Finanzielle hinaus und in den persönlichen Bereich hinein: „Der Gewinner wird viele neue Freunde kennenlernen“, beschreibt Feri-Chef Stammler die unmittelbar zu erwartenden Nebenwirkungen. Praktische Erfahrungen mit Lottogewinnern halten sich dagegen bei den befragten Geldfachleuten in Grenzen. Lediglich Volksbank-Vorstand Düber hatte schon einmal vor langer Zeit konkret mit einem klassischen Fall zu tun, bei dem ein Rentner eine zweistellige Millionensumme in D-Mark gewann und damit überfordert war. Seither weiß er zumindest, daß Leute, die normalerweise nicht mit viel Geld umgehen, in einem solchen Fall ihren Gewinn lieber konservativ verwaltet wissen wollen.

Die Sparkasse Köln hat kürzlich einmal ausgerechnet, welche gewaltige Dimension ein Lottogewinn wie die jetzt fälligen 37,6 Millionen Euro in bildlicher Form annimmt - in 10-Euro-Scheinen aufeinandergestapelt würde der Stapel doppelt so hoch sein wie der Kölner Dom. „In den ersten Monaten ist dann wohl ein psychologischer Berater eher angebracht als ein Finanzberater“, sagt Volksbank-Vorstand Düber. Im besten Fall kommt beides in einer Person zusammen.

Quelle: sfu. / F.A.Z., 10.10.2006, Nr. 235 / Seite 21
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen