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Freitag, 10. Februar 2012
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32 Jahre nach dem Missbrauch Polanskis Opfer steht auf seiner Seite

03.02.2009 ·  Nach dem Missbrauch einer Minderjährigen verschwand der berühmte Regisseur aus Hollywood nach Europa. Jetzt, mehr als dreißig Jahre später, versucht er ein juristisches Comeback. Umso kurioser scheint, dass ihm heute sein Opfer zur Hilfe kommt.

Von Christiane Heil, Los Angeles
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Zueinander gepasst haben Roman Polanski und Hollywood nie. Mit „Rosemaries Baby“ und „Chinatown“ spielte der Regisseur Rekordsummen ein und begeisterte die Kritiker. Er erschreckte aber immer wieder mit dunklen und sexuell bizarren Plots. Krude Vergewaltigungsversuche in „Was?“, Transvestitenszenen in „Der Mieter“ sowie Inzest in „Chinatown“ brachten dem polnisch-französischen Filmemacher in Amerika selbst in den freizügigen Siebzigern den Ruf eines Sonderlings ein: Genial, aber nicht der Typ, den man am Wochenende zum Barbecue einlädt.

Dass Polanski nicht nur filmisch auf entlegeneren Pfaden wandelte als das übrige Hollywood, bewies er an einem milden Frühlingstag 1977. Mit der dreizehn Jahre alten Samantha Gailey fuhr der Regisseur damals nach Beverly Hills in die Villa des „Chinatown“-Darstellers Jack Nicholson, angeblich um Fotos für die französische „Vogue“ zu machen. Er trank mit ihr Champagner, gab ihr Drogen und nahm sexuelle Handlungen an ihr vor. Wie das Mädchen später vor Gericht in Los Angeles aussagte, hatte Polanski gegen seinen Willen oralen, vaginalen und analen Verkehr mit ihm. Bevor der Filmemacher verurteilt werden konnte, verabschiedete sich der damals Vierundvierzigjährige mit einem „Bis später, Jungs“ von seinen kalifornischen Anwälten und nahm das nächste Flugzeug nach Europa. Seitdem gilt er als Hollywoods berühmtester Flüchtling und der „Fall Polanski“ als einer der größten Skandale der Filmmetropole.

Anlass seines juristischen Comebacks ist ausgerechnet ein Film

Jetzt hat Roman Polanski aus seiner Heimat Paris beim Obersten Gerichtshof des Bezirks Los Angeles beantragt, nach mehr als 30 Jahren die Anklage wegen Unzucht mit Minderjährigen gegen ihn fallenzulassen. Anlass seines juristischen Comebacks ist ausgerechnet ein Film. Für ihre Dokumentation „Roman Polanski: Wanted and Desired“ hat die Regisseurin Marina Zenovich den Fall noch einmal aufbereitet und ist dabei auf Überraschungen gestoßen. Oder, wie Polanskis Anwälte Chad Hummel und Bart Dalton sagen, „auf ein Muster von Fehlverhalten und unerlaubter Kommunikation zwischen Oberstem Gerichtshof und Staatsanwaltschaft, unter Missachtung des Gesetzes und ohne Wissen des Angeklagten und seiner Verteidiger“.

Was Zenovich in Form kurzer Interviews zusammengetragen hat, klingt abenteuerlich. Da soll der zuständige Richter Laurence Rittenband einen Prozessbeobachter gefragt haben, welche Strafe er für angemessen halte. Und er soll im vornehmen Hillcrest Country Club am Abend vor der Urteilsverkündung damit geprahlt haben, er werde den Regisseur „für den Rest seines Lebens“ einsperren. Noch mehr Zweifel an der Unbefangenheit Rittenbands lässt jedoch ein ehemaliger Staatsanwalt aufkommen, der vor Zenovichs Kamera zugibt, mit dem 71 Jahre alten Richter über das Strafmaß diskutiert zu haben. Zu der Zeit hatten sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Anwälte von Samantha Gailey und Roman Polanski schon darauf geeinigt, dass sich der Filmemacher des „rechtswidrigen Geschlechtsverkehrs“ schuldig bekennt und dafür mit den bereits abgesessenen sechs Wochen Haft bestraft wird. „Ich war die Maus, die für eine widerliche Katze zum Spiel herhalten musste“, beschrieb Polanski später den Zickzackkurs im Gerichtssaal.

Faible für junge Frauen nachgesagt

Schon vor dem Sexskandal eilte Rittenband der Ruf voraus, gern etwas von Hollywoods Glanz auf sich zu lenken. Mit viel Medienecho hatte der Jurist, dem ein Faible für junge Frauen nachgesagt wurde, schon Elvis Presley von Priscilla geschieden sowie bei Marlon Brandos Sorgerechtsstreit und Cary Grants Vaterschaftsklage geurteilt. Als „Richter der Stars“ lehnte er denn auch während der Verhandlungen im Fall Polanski kaum eine Interviewanfrage ab, gab Klatschreportern Hinweise auf das laufende Verfahren und ließ den Gerichtsdiener ein Album mit Zeitungsartikeln anlegen, in denen der Name Rittenband neben dem des prominenten Regisseurs erschien. Während der Anhörungen Anfang 1978 ließ der Richter Polanski immer wieder spüren, dass er die Hauptrolle spielte. Obwohl zwei vom Gericht bestellte Psychiater festgestellt hatten, dass der Filmemacher kein geistesgestörter Sextäter sei, verhängte Rittenband unbeirrt eine Gefängnisstrafe, um Polanski im State Penitentiary von Chino ein zweites Mal untersuchen zu lassen.

Polanskis Anwälte Hummel und Dalton meinen nun, drei Jahrzehnte später, dass der Filmemacher damit seine Strafe abgesessen hat. Er sei nur geflohen, um von Rittenband nicht für ein und dieselbe Tat ein zweites Mal eingesperrt zu werden. Ende Januar 1978 hatte Polanski einen Flug nach London gebucht und war von dort nach Paris weitergereist, wo er bis heute mit seiner Frau, der Schauspielerin Emmanuelle Seigner, und den Kindern Morgane und Elvis lebt. Trotz des Haftbefehls, den Richter Rittenband nur wenige Stunden nach Polanskis Flucht ausgestellt hatte, verweigerte das französische Justizministerium die Auslieferung. Ein brüskierter Rittenband versprach daraufhin, so lange auf dem Richterstuhl zu bleiben, bis sein berühmtester Angeklagter festgenommen wird. Tatsächlich hat Polanski seit seiner Flucht keinen Fuß mehr auf amerikanischen Boden gesetzt – auch nicht, als er im Jahr 2003 für sein Holocaust-Drama „Der Pianist“ einen Oscar bekam.

Der Haken an der Sache

Mit seinem aktuellen Verfahren in Los Angeles scheint der Filmemacher wenig Glück zu haben. Wie ein Berufungsgericht am Montag verkündete, wird das Verfahren wegen Unzucht mit Minderjährigen nicht, wie von Polanskis Anwälten gefordert, an ein Gericht außerhalb des Bezirks Los Angeles verlegt. Peter Espinoza, nach Rittenbands Tod der Vorsitzende Richter, teilte mit, der Regisseur habe nicht hinreichend dargelegt, dass ihm in Los Angeles kein fairer Prozess gemacht werden könne. Die bloße Äußerung eines Gerichtsmitarbeiters, Polanski müsse persönlich erscheinen, sei keine Voreingenommenheit aller 600 Richter des Bezirks. In den Akten finde sich nichts, was den gültigen Haftbefehl ändere. Und der schreibe das Erscheinen des Angeklagten vor. Der Haken an der Sache: Sobald Polanski nach Los Angeles kommt, muss er mit seiner Verhaftung rechnen.

Während Hollywood dem 75 Jahre alten Regisseur längst vergeben hat, erzürnt der Fall Polanski weiter die Gemüter außerhalb der Filmwelt. Viele Amerikaner sehen Polanski als Pädophilen, der sich mit der Flucht vor den Folgen seiner Tat gedrückt hat. Jede Sympathie, die man ihm nach der Ermordung seiner hochschwangeren Frau Sharon Tate durch Mitglieder der Manson-Sekte im Jahr 1969 entgegengebracht hatte, ist seit seinem plötzlichen Abschied von Hollywood dahin.

„Tue ich als Opfer es“

Umso kurioser scheint, dass ihm heute sein Opfer zur Hilfe kommt. „Wenn Polanski nicht bei Gericht seinen Antrag stellen kann, tue ich als Opfer es“, sagt Samantha Geimer, wie Samantha Gailey seit ihrer Heirat heißt. Vor zwei Wochen hat die 45 Jahre alte Mutter dreier Kinder eine entsprechende Erklärung bei Gericht eingereicht. Es sei ein „brutaler Witz“, den Richter und Staatsanwalt auf ihre Kosten inszenierten. Schon in den neunziger Jahren hatte sie mehrfach versucht, die Klage gegen Polanski abweisen zu lassen, um nicht in einem neuen Verfahren wieder mit den Details der sexuellen Übergriffe konfrontiert zu werden.

Oder, wie Beobachter meinen, um sich und ihre Mutter dabei nicht in ein ungünstiges Licht rücken zu lassen. Wie die Akten zeigen, war die damals Dreizehnjährige nicht ganz so unbedarft, wie man vermuten könnte. Als angehendes Model hatte Samantha schon vor dem Nachmittag an Jack Nicholsons Whirlpool Bekanntschaft mit Alkohol und Drogen gemacht und sexuelle Erfahrungen gesammelt. Immer wieder musste sich auch ihre Mutter Susan Gailey, eine Gelegenheitsschauspielerin mit Ambitionen, fragen lassen, warum sie ihre Tochter allein mit einem 30 Jahre älteren Mann, dessen Hang zu jungen Mädchen bekannt war, zu einem Fotoshooting fahren ließ – noch dazu in eine Gegend, die wegen ihrer Bewohner Marlon Brando, Warren Beatty und Jack Nicholson als „Bad Boy Hill“ verschrien war.

Opfer und Täter stehen also in der aktuellen Fortsetzung von Roman Polanskis Sexskandal heute auf einer Seite – eine Wendung, wie sie kein Drehbuchautor in Hollywood besser hätte erfinden können. Ob aber die Richter, Staatsanwälte und eventuell Geschworenen der bizarren Wendung folgen, werden die kommenden Wochen vor dem Obersten Gerichtshof des Bezirks Los Angeles zeigen.

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