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Krieg der Worte Entlarvende Verhüllungen

25.03.2003 ·  Jeder Krieg wird auch mit Worten geführt: Die Kriegsgegner verwenden die Sprache als Waffe - um ihren eigenen Truppen Mut zu machen, den Feind einzuschüchtern und die Unbeteiligten für sich zu gewinnen.

Von Theo Stemmler
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Jeder Krieg wird auch mit Worten geführt: Die Kriegsgegner verwenden die Sprache als Waffe - um ihren eigenen Truppen Mut zu machen, den Feind einzuschüchtern und die Unbeteiligten für sich zu gewinnen. Heute, in der globalen Mediokratie, greifen die verantwortlichen Politiker und Militärs meist zum rhetorischen Instrument der Beschwichtigung und Verhüllung - dem Euphemismus. Beim tödlichen Geschäft des Krieges darf eben der Tod nicht erwähnt werden. Töten und Sterben sind tabu. Sogar das häßliche Wort "Krieg" wird tunlichst vermieden und etwa durch ein harmloses "insertion" (eine Art "Einfügung") ersetzt. So wird der Luftangriff zu einer "vertical insertion".

Heute begegnet man Beschönigungen, die bereits in früheren Kriegen verwendet wurden. Bekanntestes Beispiel sind die berüchtigten Kollateralschäden ("collateral damages"), die unbeabsichtigte, zufällige Tötung von Zivilisten oder die Zerstörung ziviler Objekte. Damit solche Schäden vermieden werden, greift man zu einer wundersamen Erfindung: dem "surgical strike", einem "chirurgischen Schnitt", der geradezu obszönen Pervertierung eines medizinischen Begriffs. Noch aufreizender wirkt "friendly fire" - die Bezeichnung für das versehentliche Töten eigener oder alliierter Soldaten. Von makabrer Witzigkeit zeugt der "daisy cutter" (Gänseblümchen-Schneider) - die besonders wirkungsvolle BLU-82-Splitterbombe.

Journalisten "einbetten"

Doch für den Irak-Krieg haben sich die militärischen Sprachregler auch Neues ausgedacht. Damit sie nichts Negatives berichten, werden die Journalisten, die nicht immer leicht zu dirigieren sind, nun Truppeneinheiten zugeteilt und dort "eingebettet" ("embedded"). Das Wort hat angesichts der langen Geschichte der Prostitutionsmetaphorik in den Beschimpfungen von Journalisten einen recht eindeutigen Beigeschmack.

Unwillkürlich kommen aus dem 19. Jahrhundert die Spottverse aus dem "Kladderadatsch" gegen die "Vossische Zeitung" in den Sinn: "Tante Voß, die edle Frau, / War in ihrer Jugend schlau: / Stand im freundlichen Verkehr / Nur mit Herrn von's Militair." Im Vergleich zu den gemütlichen Bettgeschichten und den vieldeutigen Umschreibungen spricht die der irakischen Führung angedrohte "decapitation" ("Enthauptung") ausnahmsweise Klartext. Der irakische Diktator und seine engsten Mitarbeiter sollen zwar nicht einzeln hingerichtet, jedoch kollektiv beseitigt werden.

Schon von Clausewitz empfohlen

Die entlarvendste Verhüllung, die im jetzigen Krieg verwendet wird, ist "shock and awe" - ein sprachlicher Bumerang, der nicht die Adressaten trifft, sondern die Urheber. Dieser Ausdruck, der die amerikanische Strategie im Irak-Krieg beschreibt, wird zwar erst jetzt öffentlich verwendet, wurde aber bereits vor einigen Jahren erfunden. Er erscheint im Titel eines 1996 gedruckten Strategiepapiers, das von Militärfachleuten unter der Führung von Harlan K. Ullman (Institute for National Strategic Studies) konzipiert wurde, der am National War College lehrte und auch den heutigen Außenminister Colin Powell zu seinen Hörern zählte.

Der Untertitel dieses Memorandums beschreibt das Ziel dieser Strategie: "Achieving Rapid Dominance" - die schnelle Ausschaltung des Gegners. In Interviews und Artikeln hat Ullman erläutert, was darunter zu verstehen ist: "die physische, emotionale und psychische Erschöpfung" des Gegners in wenigen Tagen durch massivsten Einsatz von Waffen. Deren Wirkung soll nach seinen Worten jener der auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfenen Atombomben entsprechen, die den Japanern seinerzeit klarmachten, daß "sogar selbstmörderischer Widerstand nutzlos war". Originell ist so eine Strategie freilich nicht: Clausewitz empfahl sie in Grundzügen schon im vorletzten Jahrhundert.

Maßloser Anspruch

Diese Verbreitung von Angst und Schrecken, die man unfreundlich, aber treffend als Psychoterror bewerten könnte, wird von den Strategen also griffig mit dem Ausdruck "shock and awe" bezeichnet, vielleicht am besten durch "Schock und Ehrfurcht" wiederzugeben. Ja: Ehrfurcht. Während nämlich der Begriff "shock" immer schon militärisch und (wie im Deutschen) negativ besetzt ist, bedeutet "awe" seit langem etwas vorwiegend Positives: das ehrfürchtige, mit unterschwelligen Angstgefühlen verbundene Erschaudern vor der Erhabenheit Gottes oder - seit der Romantik - vor der majestätischen Natur oder auch vor dem Wunder der Bachschen Musik. So spricht etwa der Romantiker William Wordsworth vom "awe-inspiring God". "Shock and awe" ist also ein ganz besonderer Euphemismus. Er verhüllt die Absicht physischer und psychischer Zerstörung und enthüllt den maßlosen Anspruch auf ein Erstarren in Ehrfurcht, das man früher vor allem Gott zubilligte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.2003, Nr. 72 / Seite 9
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