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Krimi-Autor Volker Kutscher : Moment mal, war das wirklich so?

Geschichte hat ihm schon in der Schule Spaß gemacht: Autor Kutscher im Eingang des Berliner Hauses Bild: Gyarmaty, Jens

Seine Bestsellerkrimis hat Volker Kutscher im Berlin der Dreißiger angesiedelt: spannend und stets nah an der Historie. Ein Streifzug auf den Spuren seines Helden Gereon Rath.

          Früher war mehr Wiese. Weniger Straße. Und garantiert keine Parkraumbewirtschaftung. „Man muss sich die ganzen Autos wegdenken“, sagt Volker Kutscher, als er am Steinplatz in Berlin-Charlottenburg auf den herrschaftlichen Gründerzeitbau mit der Nummer 3 zusteuert. Eine unscheinbare Gedenktafel neben dem Eingangsportal verkündet, dass hier der langjährige Polizeivizepräsident Bernhard Weiß gewohnt hat, bevor er vor den Nazis ins Ausland flüchten musste. Weißer Stein vor weißer Wand.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was sich auf diesem Platz abgespielt haben mag, kann man in Kutschers neuem Krimi nachlesen. 5.März 1933, der Abend des Wahlsonntags, der die Nazis zur stärksten Partei im Reichstag machte: Während eine Kette von Polizisten in blauen Uniformen das Gebäude bewacht, sammeln sich auf der Grünfläche mehr und mehr SA-Männer. Kutscher beschreibt, „wie der braune Mob nach vorne wogte“, bis ein Polizeioffizier den Arm hebt und die Kette der Schupos sich teilt. Ungehindert stürmen die Braunhemden ins Treppenhaus.

          „Warum unternehmen Sie denn nichts?“, lässt Kutscher eine empörte Passantin fragen, woraufhin ein Schupo antwortet: „Was sollen wir denn tun? Haben Sie mal gezählt, wie viele das sind? Das war nur vernünftig, dass der Einsatzleiter den Rückzug befohlen hat. Wir hätten die Stellung keine fünf Minuten mehr halten können. Und dann hätte es Tote gegeben.“

          Tom Tykwer hat sich die Rechte für eine Fernsehserie gesichert

          Nicht dass diese Szene für den weiteren Verlauf der Handlung von „Märzgefallene“ große Bedeutung hätte. Aber sie erzählt eine Menge über die machtpolitischen Verschiebungen in diesem unheilvollen Frühjahr 1933 und macht klar, warum Kutschers historische Krimis spätestens jetzt, mit dem fünften Band um Kommissar Gereon Rath, ein Glücksfall sind. Denn während man sich in einen Feierabendschmöker vertieft in einer behaglichen Gegenwart, die von Parkscheinen, Gedenktafeln und einer kollektiven Leidenschaft für Krimis geprägt ist, bekommt man beiläufig etwas mit, das der Geschichtsunterricht selten vermittelt hat, ganz gleich, wie oft die NS-Zeit auf dem Lehrplan stand: ein Gefühl dafür, wie sich die Machtergreifung im Alltag vollzog und auf das Denken und Reden der Menschen auswirkte.

          „Es ist wirklich ein besonderes Buch“, sagt Volker Kutscher und klingt selbst ein wenig überrascht. Wir haben uns zu einem Streifzug durch Berlin verabredet, unterwegs auf den Spuren seines eher mäßig sympathischen Kommissars, an dessen Fällen sich Regisseur Tom Tykwer mit seiner Firma X-Filme die Rechte gesichert hat. „Babylon Berlin“ soll eine Fernsehserie werden, die sich mit internationalen Produktionen messen kann. Um das nötige Budget zu stemmen, haben sich für die erste Staffel ARD und Sky Deutschland zusammengetan. Drehbeginn soll Mitte 2015 sein.

          Politik war maximal Kulisse

          Kutscher, Anfang fünfzig, ein lässiges Retrohemd unter dem dünnen Mantel, ist Rheinländer wie seine Romanfigur, ein heiterer, unprätentiöser Typ. Er redet gern und das – insbesondere, wenn es um Geschichte geht – schnell und viel. Vier Bestseller hat dieser Mann geschrieben, seit er 2004 seinen Redakteursvertrag kündigte, um Zeit für eine, wie er fand, geniale Idee zu haben. Vorher hatte er bei einem kleinen Verlag zwei Regionalkrimis veröffentlicht; die Vorstellung, bis zur Rente in seiner Heimatstadt Wipperfürth die Lokalzeitung zu verkörpern, hatte angefangen ihn zu langweilen.

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