03.05.2007 · Kürzlich ging's Eisbärchen Knut mal nicht so gut. Die Nation lechzte nach einem ärztlichen Bulletin. Kein Mensch fragte nach „Heini“. Das Nashörnchen sollte sterben, weil es blind geboren wurde. Doch „Heini“ lebt, und kann sehen! Er ist der Knut des Tages.
Von Dieter HoßDen kleinen „Heini“ aus Hodenhagen für blöd zu halten, wäre mehr als gemein. Dass er sich manchmal dumm anstellte, lag nämlich nicht daran, dass er ein blöder, sondern ein blinder Heini war. Für einen jungen Breitmaulnashorn-Bullen ist das natürlich kein Leben, und selbst in der entschärften Wildnis des Serengetiparks wäre es viel zu gefährlich gewesen, den putzigen 350-Kilo-Jungen unbesehen durchs Freiwildgehege laufen zu lassen. Fast also wäre der Geburtsfehler dem „Heini“ zum Verhängnis geworden. Es wurde schon überlegt, dass Tier einzuschläfern.
Doch die Tierärzte überlegten sich eine komplizierte Augenoperation. „Blödsinn!“, werden erfahrene Safari-Urlauber ausrufen. In Afrika wird Unwissenden dringend geraten, sich bei einem Nashorn-Angriff ruhig zu verhalten und einfach stehen zu bleiben. Nashörner seien nämlich so „blind“, dass sie sowieso zielsicher vorbeirennen würden. Wozu da noch eine Operation? So gesehen war „Heini“ also schon von Geburt an ein geradezu perfektes Nashorn.
„Dass das so schnell geht ...“
Blöderweise wissen seine Artgenossen das aber gar nicht zu schätzen, im Gegenteil. „Heini“ wäre von der Hodenhagener Nashornherde sehenden Auges verstoßen worden. Um dem Jungen ein Verenden aus schierer Einsamkeit zu ersparen, machten sich die Ärzte deshalb doch an das Unterfangen, ein Nashorn sehend zu machen!
Und siehe da! Es hat funktioniert! Schon einen Tag nach der Operation des angeborenen Grauen Stars, die Nashorn-Mutter „Doris“ in einer „Rooming in“-Box neben dem OP-Tisch verfolgte, kann der kleine „Heini“ schon schemenhaft sehen. „Er reagiert bereits auf Handbewegungen vor den Augen und schreckt zurück, was er früher nie getan hat“, freute sich Tierarzt Michael Böer am Donnerstag. „Dass das so schnell geht, hätten wir nicht gedacht.“ Frühestens nach der Wundheilung nach rund zwei Wochen hätten die Tiermediziner mit einer Reaktion des kleinen Dickhäuters gerechnet. Außerdem war es die erste Augenoperation bei einem Nashorn überhaupt, die eingetrübten Linsen „Heinis“ wurden per Ultraschall zertrümmert und entfernt, dazu die Narkose, wo doch das Herz-Kreislaufs-System aller Dickhäuter so empfindlich ist - was da alles hätte passieren können!
Grauer Star mit braunen Augen
Ein bisschen blöd war, dass künstliche Linsen nicht - wie geplant - implantiert werden konnten, da das die Anatomie des Nashorn-Auges nicht zugelassen habe. Aber auch ohne die künstlichen Linsen werde „Heini“ künftig kein Blinder mehr sein, sind sich die Ärzte sicher. Er werde alles ein wenig verschwommen sehen, aber Objekte deutlich wahrnehmen können. Mehr, glauben erfahrene Safari-Urlauber, können die schwergewichtigen Hornträger ja sowieso nicht sehen.
Nun bleibt nur noch zu hoffen, dass es keine Spätfolgen mehr geben wird. In zwei Wochen, wenn alle Wunden verheilt sind, wird der Kleine, der übrigens braune Augen hat, zu den anderen Nashörnern ins Freie gelassen. Am 30. August kann der gehörnte Patient seinen ersten Geburtstag feiern. Alle Ärzte und Pfleger hoffen, dass der kleine Star des Serengetiparks das Datum auch wirklich erleben wird. Doch jetzt, nachdem absehbar ist, dass alles gut wird, wird sich „Heini“ diese Feier kaum entgehen lassen. Er ist ja nicht blöd.