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Kochkunst „Die bürgerliche Küche ist tot“

17.03.2006 ·  Der Begriff der bürgerlichen Küche stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus der Zeit der Industrialisierung. Die Menschen wollten damals besser essen, und sie hatten die Zeit und das Geld dafür.

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Der Begriff der bürgerlichen Küche stammt aus dem 19. Jahrhundert, aus der Zeit der Industrialisierung. Die Menschen wollten damals besser essen, und sie hatten die Zeit und das Geld dafür. So entwickelte sich in den Familien eine bürgerliche Eßkultur: Die Bürgersfrau griff erstmals selbst zum Kochbuch und stellte sich an den heimischen Herd. Es entstand ein eigener Stil der Hausfrau, eine eigene Sprache, die eng verknüpft war mit der Heimat, mit der damaligen Zeit, aber auch mit der Vergangenheit.

Die Familie war sozusagen der Nukleus, und innerhalb der Familie gab es feste Essenszeiten, was als ganz wichtig angesehen wurde, und immer wiederkehrende Gerichte. Es war eine Tugend, sich als Familie zum Essen an einem Tisch zu versammeln. So entwickelte sich die bürgerliche Küche zum bestimmenden Ideal im Deutschen Reich und erreichte bald auch andere Schichten und vor allem die Landbevölkerung, für die ein System örtlicher Haushaltsschulen eingerichtet wurde. Noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg war die bürgerliche Küche das Vorbild am heimischen Herd, obwohl es schon seit der Industrialisierung immer mehr Kochbücher mit Gerichten gab, die schnell zuzubereiten waren. Als sich dann aber die Familie als Grundeinheit zunehmend auflöste, ging auch die bürgerliche Küche nach und nach verloren. Mittlerweile ist sie wohl völlig untergegangen. Genauer gesagt: Sie ist tot.

„Da denkt man automatisch an Rentnerbus“

Sie wurde abgelöst von einer Küche, die Lifestyle und Lebenskultur bieten muß. Wer heute gut essen geht, der denkt vor allem an Lifestyle und Luxus, aber nicht an die bürgerliche Küche. Im Gegenteil: Sie ist ein Schimpfwort geworden, auch in der Gastronomie. Niemand mag mehr gutbürgerlich essen gehen, weil man automatisch an einen Rentnerbus denkt, der in irgendein niveauloses Landgasthaus fährt. Leipziger Allerlei, Rehrücken Baden-Baden, Königsberger Klopse: Kurz nach dem Krieg wurden solche Speisen noch geschätzt.

Doch schon in den fünfziger Jahren setzte die Mediterranisierung der bürgerlichen Küche ein, gefolgt von der Thailandisierung, Vietnamisierung und so weiter. Mittlerweile gibt es eine enorme Vielfalt, während regionale Gerichte fast völlig aus der heimischen Küche verschwunden sind. Wir denken: Der klassische Begriff des Bürgerlichen existiert zumindest in der Küche nicht mehr.

Die Brüder Cornelius Lange (Wiesbaden) und Fabian Lange (Arnsheim) sind Wein-Kritiker. Gemeinsam haben sie gut ein Dutzend Bücher geschrieben, darunter auch Ratgeber für die Küche.

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