26.09.2006 · Anfang des 20. Jahrhunderts brachten Handelsschiffe die Wollhandkrabbe aus China nach Hamburg. Seit die Elbe nicht mehr so verschmutzt ist, vermehrt sie sich wieder ungehindert. Das gefällt den Fischern überhaupt nicht.
Von Reiner Burger, DresdenWann und wie die Wollhandkrabbe nach Deutschland kam, weiß niemand genau. Vermutlich brachten sie Anfang des 20. Jahrhunderts Handelsschiffe in ihrem Ballastwasser als Larven von China in den Hamburger Hafen. Aber erst am 26. September 1912 dokumentierten Wissenschaftler die Existenz des exotischen Krabbeltiers in Deutschland. Anfangs bestaunten die Leute die einschließlich ihrer langen Beine bis zu dreißig Zentimeter breiten Einwanderer. Charakteristisch für die Tiere sind ihre wollig behaarten Scheren, die manche als „Handschuhe“ (daher der deutsche Name) bezeichnen. Kindern waren die handlichen Tiere ein beliebtes Spielzeug.
Doch weil die Wollhandkrabbe in ihrer neuen Umgebung keine natürlichen Feinde hatte, verbreitete sie sich rasend schnell. Anfang der dreißiger Jahre waren die Tiere zur Plage entlang der Elbe geworden. „Zwar ernähren sich die Allesfresser vor allem von toter Biomasse, aber wenn sie in Fischreusen gelangen, fressen sie natürlich die darin gefangenen Fische“, sagt Ernst Paul Dörfler, Elbe-Fachmann des Bunds für Umwelt und Naturschutz. „Sind die Krabben fertig, zerschneiden sie das Netz, um wieder in Freiheit zu gelangen.“
Großangelegte Bekämpfungsaktionen
Bald waren die Krabbeltiere deshalb der Albtraum aller Fischer an der Elbe. Mehrfach versuchte man, der Plage mit großangelegten Bekämpfungsaktionen Herr zu werden. Fuhrwerksladungen von Hand aufgesammelter Krabben transportierten Landwirte in ihre Schweineställe oder ihre Hühnerhöfe. Mancherorts dienten die toten Krabben auch zur Düngung von Feldern. Allein 1936 sammelten fleißige Helfer zwanzig Millionen Wollhandkrabben. Doch alle Mühe war vergebens - lange war den Tieren nicht beizukommen. Der Vormarsch der Schalentiere kam erst zum Erliegen, als immer mehr Industrieabwässer vor allem aus dem mitteldeutschen Raum die Elbe verschmutzten. Die Elbfischer hatten freilich keinen Anlaß, sich über dieses Ende der Wollhandkrabben zu freuen, denn auch Lachse, Hechte, Barben und viele weitere Fischarten konnten nun nicht mehr im Fluß leben.
Nach dem Zweiten Weltkrieg vermehrten sich die Krabben ein paar Jahre lang wieder prächtig. Doch mit dem Wiederaufbau der Industrieanlagen wurde auch das Wasser des Flusses wieder schmutzig, weshalb von Mitte der fünfziger Jahre an kaum noch Krabben in der Stromelbe gesichtet wurden. Ernst Paul Dörfler, der an der Elbe aufwuchs, erinnert sich mit Schrecken, wie damals die Mulde bei Dessau mit weißen Schaumkronen bedecktes schwarzes Wasser aus Bitterfeld und Wolfen in den Fluß trug.
Rückkehr in die chinesische Heimat
Mit dem Zusammenbruch der DDR-Industrie erlebte die Elbe dann beinahe über Nacht ihre eigene Wende. „Mit dem neuen Krabbenaufschwung begann allerdings auch wieder der Fluch der Fischer. Wenn sie ihre Reusen einholen, finden sie manchmal nur noch Kopf und Gräten der Aale und Hechte, daneben Dutzende wohlgenährter Wollhandkrabben“, berichtet Dörfler. Aus der Sicht des Umweltschützers wäre es am besten, wenn die Krabben wie in Ostasien als Delikatesse entdeckt würden: der Feinschmecker als regulierender Feind.
Und tatsächlich haben mittlerweile einige Elbfischer Abnehmer gefunden: chinesische und vietnamesische Familien sowie asiatische Lebensmittelläden und Restaurants. Guido Thies von der Binnenfischerei Mecklenburg (Bimes) in Schwerin berichtet, daß sein Unternehmen mittlerweile pro Saison einige Tonnen Wollhandkrabben aus der Elbe vermarktet. „Das bessert unser Sommergeschäft auf, und es hilft, das Problem Wollhandkrabbe einzudämmen.“ Zudem werden an Stauwehren und Schleusen die Krabbeltiere tonnenweise gefangen, um sie zur Biogasproduktion oder für die Herstellung des vom Chitin abgeleiteten Chitosan zu verwenden.
Allerdings sind Wollhandkrabben gute Kletterer, weshalb sie Wehre auch überwinden können. Zupaß kommen ihnen bei ihrem Wandertrieb auch eigentlich für Wanderfische gebaute Fischtreppen. Ihr Aufstieg gegen die Elbströmung ist eine langwierige Angelegenheit. Von Hamburg bis Dresden (rund 600 Kilometer) brauchen sie bis zu drei Jahre. Sind die Krabben nach vier bis fünf Jahren geschlechtsreif, lassen sie sich zur Fortpflanzung in nur wenigen Monaten zurück in die Flußmündung treiben, wo sie sich paaren. Mittlerweile sind einige Wollhandkrabben wieder in ihre eigentliche Heimat zurückgekehrt. „Diesmal nicht als ,blinde Passagiere', sondern behördlich genehmigt“, erzählt Dörfler. Weil die Wollhandkrabbe wegen der Verschmutzung und Überfischung in chinesischen Flüssen selten geworden ist, soll die Population nun durch Reimporte gestützt werden.