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Krankenhaus-Bekanntschaften Der Mann im Bett neben mir

 ·  Es sind Fremde, die uns im Krankenzimmer plötzlich nahe auf den Leib rücken, weil der Zufall es so will. Was bedeuten uns diese Menschen? Eine Erfahrung.

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© Kat Menschik Angekommen im Krankenhaus, dieser existenziellen Parallelgesellschaft, in der das reguläre Leben suspendiert ist.

Wenn er sich schlafen legte, drehte er sich erst mal auf die Seite - auf die linke oder die rechte, da hatte er keine Vorliebe, glaube ich nach den sechs gemeinsamen Nächten beobachtet zu haben. War er eingeschlafen, verschränkte er die Arme vor der Brust, so als umklammere er vorsichtig etwas, was ganz klein war oder worauf er sich sehr konzentrieren musste. Aber vielleicht bildete ich mir das auch nur ein.

Hatte er dann eine Weile geschlafen, das kann ich nun gewiss sagen, drehte er sich bisweilen auf den Rücken und begann leise zu schnarchen. Am Morgen nach mancher Nacht sprach er davon, dass er lange wach gelegen hatte. Mir war in der Dunkelheit freilich nur sein Atem geblieben, und der hatte ihn nicht eindeutig verraten. Vielleicht dachte er in den schlaflosen Stunden an den Krebs, der in seinem Körper arbeitete. Das hat er aber so nicht gesagt.

Wir waren zu dritt auf dem Zimmer der chirurgischen Station: Er im mittleren Bett, ich am Fenster, unser dritter Mann gleich neben dem kleinen Bad mit Waschbecken und Toilette, in der Nähe der breiten, wuchtigen Tür. Es war das übliche Triptychon der gesetzlich Krankenversicherten ohne Einzelzimmerzusatzversicherung. Wir waren Fremde, die einander plötzlich nahe auf den Leib rückten, weil der Zufall es so wollte; Verwandte auf Zeit. Wir teilten miteinander das Extreme der Situation: die Nähe zum Schmerz, die Möglichkeit des Todes. Wir teilten ein Stück Leben.

Der Grenzübertritt in ein Zwischenreich

Was ich an dem Mann neben mir als Erstes bemerkte, wie er da auf seinem Bett saß, waren zwei kinderfaustgroße durchsichtige Plastikkugeln, die in Hüfthöhe an seinem hellblauen Trainingsanzug baumelten. In ihnen schwappte herum, was aussah wie eine unappetitliche Tomatensauce. Redonflaschen, so würde mir eine Schwester später erklären, sind dazu da, nach Operationen Blut und Sekrete aus dem Wundgebiet abzusaugen. Man hatte ihn erst wenige Tage zuvor operiert.

Er war in einem Alter, in dem ich meine Großväter in Erinnerung habe, auch wenn die bereits seit mehr als zwanzig Jahren tot sind: alt, aber rüstig, wie man so sagt. Fast siebzig, eine Generation älter als ich. 1,75 vielleicht, kurze graue Haare, kräftige Nase. Seine Augen waren so wässrigblau, wie ich es zuletzt bei Götz George gesehen hatte.

Zunächst nahmen mich die Körpersäfte, die er mit sich herumtrug, nicht gerade für ihn ein. Aber an diesem Morgen gehörte ich ja auch noch nicht dazu, wenngleich meine eigene Operation nur Stunden entfernt war. Ich kam an diesem Herbstmontagmorgen gerade erst von DRAUSSEN. Ich legte Jacke, Hose, Hemd ab, zog das weiße langärmelige Flügelhemdchen über, das vorne geschlossen und hinten offen ist, was für die asexuellste Nacktheit sorgt, die sich denken lässt. Es war der Grenzübertritt in ein Zwischenreich, in dem alles einem einzigen Zweck unterworfen ist, in dem es Uniformen, Rituale, ja eine eigene Zeit gibt; wo sonst isst man um 16.30 Uhr zu Abend. Ich war angekommen in dieser existentiellen Parallelgesellschaft, in der das reguläre Leben suspendiert ist, als habe jemand die Pause-Taste gedrückt.

Wo soll man hin?

Man kann eine Menge Dinge machen mit so einem Körper, die einigen Spaß machen. Im Krankenhaus aber ist man zuvörderst einer, mit dem etwas nicht stimmt, an dem herumgemessen, herumgedrückt, herumgeschnitten wird. Man wird Kreatur. Es ist wie ein Aufenthalt auf der Insel des Dr. Moreau. Man kann es nur noch aushalten.

Mit welcher Gelassenheit ich im OP die Instrumente betrachten konnte, mit der man mir gleich den Bauch aufschneiden würde, um meine Bauchdecke zu flicken, kommt mir noch immer seltsam vor. Medikamente helfen da natürlich sehr. Nach der Operation dauerte es anderthalb Tage, bis die Zeit und der Rest der Welt wieder deutliche Konturen angenommen hatten. Zerschnitten, wie ein Stück rohes Fleisch, und verklebt sollte ich mir noch lange vorkommen. Während des gesamten Aufenthalts hatte ich die eigentümliche Vorstellung, jenseits des Zimmers, im Operationssaal ein Stockwerk tiefer, würden stündlich Neue wie ich produziert, Geschöpfe eigenen Zuschnitts, von chirurgischen Magiern.

Wie genau es anfing, dass der Mann im Bett neben mir zum Verbündeten wurde, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich an den Anblick meiner Füße in weißen Anti-Thrombose-Strümpfen, die ich unsicher zum ersten Mal wieder auf den Boden setzte, und da wird er eben gesessen haben, gegenüber auf seinem Bett. Wir teilten nicht nur die Erfahrung des Eingriffs, noch so ein Krankenhauswort, in die Integrität unserer Körper. Wir wurden gegenseitig Zeugen unserer Demütigung, Schwäche, Scham. Es ist ja auch unpraktisch im Mehrbettzimmer: Wo soll man hin?

Wir richteten uns ein. Er und ich brauchten vielleicht weitere zwei Tage, da waren wir wie ein altes Ehepaar. Die Situationen und Fragen waren oft die gleichen: Wer geht zuerst ins Bad (er), kann das Licht noch anbleiben (bitte nicht zu lange), wie ist das Mittagessen heute (sehr ordentlich), zum Dessert lieber Milchreis oder Schokoladenpudding? (Schokopudding; den mochte er besonders.)

Wir redeten, wie man so redet

Irgendwann während der Woche meiner Bekanntschaft mit ihm fiel mir ein, was in Shakespeares „Heinrich V.“ der König vor der entscheidenden Schlacht zu seinen entmutigten Männern sagt: „Denn welcher heut’ sein Blut mit mir vergießt, / Der wird mein Bruder.“ Das klingt so auf dem Papier ganz schön pathetisch, Krieg und so, darüber müssen wir jetzt nicht reden. Aber wer im Krankenhaus liegt, dessen Gefühle sind wie aufgeraut, und da wird man empfänglich für solche Fraternisierung.

Nicht dass wir über profunde Dinge gesprochen hätten oder gar über die letzten. Wir redeten, wie man so redet. Eine unvollständige Liste der Dinge, die ich von ihm weiß: Um mit den Nazis was zu tun zu haben, dazu war er zu jung gewesen. In den fünfziger Jahren verließ er die DDR und ging in den Westen. Er arbeitete in einer Fabrik, die Holz verarbeitete, und einer, die dasselbe mit Gummi tat. Von einem seiner Arbeitgeber, einem Mittelständler, erzählte er, da sei er gerne gewesen; im Frühjahr lud der Besitzer zum Ausflug ein, die Belegschaft im firmeneigenen Bus, der Chef im offenen Wagen hinterher. Er klang wie der werktätige Jedermann des alten Westdeutschland.

Bücher hatte er keine mitgebracht ins Krankenhaus. Er bevorzugte Kreuzworträtsel. Lustiger Unfug. - Ulk. Arabischer Fürstentitel. - Emir. Verheiratet war er nicht, schäkerte rührend unbeholfen mit der griechischen Nachtschwester, wenn sie ihren ersten Kontrollgang machte, in dem diffusen Licht, das vom Gang ins Zimmer fiel; der dritte Mann und ich zogen ihn auf deswegen, waren aber auch wie stolz auf ihn. Besuch bekam er von einer Schwester und einem Neffen; einmal kam auch der Schwager mit, ein unangenehmer Typ mit rotem Haar und Bart, der breitbeinig dasaß und große Reden schwang, die ihn, den Kranken, irgendwie klein machten.

Erleichterung und Mitgefühl

Über seine Krankheit klagte er nicht; soweit ich mitbekam, auch gegenüber seinen Verwandten nicht. Dabei war nach der ersten Operation jetzt die Frage: Hatten sie alles erfolgreich herausgekratzt aus ihm, oder steckte der Krebs noch in seinen Lymphknoten? Tag um Tag wartete er. Langeweile und Angst, eine eigenartige Mischung muss das sein, dachte ich. Schrecklich.

Wie viel von diesem Mitleid tatsächlich ihm galt und wie viel mir selbst: schwer zu sagen. Mitgefühl hat ja eine Wurzel im Selbstmitleid: dem Schauder angesichts der Vorstellung, ein ähnliches Leid könnte einen selbst treffen. Aber da war noch mehr: eine Erleichterung. Es gab keine ursächliche Verbindung zwischen ihm und mir; dass er litt, hieß für mich erst mal gar nichts, und doch bin ich nicht sicher, dass ich mir nicht dachte: Wenn er diesen Part übernimmt, bleibt er mir erspart. Hatte ich Mitleid am Ende auch, weil es mich entlastete von dem Gedanken, dass ich ihn so benutzte?

Und er? Als unten am Fluss ein Feuerwerk abgebrannt wurde, lehnte er im offenen Fenster und schaute hinaus. Als ich ihn so sah, dachte ich: Man weiß nie, wie das Innenleben von Leuten aussieht. Ob er gelegentlich umgekehrt dachte, wieso muss es mich so hart treffen und nicht den Kerl im Bett neben mir? Vielleicht waren es wirklich die Augen mit ihrem Blau, aber er kam mir vor wie einer, der kein Arg kennt.

Unser dritter Mann rückte bei all dem zumeist an den Rand. Als er dem Zimmer zugeteilt worden war, hatte er sich vorgestellt: Nachname, Heimatort. Er lachte selbst darüber, wie er das so sagte, womöglich weil es so nach Militär klang. Händeschütteln, Verlegenheit. Bei ihm, Anfang 60, wurde ein Leistenbruch operiert - Routine heutzutage. Drei Tage, dann nach Hause. Ihm fielen nach der Operation das Aufstehen und Gehen, das die Pfleger und Schwestern mit forschen osteuropäischen Akzenten anmahnten, leichter. Für Stunden verschwand er aus dem Zimmer, streifte im Haus umher, ging mit seinen Besuchern spazieren. Seine verschüchterte Frau umsorgte ihn - Krankenhausaufenthalte sind die Stunde der Ehepartner - wuselnd. Marmorkuchen in Alufolie.

Der Krebs war noch nicht raus

Amerikanische Sanitäter im Vietnamkrieg, so erinnerte ich mich irgendwo gelesen zu haben, hatten ein System zur Klassifikation verwundeter Soldaten, „Triage“ genannt. Gerieten die Ärzte unter Druck, verwendeten sie auf die rettungslos Zerfetzten keine Zeit mehr - damit sie sich auf jene Männer konzentrieren konnten, die eine realistische Aussicht aufs Überleben hatten.

Solche Klassen der Lebenschancen, dachte ich, während ich uns drei im Zimmer so betrachtete, gibt es auch unter den Patienten im Krankenhaus. Da sind jene, die weitgehend wiederhergestellt werden können; diejenigen, die das Krankenhaus mehr oder weniger beschädigt verlassen werden, mit einem geschärften Sinn für die eigene Zerbrechlichkeit; und jene, die nicht mehr wirklich zu reparieren sind.

Der Stationsarzt kam herein, suchte den Mann im Bett neben mir. Vielleicht ist er in der Cafeteria, sagte der dritte Mann. Der Arzt ging wieder. Anderthalb Stunden später kam eine Anästhesistin vorbei. Sie suchte ihn auch. Da war klar: Es wird eine weitere Operation geben. Der Krebs war noch nicht raus. Die Ärztin verabschiedete sich.

Der dritte Mann und ich lagen auf unseren Betten, auf dem Rücken, schauten die Decke an, und das nicht nur, weil das weniger Druck auf die Operationsnarbe brachte. Es macht es auch leichter, eine bestimmte Art von Gespräch zu führen. Die Sonne schien ins Zimmer, durch die orangefarbenen Vorhänge und Markisen und die hellgelben Wände schien der Raum sanft zu glühen.

„Das gibt einem schon zu denken“, sagte der dritte Mann.

„Was meinen Sie?“, fragte ich.

„Ob man alles richtig gemacht hat im Leben“, sagte er.

Vermutlich, so denke ich heute, funktioniert so die Annäherung an den Tod, an den eigenen und an den von Menschen, die man liebt, bevor er tatsächlich zuschlägt: Man sieht ihn bei denen, die einem nahekommen, und sei es, weil ein Bettenbelegungsplan es so gewollt hat. Es ist, als schaue man sich das Sterben schon mal an, probeweise und ganz unverbindlich, Gott sei Dank.

Im Krankenhaus mit Ralf

Als ich ungefähr 15 war, verbrachte ich ein paar Wochen auf einer Kinderstation. Ein pummeliger Junge, sollte ich ein paar Kilo abnehmen und gesundes Essen lernen. Im selben Zimmer war noch ein Junge in meinem Alter untergebracht; hieß er Ralf? An sein Gesicht erinnere ich mich ebenfalls nicht mehr genau, nur an den weißen elastischen Kopfverband, den er ständig trug, der ein wenig wie eine Mütze aussah, mit einem Zipfel oben, der aber eben unmissverständlich ein Verband war.

Mich nervte die tägliche Dreiviertelstunde Gymnastik, die ich in einer kleinen Sporthalle auf muffigen blauen Turnmatten absolvierte; dass ich die Spiele im Gemeinschaftsraum nach wenigen Tagen durch hatte; und dass die Schwestern selbst in das Glas mit der Light-Limonade noch Mineralwasser schütteten, damit ich mir ja keine Kalorie zu viel einverleibte.

Was dagegen Ralf genau beschäftigte, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nicht, mit ihm jemals eingehend über seine Krankheit oder seine Ängste gesprochen zu haben; ich wusste, dass er am Gehirn operiert worden war, und ich dachte: Das ist nicht gut; und: Da habe ich noch mal Glück gehabt.

Ein paar Tage lang lebte auch ein Kleinkind von etwa anderthalb Jahren und mit türkischen Eltern auf der Station. Es sollte bald operiert werden, weil es etwas mit dem Herzen habe, hieß es; deshalb habe es auch diese immer blauen Lippen.

Ralf und ich verkürzten uns die Zeit damit, das Kleine zu unterhalten. Wir schoben es im Kinderwagen den langen Gang vor den Zimmern rauf und runter, und immer spielten wir dasselbe kleine Spiel: Man ging ein paar Schritte, bis der Wagen ein wenig Fahrt aufgenommen hatte, und blieb dann plötzlich stehen. Der Wagen rollte alleine weiter, man winkte dem Kleinen mit demonstrativ verdutztem Gesicht zu, hu-hu, hu-hu, und es lachte, als gäbe es kein größeres Glück auf Erden. Dann lief man hinterher und fing den Wagen ein.

Wir dachten, irgendwann wird das Kleine es spitzkriegen und sich nicht mehr ganz so einfach amüsieren lassen, aber es klappte immer, ausnahmslos: Anschieben, stehen bleiben, hu-hu, das Lachen als Belohnung.

Eines Tages stand dann ein türkisches Paar auf dem Gang, noch in Straßenmänteln, vorne am Arztzimmer; einer der Ärzte sprach mit ihnen. Was gesagt wurde, konnten wir nicht hören. Ich sehe nur in meiner Erinnerung dieses Paar im Gegenlicht in dem Krankenhausflur stehen. Der gleißend helle Resopalboden. Die Frau begann mit einem Mal zu weinen; ihr Mann schaute sie an. Das Kleine haben wir danach nicht mehr gesehen, und ich denke, wir trauten uns nicht, nach ihm zu fragen. Aber für Ralf muss es ungleich beängstigender gewesen sein als für mich, zu erleben, dass jemand plötzlich einfach nicht mehr da ist. Richtig bewusst wurde mir das jedoch erst all diese Jahre später.

Im Leid des anderen sieht man stets das eigene

Gelegentlich geschieht es, dass man die Welt durch die Augen eines anderen sieht, und sei es nur für kurze Zeit, und sei selbst das nur eine Illusion. Denn im Leid der anderen sieht man stets das eigene; ihr Schmerz wird ein Maßstab, gegen den man den eigenen misst. Wie das wohl erst auf Krebs- und Sterbestationen ist? „Man wünscht es nicht, aber man zieht es immer vor, dass derjenige stirbt, der neben einem ist“, heißt es gleich zu Beginn von Javier Marías’ Roman „Gift und Schatten und Abschied“. Später, wieder draußen, ist man glücklich, die Erfahrung der eigenen Stofflichkeit hinter sich gelassen zu haben. Man schüttelt sie ab. Es ist eine Frage der Selbstbehauptung: Noch nicht.

Entlassen werde ich an einem Sonntag; zu diesem Zeitpunkt sind wir nur noch zu zweit auf dem Zimmer, den dritten Mann hatten sie am Freitag zuvor entlassen. Es ist später Vormittag. Er begleitet mich nach unten in die Lobby, wo ich darauf warten soll, abgeholt zu werden. Am Kiosk kauft jeder eine Sonntagszeitung. Er hat seine Brille oben vergessen, geht sie aber nicht holen. Hat er Angst, ich gehe, während er es tut?

Wir sitzen auf zwei der schwarzen Ledersessel der Sitzgruppe zwischen Empfang und Ausgang. Hin und wieder kommt ein Besucher herein, im Sonntagsstaat, einen Blumenstrauß oder eine Flasche „Hohes C“ in der Hand, oder eine ganze Familie, mit widerwilligen Kindern. Wir reden wenig.

Mit den neuen Nachbarn kommt er nicht aus

Ich weiß genau, was er machen wird, wenn er wieder hochkommt ins Zimmer. Vermutlich steht das Tablett mit dem Mittagessen schon da, es ist noch nicht mal zwölf. Ich sehe, wie er den Deckel auf dem Teller hochhebt und erfährt, was er bekommt. Ich sehe die Tropfen des Kondenswassers auf dem Plastik. Ob er sich zum Essen an den kleinen quadratischen Tisch setzt oder aufs Bett? Wieso denke ich, er wird da essen, wo der Pfleger ihm das Tablett hingestellt hat?

Nach dem Essen hat er noch den ganzen Sonntagnachmittag vor sich, dann den Montag. Vielleicht kommen morgens neue Patienten, das bringt ein wenig Abwechslung, na ja. Da wird er aber wahrscheinlich schon das Flügelhemd tragen und darauf warten, dass die Pfleger kommen, um ihn zu holen für die Operation.

Als wir uns verabschieden, sage ich, ich müsse demnächst zum Ziehen der OP-Klammern noch mal vorbeikommen und würde ihn bei dieser Gelegenheit besuchen, falls er dann überhaupt noch da sei. Ja, wenn es sich ergibt, sagt er.

Wir haben uns danach noch einmal gesehen, aber für mich war dieser Sonntagmorgen unser Abschied. Als ich eine starke Woche später zum Klammernziehen in die chirurgische Sprechstunde ging, schaute ich vorher in unserem ehemals gemeinsamen Zimmer vorbei. Er saß auf dem Bett und blickte vor sich hin. Wieder mal wartete er auf Untersuchungsergebnisse. Krebs, fortgeschrittenes Stadium, so viel war klar.

Auf dem Gang erzählte er mir, mit dem Nachbarn zur Rechten komme er nicht aus, und der Nachbar zur Linken, in meinem früheren Bett, sei ein Türke, der kaum ein Wort Deutsch verstehe. In der Sprechstunde dann empfahl mir die Schwester, die einen netten skandinavischen Akzent hatte, die Klammern zur Sicherheit doch noch ein paar Tage drin zu lassen. Als ich ins Zimmer zurückkehrte, war er nicht da. Die Klammern zog mir dann mein Hausarzt.

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Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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