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Kommentar Das Menetekel von Tschernobyl

26.04.2006 ·  Das Trauma von Tschernobyl markierte weder das Ende der Aufklärung noch das der Atomkraft. Die Angst des Westens vor einer Wiederholung eines solchen Reaktorunfalls ist immer wieder ausgenutzt worden. Ist es wichtig oder nur zynisch, über die Zahl der Opfer zu streiten?

Von Joachim Müller-Jung
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Viele der heute Zwanzigjährigen werden in diesen Tagen vielleicht zum erstenmal bewußt darüber nachdenken, welche Ängste ihre Mütter und Väter nach jenem 26. April 1986 empfunden haben mußten, an dem sich für sie die dunkelsten kulturpessimistischsten Prophezeiungen zu erfüllen schienen.

Sie können dem Nachdenken darüber eigentlich auch gar nicht entfliehen. Denn das Atomunglück von Tschernobyl, das damals zur Havarie des Blocks 4 in dem tausend Kilometer entfernten sowjetischen Kraftwerkskonglomerat führte, wird durch eine seit Wochen laufende Erinnerungs- und Konfliktmaschinerie förmlich ins kollektive Gedächtnis gezwungen. Wie schon vor zehn Jahren scheint diese Maschine von unsichtbarer Hand gelenkt und von den unterschiedlichsten Interessen geleitet zu werden, was angesichts der wieder aufgelebten politischen Dimension der Atomkraft nicht weiter wundert.

Zu kurz gedacht

Es wäre aber allzu kurz gedacht, den „Super-Gau“, wie er damals begrifflich geboren wurde, allein auf seine ideologische Sprengkraft oder gar auf seine weltpolitische Bedeutung für den Zusammenbruch des Sowjetimperiums einzuengen. Ist es dann doch die schiere Vorstellung der Menschenopfer, um deren Zahl nun bis zur Erschöpfung gerungen wird, die uns so berührt, daß wir die Katastrophe nicht vergessen können - nicht vergessen dürfen?

Ist es also wichtig oder vielleicht doch nur zynisch, wenn darüber gestritten wird, ob zu den paar Dutzend Feuerwehrleuten und Aufräumarbeitern, die unmittelbar nach der Kernschmelze und dem Einsturz des Stahlbetondachs von Reaktorblock 4 verstarben und den unglücklichen Schilddrüsenkrebsopfern, in den kommenden Jahrzehnten noch viertausend weitere Krebstote hinzukommen sollen, wie es das Tschernobylforum der Vereinten Nationen behauptet oder aber doch noch 93.000, wie es die Hochrechnungen der Russischen Akademie und der atomkritischen Organisationen wissen wollen?

Eine Ahnung von der Wirkung

Auch die Gegner, die sich in diesem pseudowissenschaftlichen Gefecht gegenübersehen, können nicht leugnen, daß die Auseinandersetzung inzwischen geeignet ist, jedes einzelne der Strahlenopfer zu verhöhnen und in einem überflüssigen Prozeß der Rechthaberei zu abstrahieren. Es war schon vor zehn Jahren ein Fehler, vermeintlich exakte Zahlen zu nennen. Und Versuche wie jener der Internationalen Atomenergiebehörde, der Opferstatistik endlich nach zwanzig Jahren den Anschein von Exaktheit geben zu können, suggeriert eine Sicherheit, die von der strahlenbiologischen Datenlage nicht im Mindesten gedeckt ist.

Natürlich hat man nach den oberirdischen Atomwaffentests und den systematischen Untersuchungen an Tausenden Strahlenopfern von Hiroshima und Nagasaki inzwischen eine Ahnung über die Wirkung von Gamma- und Neutronenstrahlen auf den Körper. Erfahrungswerte, die man für die Ermittlung der Strahlenfolgen von Tschernobyl nutzte. Aber die Extrapolation hat ihre Tücken. Und zwar schon in der Verteilung der Radioaktivität. Während beispielsweise die meisten japanischen Opfer am ganzen Körper bestrahlt wurden, hat der Fallout von Tschernobyl in großen Teilen Europas Spaltprodukte freigesetzt, die hauptsächlich über Milch und Nahrung in den Körper gelangten und so bestimmte Organe bevorzugt der Strahlung aussetzten.

Zahlen sind nicht in Marmor gemeißelt

Unklar ist auch nach wie vor, ob und inwieweit kleine Strahlendosen, wie sie Millionen Europäer betroffen hat, längerfristig zu Schäden - auch im Erbgut der Keimzellen und damit der nachfolgenden - führen. Gibt es also eine lineare Dosis-Wirkungsbeziehung, wie es die Krebsstatistik der Russischen Akademie will, oder eben doch einen Schwellenwert, unterhalb dessen die Radioaktivität nurmehr vernachlässigenswerte Wirkungen erzielt, wie es den Werten des Tschernobylforums zugrunde liegt?

Immerhin: Mit der Stimme der Weltgesundheitsorganisation ließen die Vereinten Nationen durch die abweichende Verlautbarung von „zusätzlich bis zu 9.000 Krebsopfern unter den Aufräumarbeitern, Evakuierten und Bewohnern der stark kontaminierten Gebiete“ kürzlich erkennen, daß auch die eigenen älteren Zahlen nicht in Marmor gemeißelt sind.

Erpressungspotential

Mit statistischen Experimenten aber wird man der Gegenwärtigkeit des atomaren Menetekels ebensowenig gerecht wie mit der schieren Bezifferung von volkswirtschaftlichen Schäden, wie es von ukrainischer, russischer oder weißrussischer Seite immer wieder geschehen ist. Tatsächlich hatte Tschernobyl jahrlang regelrechtes Erpressungspotential.

Die Angst des Westens vor einer Wiederholung eines solchen Reaktorunfalls oder auch nur dem Zerbersten des provisorisch eingemauerten Havariereaktors ist immer wieder ausgenutzt worden, wie selbstverständlich Gelder aus dem Westen zu aquirieren und eigene Tschernobyl-Staatskomitees zu unterhalten. Mehr als eine Milliarde läßt sich Europa und Amerika den Bau eines zweiten, sichereren Sarkophags über dem Havariereaktor kosten. Und in die Bewältigung der humanitäten Katastrophe im Osten hat Deutschland hat mehr als zehnmal soviel investiert wie Rußland.

Man hat einfach geholfen

Auch so ist das Trauma von Tschernobyl in den Köpfen hierzulande stets präsent geblieben. Irgendwann hat niemand mehr danach gefragt, wie die auf Strahlenfolgen oder auf den Untergang des Sowjetreiches zurückzuführenden Schicksale zu unterscheiden sind. Man hat einfach geholfen.

Die moralische Lehre aus Tschernobyl ist deshalb auch keineswegs, wie immer wieder behauptet wird, die Niederschlagung einer menschenverachtenden Technik- und Wissenschaftsmacht. Vielmehr muß die Moderne, was das Humanitäre angeht, durch viel mehr Stürme gehen als nur durch diesen. Nein, Tschernobyl markierte weder das Ende der Aufklärung noch das der Atomkraft.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.04.2006, Nr. 97 / Seite 1
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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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