Home
http://www.faz.net/-gum-6ztyb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 plus

Kreml-Flieger Mathias Rust Der lange Irrflug der Friedenstaube

Ein junger Deutscher landet im Mai 1987 im Herzen der Sowjetunion. Erst wird er zum Helden, dann zum Spinner. Und 25 Jahre danach ist Mathias Rust immer noch ein Rätsel.

© action press Vergrößern Moskau, 28. Mai 1987 gegen 19 Uhr: Mathias Rust landet in der Nähe des Roten Platzes und verändert ein kleines bisschen die Weltgeschichte – und in dramatischer Weise sein eigenes Leben.

Mathias Rust ist plötzlich verschwunden, obwohl alles vorbereitet war. Er sei beruflich kurzfristig in Singapur, lässt er Journalisten wissen, denen er Interview-Termine zugesagt hatte. Auch die ARD, die ihn diese Woche als Stargast für die Präsentation einer Dokumentation über den „Kremlflieger“ angekündigt hatte, muss kurzfristig umdisponieren. Enttäuscht ziehen die Fotografen wieder ab, da hilft auch die Rust-Papiermaske nichts, die sich einer der Fernsehleute vors Gesicht hält. Rust, so viel wird klar, ist auch 25 Jahre nach seinem spektakulären Flug unberechenbar geblieben.

Stefan Locke Folgen:  

Aber vielleicht ist es gerade solchen Menschen vorbehalten, auf ungewöhnliche Weise Weltgeschichte zu schreiben - und das hat Rust unbestritten. Am 28. Mai 1987, am Himmelfahrtstag, war der damals fast Neunzehnjährige gegen sieben Uhr abends mit einem kleinen, viersitzigen Sportflugzeug mitten in Moskau gelandet, in der Nähe des Roten Platzes. Seine Eltern wähnten ihn seinerzeit in Skandinavien, wohin er zu einer zweiwöchigen Flugreise aufgebrochen war. Dann aber sehen sie ihren Sohn in der „Tagesschau“, wie er - im Hintergrund die Basilius-Kathedrale - im knallroten Overall am Heck seiner Maschine lehnt, umringt von Moskauern, die ihn fotografieren und um Autogramme bitten.

Als Kreml-Flieger beruehmt geworden © dapd Vergrößern Mathias Rust heute

Ein britischer Arzt, der auf einem Kongress in der sowjetischen Hauptstadt weilt, filmt mit seiner Videokamera, wie Rust mehrfach tief über den Roten Platz fliegt, nicht landen kann, weil zu viele Menschen darauf unterwegs sind, und wie er schließlich auf der nahen, vierspurigen Brücke über der Moskwa aufsetzt, ausrollt und parkt. Rust hat es geschafft, seine Mission ist erfüllt, aber er hat keinen weiteren Plan und auch keine Ahnung, wie dieses Abenteuer sein Leben und das seiner Familie verändern wird, vor allem im Negativen. Ganz zu schweigen von den weltpolitischen Folgen, zu denen wenige Jahre später auch der Zerfall der Sowjetunion zählt.

Für die Supermacht Sowjetunion ist der Flug eine Blamage

“Wenn ich gewusst hätte, was sich daraus entwickelt, ich würde es nicht noch mal wagen“, sagt Rust heute vor der ARD-Kamera. „Das muss man wirklich machen, ohne die Konsequenzen und die Weiterentwicklung einer Geschichte zu kennen.“ Die Filmemacherin Gabriele Denecke hatte sich lange um ein Statement von Rust bemüht. „Es war wie ,Warten auf Godot’“, sagt sie. Mal habe er zu- und dann wieder abgesagt. Letztlich sei sie auf einen reflektierenden, durchaus selbstkritischen Mann getroffen, der sich keineswegs als Held fühle, im Heute lebe und seinen Moskau-Flug längst abgehakt habe.

Rusts Aktion ist im Jahr 1987 für die Supermacht Sowjetunion mit ihrem angeblich am besten gesicherten Luftraum der Welt eine Blamage. Gestartet war Rust in Helsinki. Mit seiner Cessna, die deutsche Flagge am Heck, fliegt er fünf Stunden lang über sowjetisches Gebiet - in 600 Meter Höhe und damit auf dem Radar gut sichtbar. Schließlich passiert er auch noch unbehelligt die drei Verteidigungsringe rund um Moskau.

Mathias Rust während des Prozesses zum Fall seiner Landung in Moskau vor dem Obersten Sowjetschen Gericht  _ Mathias Rust during the trial of the case of his landing in Moscow to the Supreme Soviet court © Eastblockworld.com Vergrößern Vor Gericht: Im September 1987 wurde Rust verurteilt - zu vier Jahren Arbeitslager.

Im zweiten Ring ist zu der Zeit der Wehrpflichtige Wladimir Kaminer stationiert, der sich gut an den Fall erinnert und zwanzig Jahre später als erfolgreicher Schriftsteller das ihm damals unbekannte Flugobjekt persönlich treffen wird. Es habe seinerzeit mehrmals Alarm gegeben, erzählt Kaminer, der mehrfach mit seiner Einheit ausrücken, doch letztlich nicht handeln muss. „Mal hatten wir ihn auf dem Radarschirm, dann verschwand er wieder.“ Kleinflugzeuge am Himmel seien damals nichts Ungewöhnliches gewesen. Jeder Kolchos-Vorsitzende habe eines zur Verfügung gehabt, nur über Moskau seien diese nie geflogen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Treffen auf Schloss Elmau Steinmeier gegen Einladung Putins zum G-7-Gipfel

Der deutsche Außenminister lehnt das Ansinnen von Linksfraktionschef Gysi ab, den russischen Präsidenten zum G-7-Gipfeltreffen im Juni auf Schloss Elmau einzuladen. Nach der Annexion der Krim könne man weiter nicht einfach so tun, als sei nichts geschehen. Mehr

12.04.2015, 15:29 Uhr | Politik
25 Jahre Mauerfall Gorbatschow warnt vor neuem Kalten Krieg

Im Rahmen einer Gedenkveranstaltung hat der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow über seine Erinnerungen an den Fall der Mauer gesprochen. Ich sah die Entschlossenheit in den Augen der jungen Menschen. Das war revolutionär. Für die Gegenwart hat er eine dringende Warnung parat. Mehr

13.11.2014, 16:50 Uhr | Politik
Tsipras reist nach Russland Athens Spiel mit der russischen Karte

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras fliegt in der kommenden Woche nach Russland. Sucht er ein Bündnis mit dem russischen Präsidenten Putin? Manches spricht dafür – aber nur auf den ersten Blick. Mehr Von Markus Wehner

05.04.2015, 11:57 Uhr | Politik
Kunstwerke am Nachthimmel Wenn Drohnen eine Lichtshow fliegen

Am Nachthimmel inszenieren sie Lichtkunstwerke: die österreichischen Künstler von Ars Electronica Futurelab. Sie lassen Drohnenschwärme in Formationen weltweit in Rahmen von Shows und Werbekampagnen fliegen. Die Quadrocopter sind mit LEDs bestückt und während des Flugs nur als Lichtpunkte sichtbar. Mehr

17.02.2015, 11:06 Uhr | Gesellschaft
Taissia Korotkowa in Moskau Jawohl, Retrofuturismus

Die sowjetischen Träume von einer hochtechnologischen Zukunft sind Vergangenheit. Taissia Korotkowa lässt sie in der Galerie Triumph als unheimliche Idyllen wieder auferstehen. Mehr Von Kerstin Holm, Moskau

14.04.2015, 08:00 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 12.05.2012, 19:23 Uhr

Kate und William Alle warten auf das Kind

Vor der Londoner Klinik, in der Herzogin Kate ihr Kind gebären wird, versammeln sich die ersten Fans, Maren Kroymann ist fresh im Alter und Sacha Baron Cohen bekommt Nachwuchs – der Smalltalk. Mehr 4

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden