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Veröffentlicht: 12.05.2012, 19:23 Uhr

Kreml-Flieger Mathias Rust Der lange Irrflug der Friedenstaube

Ein junger Deutscher landet im Mai 1987 im Herzen der Sowjetunion. Erst wird er zum Helden, dann zum Spinner. Und 25 Jahre danach ist Mathias Rust immer noch ein Rätsel.

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© action press Moskau, 28. Mai 1987 gegen 19 Uhr: Mathias Rust landet in der Nähe des Roten Platzes und verändert ein kleines bisschen die Weltgeschichte – und in dramatischer Weise sein eigenes Leben.

Mathias Rust ist plötzlich verschwunden, obwohl alles vorbereitet war. Er sei beruflich kurzfristig in Singapur, lässt er Journalisten wissen, denen er Interview-Termine zugesagt hatte. Auch die ARD, die ihn diese Woche als Stargast für die Präsentation einer Dokumentation über den „Kremlflieger“ angekündigt hatte, muss kurzfristig umdisponieren. Enttäuscht ziehen die Fotografen wieder ab, da hilft auch die Rust-Papiermaske nichts, die sich einer der Fernsehleute vors Gesicht hält. Rust, so viel wird klar, ist auch 25 Jahre nach seinem spektakulären Flug unberechenbar geblieben.

Stefan Locke Folgen:

Aber vielleicht ist es gerade solchen Menschen vorbehalten, auf ungewöhnliche Weise Weltgeschichte zu schreiben - und das hat Rust unbestritten. Am 28. Mai 1987, am Himmelfahrtstag, war der damals fast Neunzehnjährige gegen sieben Uhr abends mit einem kleinen, viersitzigen Sportflugzeug mitten in Moskau gelandet, in der Nähe des Roten Platzes. Seine Eltern wähnten ihn seinerzeit in Skandinavien, wohin er zu einer zweiwöchigen Flugreise aufgebrochen war. Dann aber sehen sie ihren Sohn in der „Tagesschau“, wie er - im Hintergrund die Basilius-Kathedrale - im knallroten Overall am Heck seiner Maschine lehnt, umringt von Moskauern, die ihn fotografieren und um Autogramme bitten.

Als Kreml-Flieger beruehmt geworden © dapd Vergrößern Mathias Rust heute

Ein britischer Arzt, der auf einem Kongress in der sowjetischen Hauptstadt weilt, filmt mit seiner Videokamera, wie Rust mehrfach tief über den Roten Platz fliegt, nicht landen kann, weil zu viele Menschen darauf unterwegs sind, und wie er schließlich auf der nahen, vierspurigen Brücke über der Moskwa aufsetzt, ausrollt und parkt. Rust hat es geschafft, seine Mission ist erfüllt, aber er hat keinen weiteren Plan und auch keine Ahnung, wie dieses Abenteuer sein Leben und das seiner Familie verändern wird, vor allem im Negativen. Ganz zu schweigen von den weltpolitischen Folgen, zu denen wenige Jahre später auch der Zerfall der Sowjetunion zählt.

Für die Supermacht Sowjetunion ist der Flug eine Blamage

“Wenn ich gewusst hätte, was sich daraus entwickelt, ich würde es nicht noch mal wagen“, sagt Rust heute vor der ARD-Kamera. „Das muss man wirklich machen, ohne die Konsequenzen und die Weiterentwicklung einer Geschichte zu kennen.“ Die Filmemacherin Gabriele Denecke hatte sich lange um ein Statement von Rust bemüht. „Es war wie ,Warten auf Godot’“, sagt sie. Mal habe er zu- und dann wieder abgesagt. Letztlich sei sie auf einen reflektierenden, durchaus selbstkritischen Mann getroffen, der sich keineswegs als Held fühle, im Heute lebe und seinen Moskau-Flug längst abgehakt habe.

Rusts Aktion ist im Jahr 1987 für die Supermacht Sowjetunion mit ihrem angeblich am besten gesicherten Luftraum der Welt eine Blamage. Gestartet war Rust in Helsinki. Mit seiner Cessna, die deutsche Flagge am Heck, fliegt er fünf Stunden lang über sowjetisches Gebiet - in 600 Meter Höhe und damit auf dem Radar gut sichtbar. Schließlich passiert er auch noch unbehelligt die drei Verteidigungsringe rund um Moskau.

Mathias Rust während des Prozesses zum Fall seiner Landung in Moskau vor dem Obersten Sowjetschen Gericht  _ Mathias Rust during the trial of the case of his landing in Moscow to the Supreme Soviet court © Eastblockworld.com Vergrößern Vor Gericht: Im September 1987 wurde Rust verurteilt - zu vier Jahren Arbeitslager.

Im zweiten Ring ist zu der Zeit der Wehrpflichtige Wladimir Kaminer stationiert, der sich gut an den Fall erinnert und zwanzig Jahre später als erfolgreicher Schriftsteller das ihm damals unbekannte Flugobjekt persönlich treffen wird. Es habe seinerzeit mehrmals Alarm gegeben, erzählt Kaminer, der mehrfach mit seiner Einheit ausrücken, doch letztlich nicht handeln muss. „Mal hatten wir ihn auf dem Radarschirm, dann verschwand er wieder.“ Kleinflugzeuge am Himmel seien damals nichts Ungewöhnliches gewesen. Jeder Kolchos-Vorsitzende habe eines zur Verfügung gehabt, nur über Moskau seien diese nie geflogen.

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