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Massensuizid : Selbstmord aus Angst vor dem Kriegstod

Karl Schlösser kann darüber reden: Der Achtzigjährige zeigt die Stelle in Demmin, an der vor 70 Jahren viele Bürger aus Angst vor der Roten Armee in Wasser gingen. Bild: dpa

Vor 70 Jahren ging die vorpommersche Stadt Demmin in Flammen auf. Die russischen Soldaten drangsalierten die Bevölkerung – Hunderte brachten sich daraufhin selbst um.

          Erich Kuhlmann war Tierarzt in Demmin. Zusammen mit Frau und Tochter erlebte er am 30. April den Einmarsch der Sowjetarmee. Sein Sohn war an der Front und geriet in britische Kriegsgefangenschaft. Zum Haushalt in der Bahnhofstraße gehörte auch das Dienstmädchen Else. Als er den ersten Soldaten sah, hisste Kuhlmann die weiße Fahne. Das Demminer Drama begann dann in der Nacht zum 1. Mai.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Stadt war von der 65. Armee der Zweiten Weißrussischen Front eingenommen worden. Deren Befehl lautete, so schnell wie möglich weiter in Richtung Westen vorzustoßen. Das aber ging nicht. Demmin liegt zwischen drei Flüssen, der Peene, der Trebel und der Tollense. Bis heute wird die vorpommersche Flusslandschaft „Dreistromland“ genannt, um Touristen anzulocken. Die finden hier eine unverwechselbare Natur. Die Peene gilt gar als Amazonas Norddeutschlands.

          Am 29. April 1945 aber war die Brücke über die Peene gesprengt worden, das sowjetische Militär kam nicht weiter. In der Stadt stauten sich die Panzer. Die Soldaten hatten Pause und feierten ihren Sieg. Die Stadt war aber auch voller Zivilisten. Viele Demminer hatten ihre Heimat nicht verlassen wollen. Hinzu kamen Hunderte Flüchtlinge. Am Abend des 30. Aprils begannen die Vergewaltigungen und Plünderungen. Die Soldaten strichen das Fachwerk mit benzingetränkten Besen ein und zündeten es an. Zwei Drittel der Stadt brannten nieder, drei Tage lang. Gelöscht werden durfte nicht.

          Hunderte Tote während russischer Besatzung

          Schon am 30. April hatten sich 21 Menschen das Leben genommen. Am Morgen des 1. Mais übergab der Arzt Kuhlmann seinem Dienstmädchen Else ein Päckchen. Sie glaubte, darin sei Gift. Der Arzt ging wieder in seine Wohnung und erschoss sich. Frau und Tochter lagen da schon, Hand in Hand, vergiftet im Schlafzimmer. Else lief fort. Gift allerdings fand sie nicht im Päckchen, sondern die Eheringe der Kuhlmanns und einen Abschiedsbrief. Else hat später dem Sohn der Kuhlmanns in einem Brief von alledem erzählt.

          Die Demminer Massenselbstmorde schrieben den Namen der Stadt in die Geschichte des Krieges ein. Wie viele Menschen sich das Leben nahmen, ist nicht genau bekannt. Viele der Toten blieben unbekannt. Es sollen ungefähr 900 Leichname gefunden worden sein. Nach dem 3. Mai wurden in den Trümmern viele Menschen gefunden, die sich umgebracht hatten, bevor die Feuerwalze über die Stadt hinweggerollt war. Weitere Tote trieben flussabwärts, bis weit außerhalb von Demmin.

          Auf dem Demminer Friedhof erinnern ein Mahnmal sowie Massen- und Einzelgräber an die Ereignisse. Etwa 200 anonyme Tote sind dort bestattet, mehr als ein Drittel von ihnen Kinder. Zu den wenigen Quellen aus dieser Zeit gehört ein „Wareneingangsbuch“ der Friedhofsgärtnerei, in dem auf 28 Seiten die Beisetzungen in der Zeit vom 6. Mai bis 15. Juli 1945 notdürftig dokumentiert wurden.

          Triste Wohnblocks in stolzer Hansestadt

          Aber auch die Stadt selbst ist ein einziges Mahnmal, denn die Trümmer wurden fortgeräumt und eine neue gesichtslose Stadt aus Wohnblöcken wurde errichtet. Nur die St.-Bartholomaei-Kirche, einige Teile der Stadtmauer und wenige Häuser erinnern an das alte Demmin, das einst eine stolze und reiche Hansestadt war. Das Rathaus ist ein Neubau, obwohl es historisch aussieht.

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