http://www.faz.net/-gum-71dft

Kongress der Zeugen Jehovas : Gott wird abwischen alle Tränen

  • -Aktualisiert am

Zum Bezirkskongress in der Commerzbank Arena kamen Zeugen Jehovas aus Hessen, Rheinland-Pfalz und Baden Württemberg. Bild: Kien Hoang Le

Im Frankfurter Stadion haben sich rund 17.000 Zeugen Jehovas getroffen. Sie sind so etwas wie christliche Fundamentalisten. Sie hoffen auf das Paradies. Denn vieles deutet für sie auf ein nahes Ende der Erde hin.

          Ruben Vinski schüttelt sich das Wasser aus dem Ohr. Soeben hat ihn ein Helfer rücklings in ein Bassin mit warmem Wasser getaucht. Der Täufer, gekleidet in ein weißes T-Shirt und schwarze Shorts, hatte ihm zuvor geraten, sich die Nase zuzuhalten. Ganz schnell tauchte Ruben Vinski unter. Nun klettert er über eine Edelstahlleiter aus dem Becken. Er schlüpft in seine Badelatschen und lässt sich sein Handtuch reichen - es ist kalt in der Frankfurter Commerzbank-Arena.

          Rund 17.000 Zeugen Jehovas aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem nördlichen Baden-Württemberg haben sich hier am Wochenende zu ihrem jährlichen Bezirkskongress versammelt. Seit 1903 gibt es in Deutschland Zeugen Jehovas. Sie orientieren sich an der Lehre des Amerikaners Charles Russell und sind so etwas wie christliche Fundamentalisten. Sie leisten keinen Dienst an der Waffe, wählen nicht, feiern keine Geburtstage und lehnen Bluttransfusionen ab, weil das so in der Bibel stehe. Andere Ausprägungen des Christentums halten sie für falsch. In ihrer Deutschland-Zentrale in Selters im Taunus kümmern sich etwa 1000 „Vollzeit-Diener“ für ein Taschengeld um den Druck ihrer Schriften. Viele Bundesländer haben sie als Körperschaft öffentlichen Rechts anerkannt.

          In einem großen Pool lassen sich Jugendliche taufen

          Etwa 170.000 Mitglieder haben die Zeugen Jehovas in Deutschland. Seit Samstag sind es ein paar hundert mehr. Allein 80 Jugendliche und Erwachsene wurden im großen Pool auf der Tartanbahn des Stadions getauft. In mehreren anderen Städten fanden gleichzeitig Kongresse statt, ebenfalls mit Taufen und den gleichen Ansprachen, so in Dortmund und in Glauchau bei Zwickau. Eine Woche zuvor tagten die Zeugen in der Hamburger Imtech-Arena und im Münchner Olympiastadion, zwei Wochen zuvor im Berliner Velodrom und im Nürnberger Frankenstadion. An den kommenden Wochenenden folgen Kongresse mit Massentaufen in Hannover, Stuttgart und Friedrichshafen. Sogar die Musik ist überall die gleiche: Amerikanisch anmutende Streichersätze werden in die Stadion-Lautsprecheranlage von einer CD eingespielt. Die Liederbücher, die jeder dabeihat, tragen die kitschigen Bilder fröhlicher Menschen, die ähnlich auch die Titel der „Wachtturm“-Heftchen zieren.

          Sinn im Chaos der Welt: Wegweiser für den Bezirkskongress der Zeugen Jehovas
          Sinn im Chaos der Welt: Wegweiser für den Bezirkskongress der Zeugen Jehovas : Bild: Kien Hoang Le

          Die meisten Täuflinge stammen aus Zeugen-Familien. Einige sind aber auch durch Freunde oder ihren Ehepartner zu ihrem Glauben gekommen. Ruben Vinski, ein 34 Jahre alter Bankkaufmann aus Mannheim und Vater zweier kleiner Jungen, kennt die Zeugen Jehovas durch seine aus Kroatien stammenden Eltern. Doch er ging nicht mehr in die Versammlungen, seit er 20 war. Seine Frau Paulina, ursprünglich katholisch, kam über Vinskis Eltern dazu. „Vor genau fünf Jahren wurde ich hier getauft“, erzählt sie, als sie auf ihren Mann wartet, der sich in der Spieler-Umkleide anzieht. Heute hat sie Tränen der Rührung in den Augen: „Es macht mich glücklich, dass jetzt für uns beide gemeinsam Jehova an erster Stelle steht. Und dass wir gemeinsam eine Hoffnung auf ewiges Leben haben. Sonst wäre doch alles umsonst.“

          144.000 Plätze sind im Himmel reserviert

          Sie tupft sich vorsichtig mit einem Papiertaschentuch die Tränen ab, damit die Wimperntusche nicht verläuft. Ihr Schwiegervater, überglücklich wie sie, findet auch den Aspekt des ewigen Lebens am wichtigsten: „Sehen Sie, ich bin schon 70. Wenn es Jehova nicht gäbe, was wären wir? Ich habe mich nur dreimal umgeschaut, und schon bin ich alt, und das Leben ist fast vorbei.“

          Dabei ist das mit dem ewigen Leben eine schwierige Sache bei den Zeugen Jehovas. 144.000 Plätze sind nach ihrer Lehre im Himmel reserviert. Die meisten davon allerdings, meint Patric Kutscher, ein 52 Jahre alter Rhetorik- und Verkaufs-Trainer, der Ruben Vinski zwei Jahre lang durch das Studium der eigenen Bibelübersetzung der Zeugen Jehovas auf die Taufe vorbereitet hat, seien wohl schon besetzt. Für alle anderen gebe es ein ewiges Leben im „Paradies auf Erden“, das Jehova nach dem Ende der Welt wieder errichte.

          Weitere Themen

          Die katalanische Hymne rocken Video-Seite öffnen

          Els Segadors : Die katalanische Hymne rocken

          Über eine Million Klicks auf Youtube hat die Heavy-Metal-Version der katalanischen Hymne. Die Sängerin der Band aus den Vereingten Staaten hat katalanische Wurzeln.

          Das ist kein Champagner, das ist Wermut!

          Rocky Mountains : Das ist kein Champagner, das ist Wermut!

          Die Rocky Mountains sind berühmt für ihren staubtrockenen, puderzuckerfeinen Schnee, und den besten gibt es in der kanadischen Provinz Alberta. Doch er ist nicht das einzige Geschenk, das man bei einer Skisafari von Banff über Lake Louise nach Jasper von der Natur bekommt.

          Zyklon „Kai-Tak“ wütet über den Philippinen Video-Seite öffnen

          Sturm in Asien : Zyklon „Kai-Tak“ wütet über den Philippinen

          Vor rund vier Jahren wurde die Region vom Sturm „Haiyan“ verwüstet, wodurch über 7300 Menschen ums Leben kamen. Jetzt fegt der Zyklon über dien östlichen Teil der Philippinen mit Windgeschwindigkeiten von rund 100 Stundenkilometern und starken Regenfällen.

          Topmeldungen

          Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner Mitte Dezember in Berlin.

          Sonntagsfrage : FDP und Union verlieren an Zustimmung

          Der Jamaika-Abbruch tat offenbar weder den Liberalen noch der Union gut – zumindest in der jüngsten Umfrage. Von Zweistelligkeit wäre Christian Lindners Partei derzeit ein gutes Stück entfernt.
          Alireza Karimi während seines Kampfes mit dem Amerikaner J’den Michael Tbory Cox.

          Sport in Iran : Jeder Schlag ein Sieg, jeder Satz unerträglich

          Widersprüchlicher könnte der Umgang mit Sport in Iran nicht sein: Susan Raschidi kämpft mit ihrer Kickbox-Schule für die Freiheit der Frau. Gleichzeitg bekommt der iranische Ringer Alireza Karimi Anweisungen zum Verlieren.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.