„4 Kontrolettis sind gerade am Scheidplatz ausgestiegen“: Im Münchner Twitterkanal „MVV Blitzer“ kommen Fahrkartenkontrolleure nicht gerade gut weg. Kein Wunder, denn Dienste wie „MVV Blitzer“ warnen vor den eher unauffälligen Herren in zivil, manchmal auch vor einem „versifften Typ mit Vollbart und Jesuslatschen“, um Schwarzfahrern das Leben leichter zu machen.
Kontrolleure gegen Schwarzfahrer: Die Geschichte ist so alt wie der öffentliche Nahverkehr. „Ich fahr schwarz mit der KVB“, sang Jürgen Zeltinger zu Urzeiten, und die Kölner Verkehrsbetriebe wiesen darauf hin, dass der Rockmusiker sie eigentlich im Plural hätte besingen müssen. Inzwischen reicht es nicht einmal mehr für solche Witze: So beklagten Berliner Richter vor kurzem die Flut von Prozessen, die sie gegen Schwarzfahrer führen müssen. Jugendrichterin Dietlind Biesterfeld schätzt, dass sich in Berlin fast jedes dritte Gerichtsverfahren gegen Erwachsene auf Leistungserschleichung bezieht.
Mit Twitter gegen zu hohe Preise
Man erkennt den Schwarzfahrermarkt in der Hauptstadt schon am Projekt „Ublitzer“. Der Initiator und seine knapp zwanzig zumeist studentischen Mitstreiter informieren die Öffentlichkeit via Twitter, Facebook und SMS über Fahrkartenkontrollen im Nahverkehr. Die Internetaktivisten, die ihre Namen nicht nennen möchten, haben „Ublitzer“ im Herbst vergangenen Jahres gegründet. Unterstützung bekommen die professionellen Schwarzfahrer von etwa 500 sporadischen Helfern.
Dank der wachsenden Verbreitung von Smartphones erhöht sich die Zahl der potentiellen Mitstreiter. Jeder kann melden, wo gerade kontrolliert wird. Warum der Initiator, der sich „O“ nennt, das alles macht? Vor allem wegen der angeblich hohen Preise und der „undurchsichtigen Tarifgestaltung“ der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).
Etwas bewegen, aber niemandem schaden
In München haben schon etwa 14.500 Facebook-Mitglieder dem MVVBlitzer „Gefällt mir“ signalisiert. Auch hier steckt ein Student hinter dem Onlinedienst, den ebenfalls die hohen Ticketpreise ärgern. Linie, Richtung und Ort soll man bei „MVV Blitzer“ angeben, so dass Schwarzfahrer rechtzeitig flüchten oder gar ein Ticket kaufen können. Oft gibt es aber bei Kontrolleuren in zivil noch genauere Beschreibungen samt besonderen Merkmalen. Die Berliner Warner hatten zunächst sogar überlegt, Fotos der Kontrolleure online zu stellen, sich aber dagegen entschieden.
„Unsere Initiative soll zwar etwas bewegen“, sagt „O“, schaden wolle man aber niemandem. Die Gruppe versteht ihre Kontrollwarnungen als politischen Protest, in der romantischen Tradition der politischen Urväter, für die das Schwarzfahren irgendwo zwischen weltrevolutionärer Tat und Robin-Hood-Umverteilung lag. Am liebsten hätten sie es, wenn der öffentliche Nahverkehr kostenlos wäre. „Das ist für Berlin aber wohl eher eine Utopie“, sagt „O“. Man bleibt also realistisch - und würde sich schon über kleine Verbesserungen wie eine Preissenkung oder großzügigere Nutzungsregeln freuen.
Projekte finden immer mehr Nachahmer
Die Adressaten sehen den Protest gelassen. Klaus Watzlak von den Berliner Verkehrsbetrieben sagt, man wolle nicht dagegen vorgehen: „Wir profitieren eher von der abschreckenden Wirkung.“ Die meisten Fahrgäste hätten ein festes Ziel, an dem sie zu einem bestimmten Zeitpunkt sein müssten. Meist komme es daher nicht in Frage, auf die Fahrt zu verzichten. Das Preisargument will Watzlak nicht gelten lassen. Eine Fahrt in Berlin sei zum Beispiel im Gegensatz zu Paris oder London günstig. Seine Kollegin Bettina Hess von der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) bleibt ähnlich entspannt. Die Meldungen seien nur „kurze Momentaufnahmen“. Man habe meist mehrere Teams von Kontrolleuren gleichzeitig im Einsatz.
Im Internet scheint die Idee derweil immer mehr Anhänger zu finden. In Hamburg gibt es ebenfalls einen entsprechenden Twitterkanal. Auch technisch rüsten die Schwarzfahrer auf: Ein neues Smartphone-App, das sich noch in der Testphase befindet, vereinfacht das Absenden von Warnungen und nutzt die Ortungsfunktion des Mobiltelefons. So können die Kontrolleure schön übersichtlich auf einer Karte dargestellt werden. Der App-Name: „SchaffnerRadar“.
@Ulrich Stauf
Cornelia Gilsbach (Cornelia198)
- 10.08.2011, 12:57 Uhr
Die Flut der Prozesse
Hannes Mayer (hotzen)
- 10.08.2011, 10:41 Uhr
Zu kompliziert, Kurzstrecken zu teuer und nur mit Kleingeld kimmt man weiter...
Michael Germer (MGermer)
- 10.08.2011, 09:52 Uhr
???
nick fury (monoman)
- 09.08.2011, 20:55 Uhr
Es geht wirklich ganz anders ...
Ulrich Stauf (DH7XU)
- 09.08.2011, 19:13 Uhr