06.03.2007 · Die Auktion ist die erste in der Firmengeschichte des Kostümausstatters „Angels“. Bieter aus der ganzen Welt werden kommen, um Textilien aus bekannten Filmen zu ersteigern. Für lumpige 60.000 bis 90.000 Pfund kann man dann Kleopatra oder Octupussy spielen.
Von Claudia Bröll60.000 Euro soll das schwarze Dinnerjackett kosten. Es ist 42 Jahre alt, offensichtlich mehrfach getragen und hängt etwas flattrig an einem Kleiderständer. Filmfreunde werden bei dem Anblick glänzende Augen bekommen. In dieser Jacke saß James Bond in „Feuerball“ am Spieltisch dem Bösewicht Largo gegenüber. Grund genug, für die Secondhand-Joppe mindestens halb so viel wie für einen Aston Martin zu bezahlen?
In London findet an diesem Dienstag die größte Versteigerung von Original-Filmkostümen in Europa statt. 328 Kleidungsstücke kommen unter den Hammer. Darunter sind berühmte Teile wie die Römerkluft, in der Richard Burton einst Elizabeth Taylor in „Kleopatra“ umgarnte, und der Kunstfaseranzug von „Supergirl“ samt Umhang, Rock und Stiefelchen.
Das heftigste Gefecht zwischen den Bietern aus aller Welt erwarten die Veranstalter um die braune Mönchskutte von Obi-Wan Kenobi aus „Star Wars“, für die allein 90.000 Euro erwartet werden. Wem das zu teuer ist, dem bleiben die Blümchenkleider, in denen Juliette Binoche in „Chocolat“ verführerisch in Pralinen biss (450 bis 600 Euro), oder die raffinierten Schuhe von Al Pacino, die den kleinen Schauspieler in „Der Kaufmann von Venedig“ ein bisschen größer aussehen ließen.
„Viele Kostüme haben eine große Bedeutung“
In der Versteigerung bekommt erstmals eine größere Öffentlichkeit die Kostüme zu Gesicht. Jahrzehntelang hingen sie in den Lagerhallen des britischen Kostümausstatters „Angels“. Der größte Ausstatter Europas hatte lange Zeit nicht geahnt, welche Schätze er in seinem Fundus hatte.
Die braune Kutte beispielsweise wurde jahrelang als Mönchskutte an Privatleute verliehen, für umgerechnet 75 Euro, erzählt Firmenchef Tim Angel. „Als jemand die Kutte anprobierte, stellte ein Angestellter fest, dass es sich um Alec Guinness' Kutte aus ,Star Wars' handelte, die viel wert sein könnte.“ Leicht sei die Entscheidung zum Verkauf nicht gefallen.
„Es ist, wie wenn die Kinder das Haus verlassen. Man möchte, dass sie gehen, aber gleichzeitig möchte man sie zu Hause behalten. Viele der Kostüme haben eine große Bedeutung für uns.“ Letztlich hätten wirtschaftliche Überlegungen den Ausschlag gegeben. Die Versicherung für die Ständer voller Filmgeschichte wäre zu teuer geworden. Außerdem wurde der Platz knapp.
Neun Kilometern lange Kleiderstange
Die Auktion ist die erste in der fast 170 Jahre langen Firmengeschichte. Angels Urururgroßvater Morris Angel verkaufte 1840 zunächst Secondhand-Kleidung an arme Schauspieler, die damals selbst für ihre Kostüme sorgen mussten. Später kamen Uniformen für die Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg hinzu. Als die Bilder laufen lernten, lieferte die Angel-Familie die Kostüme an die britische und internationale Filmindustrie.
Heute beliefert das Unternehmen mehrere hundert Film-, Theater- und Fernsehproduktionen im Jahr. Auf Kleiderstangen mit einer Gesamtlänge von neun Kilometern haben sich mittlerweile Millionen Kostüme angesammelt. Jüngst steckte Angels die britische Königin im Film „The Queen“ in feines Tuch und Prinz Philip passend dazu in den Schottenrock.
28 Filme wurden mit einem Oscar für das beste Kostüm prämiert, darunter „Lawrence von Arabien“ und „Die Geisha“. In den Kostümen, die an diesem Dienstag versteigert werden, haben schon Schauspielerinnen wie Kirsten Dunst, Ava Gardner, Kate Hudson, Sophie Marceau, Andie McDowell, Helen Mirren, Julianne Moore, Meryl Streep, Rachel Weisz, Kate Winslett, Catherine Zeta Jones und Schauspieler wie Richard Attenborough, Kenneth Branagh, Richard Burton, John Cleese, Sean Connery, Robert de Niro, Johnny Depp, Ralph Fiennes, Harrison Ford, Dustin Hoffman, Al Pacino und Peter Sellers gesteckt.
„Es ist wie eine Lotterie“
„Man weiß nie zuvor, ob ein Kostüm Kultstatus erreicht“, sagt Angel. „Als wir den Auftrag für ,Star Wars' bekamen, hätten wir nicht vermutet, dass darum jemals ein solcher Wirbel gemacht werden würde.“ Oft erforderten die Kostüme lange Recherchen. Im Fall der Queen hätten sich Angestellte stundenlang Filmmaterial über die echte Königin angesehen - und die Kameraleute verflucht, wenn sie deren Gesicht in Großaufnahme zeigten statt die natürlich viel wichtigere Rückenpartie ihres Kleides.
Wie viel die Versteigerung erlösen wird, vermag Angel nicht abzuschätzen. Im vergangenen Jahr erzielte das kleine Schwarze von Audrey Hepburn aus „Frühstück bei Tiffany“ bei einer Auktion 467.200 Pfund (rund 690.000 Euro) - fast das Siebenfache der ursprünglichen Schätzung des Auktionshauses Christie's. Der Rekord dürfte bei umgerechnet fast einer Million Euro liegen. So viel zahlte ein Bieter für das enge Seidenkleid, in dem Marilyn Monroe „Happy Birthday, Mister President“ sang. „Die Preise können astronomisch hoch werden, man weiß es nie vorher“, sagt Angel. „Es ist wie eine Lotterie - nur viel glamouröser.“