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Kölner Bombenanschlag : „Keine Anzeichen für einen terroristischen Hintergrund“

  • -Aktualisiert am

Spurensuche in Köln Bild: ddp

Der Bombenanschlag von Köln, bei dem am Mittwoch 22 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden, hat offenbar keinen terroristischen Hintergrund. Das bestätigte auch Innenminister Schily.

          Nach etwa zwanzig Stunden Ermittlungen hat sich für die Kölner Polizei das Bild verfestigt, für das es schon früh Hinweise gab. Für die Explosion, die am Mittwoch nachmittag den nördlichen Kölner Stadtteil Mülheim kurz vor 16 Uhr aus seinem geschäftigen Rhythmus riß, gibt es offenbar keinen terroristischen Hintergrund.

          Wie Oberstaatsanwalt Rainer Wolf am Fronleichnamstag mitteilte, der in Köln wie in Nordrhein-Westfalen Feiertag ist, wird "ein allgemeindeliktischer Hintergrund" in Erwägung gezogen. Das bestätigte auch Bundesinnenminister Otto Schily am Donnerstag im baden-württembergischen Kehl. Die Machart des Anschlags sei so gewesen, daß es auch viele Tote hätte geben können, sagte Schily. Für ein abschließendes Urteil sei es allerdings noch zu früh. Die Bundesanwaltschaft wird wegen dieser ersten Erkenntnisse die Ermittlungen voraussichtlich nicht an sich ziehen.

          Beträchtlicher Schaden

          Die Ermittlungen der Kölner Polizei dauerten bis zum Donnerstagabend. Nach den ersten Erkenntnissen wurde der Anschlag in der Keupstraße mit einer Rohrbombe verübt, die mit Hunderten etwa zehn Zentimeter langen Nägeln gefüllt und vermutlich an einem Fahrrad befestigt war. "Durch die Bauart ist nach menschlichem Verständnis davon auszugehen, daß der Täter mit einer Vielzahl von Toten gerechnet hat", führte der Leitende Polizeidirektor Dieter Klinger aus.

          Mehr als hundert solcher zehn Zentimeter langen Nägel und Metallteile stecken in der Bombe

          Zu Tode gekommen ist niemand, aber 22 Personen wurden durch die teils hundert Meter weit herumfliegenden Nägel verletzt, vier von ihnen schwer. Der Schaden ist beträchtlich und beträgt nach ersten Schätzungen mehrere hunderttausend Euro. In der Keupstraße in Köln-Mühlheim, wo sich die Explosion vor den Hausnummern 29 und 32 ereignete, leben überwiegen Menschen, die aus der Türkei stammen. Deshalb kommen die meisten Opfer aus dieser Gruppe. In der Keupstraße geht es lebendig zu, denn es gibt dort viele kleine Läden und preiswerte Restaurants, die gerne auch von anderen Bevölkerungsgruppen frequentiert werden, besonders seit in Mülheim immer mehr Fernsehsendungen produziert werden und viele junge Leute in den Stadtteil gezogen sind, wo die Mieten verhältnismäßig niedrig sind.

          Großalarm ausgelöst

          Kurz vor 16 Uhr - um 15.58 Uhr registrierte die Feuerwehr den ersten Notruf - gab es einen mächtigen Knall vor dem Friseurladen von Yildrim Ozcan. Dort und nebenan in einem Lebensmittelladen gab es auch die meisten Verletzten. Zuerst dachten die Menschen, es handele sich um eine Gasexplosion. Doch die vielen Nägel auf der Straße und deren verheerende Wirkung an Gebäuden, Autos und Menschen ließen bald die Vermutung aufkommen, daß es sich um einen Anschlag handele.

          Ein Augenzeuge sprach von dem Geruch von Sprengstoff, den er wahrgenommen habe und durch den es für ihn klar gewesen sei, daß es eine Sprengstoffexplosion gewesen sein müsse. Die erste Feuerwehrbesatzung traf etwa zehn verletzte und blutende Personen auf der Straße an und löste Großalarm aus. Bis zu 140 Rettungskräfte waren daraufhin im Einsatz. Die Polizei sperrte die Straße ab und nahm sofort die Ermittlungen auf. Nach den ersten Mutmaßungen hätte es eben auch ein terroristischer Anschlag sein können.

          "Geschlossene Gesellschaften“

          Es gibt eine gewisse Erleichterung in Köln, daß es sich vermutlich nicht um einen terroristischen Anschlag handelte, der die Auseinandersetzung mit radikalen Islamisten bis vor die eigene Haustür getragen hätte. Gleichwohl ist es schwierig, die Verantwortung und Urheberschaft anderen zuzuordnen. Selbst die Anwohner können oder wollen sich keinen Reim darauf machen. Die einen schließen einen islamistischen Hintergrund aus, weil es unter den Muslimen des Viertels kaum Radikale gebe und auch kaum Anhänger des "Kalifen von Köln", Metin Kaplan. lebten dort kaum.

          Andere Anwohner vermuten Rechtsextremisten hinter der Tat und sehen einen Zusammenhang mit der bevorstehenden Europawahl am Sonntag. Aber das alles sind Mutmaßungen und Spekulationen. Die Polizei schloß einen fremdenfeindlichen Hintergrund der Tat jedenfalls aus. Sicher ist, daß unter den Verletzten nur ein Bewohner der Keupstraße ist, alle anderen kamen aus anderen Stadtteilen Köln oder aus anderen Orten.

          Es gibt in der Keupstraße auch die andere Seite des farbenfrohen orientalischen Flairs, nämlich Glücksspiel, Schutzgelderpressungen, Rauschgifthandel und Machtkämpfe zwischen Türken, Kurden, Albanern, Serben und Bosniern. Gelegentlich kommt es in Köln auch zu Schießereien. Die Ermittlungen sind dann nicht leichter als im terroristischen Umfeld. Bei den kriminellen Organisationen handelt es sich oft um "geschlossene Gesellschaften", die für deutsche Sicherheitsbehörden kaum zugänglich sind.

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