23.05.2007 · Als der Kochtopf drohte, hielt es eine chinesische Priesterin nicht mehr aus. Nein, diese Schildkröte soll weiterleben, und die gute Tat soll Glück bringen. Die Schildkröte verstand und schwamm in die Freiheit, bis sie ein weit entferntes Land erreichte. Der Knut des Tages.
Von Dieter Hoß„Red Bull verleiht Flügel“? Mag sein, aber der nach flüssigen Gummibärchen schmeckende Energie-Trunk ist nicht halb so wirkungsvoll wie eine Drohung, im Kochtopf zu landen. Bewiesen hat das eine Meeresschildkröte, die sich nach der unverhofften Rettung vor einem Lebensfinale auf dem Teller eines Restaurantgastes wohl dachte: Jetzt aber nichts wie weg! Und sie schwamm und schwamm und schwamm und schwamm - bis sie endlich auf Land traf. Es war der Strand einer der japanischen Ogasawara-Inseln. Gestartet war sie in China. Zurückgelegt hatte sie damit eine Strecke von nicht weniger als 3000 Kilometern.
Schöne Geschichte, doch woher will man das alles denn so genau wissen? Ist da etwa jemand mitgeschwommen? Viel besser: Eine sehr weise, sehr alte Priesterin namens Shi Wenjing aus der Provinz Guangdong hatte, bevor sie die Schildkröte in die Freiheit entließ, dem Tier ein Nummernschild verpasst: Der Tag der Rettung, der Name ihres Tempels - alles war vermerkt, eingeritzt in den Panzer. So gekennzeichnet wurde die Schildkröte schließlich in Japan entdeckt, wo sie noch flugs 77 Eier im Sand ablegte.
„Chinesen denken, das bringt Glück“
Besonders gefreut haben sich die Forscher der Naturschutzorganisation „Everlasting Nature of Asia“ über die genauen Angaben auf dem Schildkrötenpanzer. Auf diese Weise haben sie einen hervorragenden Einblick in das Reiseverhalten der Tiere erhalten - zumal immer wieder mal an Japans Stränden Tiere mit chinesischen Schriftzeichen auftauchen. Regelrecht dankbar für die wertvollen Informationen aus dem Reich der Mitte wollen die Japaner aber troztdem nicht sein - was wohl immer noch mit historisch begründeten Ressentiments zu tun haben dürfte. „Chinesen denken, wenn sie das Leben eines Tieres retten und es in der Natur aussetzen, bringt das Glück“, kommentiert Hiroyuki Suganuma, Chef der Umweltorganisation, die Kritzeleien auf dem Panzer - und es klingt so wie „sowas können auch nur die Chinesen glauben.“
Der Umkehrschluss: Menschen von den Sushi-Inseln sehen offenbar nicht so viel Sinn darin, Tieren das Leben zu retten. Bleibt für unsere Meeresschildkröte wohl nur eines: Dreh um! Schwimm, Schildkröte, schwimm! Was sind schon 3000 Kilometer.
Knut - es kann nicht nur einen geben! Auch andere Tiermütter haben knuddelige Babys. Ebenso verdient Menschliches abseits der großen Geschehnisse manchmal unsere Aufmerksamkeit. Nicht nur Ereignisse wie ein Besuch im Berliner Zoo können ans Herz gehen. FAZ.NET wird daher in loser Folge so lange den „Knut des Tages“ ausrufen, bis der kleine Eisbär erwachsen geworden ist. Dann - und nur dann - könnte er sogar selbst zum Knut des Tages werden.