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Kriegsspiel in der Rhön : Unsterbliche Helden

  • -Aktualisiert am

Bild: Daniel Pilar

Sie kommen aus dem ganzen Land und aus allen Berufen. Aber für ein Wochenende sind sie entweder Nordstaatler oder Südstaatler und stellen eine Schlacht aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg nach. Wer gewinnt, steht vorher fest. Doch wer verliert, behält wenigstens das Leben.

          Am Abend vor der Schlacht sitzen sie vor den Zelten und reden. Ein paar Männer putzen ihre Waffen, ein paar versuchen Feuer in Gang zu bringen, um zu kochen. Am Rande des Lagers stehen Kanonen, die Läufe zum Wald, dahinter grasen Pferde in einem Gatter, irgendwo bellt ein Hund. Auf dem schmalen Weg, der das Lager in zwei Hälften teilt, ziehen Soldaten vorbei. Die blauen Röcke gehören zu den Nordstaaten, die ein Stück weiter die Lichtung hinauf liegen, die grauen Röcke zu den Südstaaten, die in einer Senke lagern. Ein jeder bleibt auf der Seite, auf der er morgen kämpfen wird. Ein Freitagabend im Amerikanischen Bürgerkrieg.

          Vor dem Stabszelt wartet Ben McCoy, der eigentlich Klaus Bunde heißt und in Norddeutschland eine Spedition betreibt, jetzt aber General ist und die Sache leitet. Er hängt dem Reporter einen grauen Südstaatenmantel über die rote Wetterjacke, dem Fotografen gibt er eine Armbinde mit Aufdruck „War Photographer“, außerdem bittet er, das Auto in den Wald zu fahren, damit es das Bild nicht stört. Die Leute hier tragen bis auf die korrekt kratzige Wollunterwäsche historisch genaue Uniformen, da kann sie schon eine versehentlich anbehaltene Armbanduhr daran erinnern, wie spät es wirklich ist, und sie sind raus aus der Geschichte. „Und wir wollen ja in die Zeit eintauchen“, sagt Bunde.

          Es wird gesiezt und mit Dienstgrad angesprochen

          Es gibt Leute, die die napoleonischen Kriege nachspielen, es gibt Leute, die sich ins Mittelalter zurückversetzen, und Leute, die im Wald als Kelten leben. Wer sich umsieht in der Szene, bekommt das Gefühl, jedes Wochenende seien irgendwo Deutsche in eine andere Zeit unterwegs. An diesem sind es 250 Männer, die auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz in der Rhön eine Schlacht nachstellen, die schon seit 145 Jahren entschieden ist. Ihr Hobby nennt sich „Reenactment“, die Anhänger, von denen es in Deutschland viele hundert gibt, spielen den Amerikanischen Bürgerkrieg nach. Er dauert auch bei ihnen fünf Jahre, dann ist der Süden geschlagen, und sie beginnen von vorn.

          Konföderierte werfen sich wildentschlossen gegen den übermächtigen Feind

          Am Morgen treten die Parteien auf unterschiedlichen Wiesen, aber in Blickweite voneinander an. Die Offiziere dirigieren die Mannschaften nach Befehlen aus Originaldrillbüchern, deren Kopien sie mitführen. Das klappt beim Norden besser, wie das Bild, das er abgibt, auch insgesamt einheitlicher ist. Das Lager aufgeräumt, die Leute ordentlich angezogen, es wird gesiezt und mit Dienstgrad angesprochen. Im Süden trägt jede Einheit eine eigene Uniform, was historisch korrekt ist, und falls sich darunter mal eine Hose befindet, die aus dem Baumarkt stammt, ist das auch korrekt, weil der Süden am Ende ja so aufgerieben war, dass auch geplündert und improvisiert werden musste. Dafür wird im Lager abends gesungen, und wenn einer der Soldaten den Befehl nicht versteht, übersetzt ihn jemand ins Deutsche. Man ist da gar nicht so im Süden.

          Der Norden geht ins Unterholz

          Wer sich für welche Seite entschieden hat, scheint keine geographischen Gründe zu haben. Es gibt den Südstaatler als Württemberger und Allgäuer, als Sachsen und Vorpommer, wie es den Nordstaatler als Bayern und Niedersachsen gibt. Die einen begreifen sich nicht als ewige Verlierer, die anderen nicht als ständige Gewinner, weil der Krieg, wie sie ihn angehen, ohnehin nie zu Ende ist. Die einen werfen den anderen die Sklavenhalterei nicht vor, wie die anderen den einen nicht vorwerfen, dass diese später die Indianer ausgerottet haben. „Wir hassen die anderen nicht“, sagt ein pensionierter Bundesbahner, der seit Jahren für die Kavallerie des Nordens reitet, ohne ein Pferd zu haben, „wir brauchen die doch zum Spielen“. Getrennt voneinander marschieren die Armeen in den Wald. Der Norden geht ins Unterholz, der Süden bezieht Stellung in einem Graben, den vor langer Zeit die Bundeswehr ausgehoben hat. Es ist nicht ganz die Situation, die Anfang Juni 1864 zur Schlacht von Cold Harbor führte, bei der 170.000 Mann gegeneinander antraten und mehr als 15.000 fielen. Aber als der Norden dann Plänkler vorschickt und der Süden mit Kanonen antwortet und als wie aus dem Nichts plötzlich ein Gemisch aus Pulverdampf, Geschrei und Hektik entsteht, wird klar, dass es hier auch weniger um die historische Situation geht als um ein authentisches Gefühl.

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