http://www.faz.net/-gum-6ybpn

Kony 2012 : Mit Twitter gegen Kriegsverbrecher

  • Aktualisiert am

Plötzlich interessieren sich Millionen Menschen für seinen Aufenthaltsort: Joseph Kony Bild: AFP

Eine kleine amerikanische Lobbygruppe hat einen extrem erfolgreichen Kurzfilm über den ugandischen Verbrecher Joseph Kony ins Netz gestellt. Die Kampagne zeigt eindrucksvoll, wie schnell Massen über die soziale Netzwerke mobilisiert werden können.

          Wer ist Joseph Kony? Eine Internet-Kampagne gegen den blutrünstigen afrikanischen Terroristenführer hat sich binnen einer Woche zu einem Phänomen in der Netzwelt entwickelt: Am Montag veröffentlichte die amerikanische Organisation „Invisible Children“ ein Video über den gebürtigen Ugander auf YouTube, bis Samstag klickten bereits mehr als 65 Millionen Menschen weltweit auf den Link. Weitere Kampagnen unter dem Titel „Kony 2012“ wurden von zahlreichen Internetnutzern auf sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook verfolgt. Im Kurznachrichtendienst Twitter war das Stichwort „#stopkony“ zuletzt eines der am häufigsten benutzten.

          Den Erfolg der Kampagne beflügeln sicher auch die zahlreichen amerikanischen Prominenten, die sich auf Twitter und in Interviews dem Aufruf anschlossen, darunter Popstar Rihanna, Rapmusiker Sean „Diddy“ Combs und Schauspielerin Angelina Jolie. Am Donnerstag twitterte auch Regierungssprecher Steffen Seibert: „#Kony - DEU hat das Thema in den UN-Sicherheitsrat eingebracht. Wir unterstützen Afr. Union im Kampf gegen die Gruppe und ihre Verbrechen“.

          Seit 2005 wird Joseph Kony wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit mit Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag gesucht. Bislang ohne Erfolg. Der halbstündige Youtube-Film soll das Bewusstsein über den Rebellenführer schärfen - und dazu beitragen, dass Kony noch vor Jahresende gefasst wird. Mehr als 60 Millionen Menschen haben den ausgezeichnet gemachten Kampagnenfilm bei Youtube bisher „geliked“ und dem Anliegen der Macher damit  zu großem Erfolg verholfen. Die Kampagne zeigt eindrucksvoll, wie sich via Internet in kurzer Zeit große Massen mobilisieren - und manipulieren - lassen.

          Kritik an amerikanischer Lobbygruppe

          An der Vorgehensweise der amerikanischen Lobbygruppe Invisible Children regt sich inzwischen Kritik. So wird moniert, dass sie ein komplexes Thema zu sehr vereinfache. In einer auf ihrer Website veröffentlichten Reaktion räumte Invisible Children nun ein, dass ihr Film tatsächlich viele Aspekte übersehen habe. Allerdings gehe es vielmehr darum, den seit 26 Jahre andauernden Konflikt in „einem leicht verständlichen Format“ zu erklären.

          Jason Russell ist Mitbegründer der Non-Profit Organisation „Invisible Children“ und Regisseur des Films „Kony 2012“
          Jason Russell ist Mitbegründer der Non-Profit Organisation „Invisible Children“ und Regisseur des Films „Kony 2012“ : Bild: REUTERS

          Es wird vermutet, dass Kony sich derzeit mit einer Kerngruppe seiner berüchtigten „Widerstandsarmee des Herren“ („Lord’s Resistance Army“, LRA) in der Zentralafrikanischen Republik versteckt. Noch im Oktober vergangenen Jahres hatte die amerikanische Regierung 100 Elitesoldaten nach Zentralafrika abkommandiert, um die ugandische Terrorgruppe zu bekämpfen. Doch das Ziel, Joseph Kony „unschädlich“ zu machen, wurde nicht erreicht. Ob nun ein Video dieses Ziel erreichen kann, bleibt mehr als fraglich.

          Geschichte der „Lord Resistance Army“

          Die „Lord Resistance Army“ war 1988 als Reaktion auf die Machtergreifung von Yoweri Museveni in Uganda gegründet worden. Angeblich ging es Kony damals um die Schaffung einer Republik, die sich an den zehn Geboten der Bibel orientiert. Die Terrorangriffe der LRA haben im Norden Ugandas in den vergangenen 20 Jahren mindestens 30.000 Todesopfer gefordert und 1,8 Millionen Menschen zur Flucht veranlasst. Die LRA machte dabei immer gezielt Jagd auf Kinder, die verschleppt wurden, um anschließend im sudanesischen Bürgerkrieg auf Seiten der Nordsudanesen zu kämpfen.

          Über viele Jahre war die LRA eine Söldnertruppe Khartums. Als der Norden und der Süden Sudans 2005 Frieden schlossen und die LRA ihre Rückzugsgebiete verlor, machte Kony Anstalten, einen Frieden mit der ugandischen Regierung zu schließen. Die Verhandlungen scheiterten aber 2008. Die ugandische Regierung konnte dem LRA-Führer nicht garantieren, dass der seit 2005 gegen ihn anhängige Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag zurückgezogen werde.

          Uganda und Südsudan gingen daraufhin gemeinsam militärisch gegen die LRA vor, was diese zur Flucht zunächst in den Nordosten Kongos und anschließend in die Zentralafrikanische Republik veranlasste. Dort wird die von den Amerikanern als „terroristische Vereinigung“ eingestufte LRA unter anderem für das Massaker von Makombo in Kongo verantwortlich gemacht, bei dem im Jahre 2009 321 Dorfbewohner getötet worden waren. In Kongo wurden in den vergangenen beiden Jahren mindestens 400 Menschen Opfer der LRA.

          Weitere Themen

          Rolling Stones rocken London Video-Seite öffnen

          Begeisterte Massen : Rolling Stones rocken London

          Es ist zwar „nur Rock ´n Roll“ - aber kaum einer bringt den so rüber, wie die Rolling Stones. Im London Stadium zeigten die Stones eindrucksvoll, dass man auch nach mehr als 50-Jahren Bühnengeschichte immer noch die Massen begeistern kann.

          Philip Roth ist tot Video-Seite öffnen

          Bedeutender Autor : Philip Roth ist tot

          Er schrieb mehr als 30 Bücher, darunter auch den Roman „Amerikanisches Idyll“, für den er 1998 mit dem Purlitzer Preis ausgezeichnet wurde. Mehrere seiner Romane wurden verfilmt.

          Topmeldungen

          Reaktion auf Bamf-Skandal : Seehofers Brandschneise

          Der Bundesinnenminister setzt ein Zeichen, um vom Bamf-Skandal nicht erfasst zu werden. Doch nicht nur im Willkommensmilieu Bremens ist die konsequente Abschiebung eher die Ausnahme als die Regel. Ein Kommentar.

          Treffen zwischen Trump und Kim : Weltklasse-Pokerspieler unter sich

          Vor dem geplanten Gipfeltreffen von Trump und Kim werden Bedingungen gestellt, Erwartungen formuliert und Drohungen ausgesprochen. Dabei spielt auch China eine wichtige Rolle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.