04.05.2007 · Hühner sind ein friedliebendes, Eier legendes Volk. Sie brauchen Ruhe, um die Menschen mit Frühstückeiern zu versorgen. Der Pilot eines Heißluftballons handelte grob fahrlässig, als er über ein Gehege zischte und Panik unter den Hennen auslöste. Der Landwirt wollte sich das nicht gefallen lassen.
Von Marco DettweilerWer sich jeden Morgen sein Frühstücksei kocht, braucht kein Drei-Sterne-Koch zu sein. Aber es gehört Erfahrung dazu, das perfekte Ei hinzubekommen. Die optimale Zeit, die sich das Objekt im Wasser befinden muss, um außen hart und innen weich zu werden, also ohne dass das Weiße allzu glibbrig und das Gelbe zu fest wird, ist nämlich abhängig von der Luftfeuchtigkeit im Raum, der Menge des Wassers und der Heizplatte des Herdes. Außerdem ist es häufig schwierig herauszufinden, an welchem Ende man anstechen muss. Erwischt man die obere Seite des Eis, wird es unweigerlich zu einem weißen Ausfluss kommen.
Am Wichtigsten für seinen Geschmack ist die Herkunft des Eis. Kein Weg führt vorbei an der Freilandhaltung. Jeder weiß zwar, dass die Vorstellung von glücklichen Hühnern falsch und ihre ökologisch und moralisch korrekte Haltung ein Mythos ist. Doch die Eier von Freilandhühnern schmecken nun mal besser als die von Hennen mit Bodenhaftung, geschweige denn von eingepferchten Legehennen. Wer also nicht seine eigene Haushenne hat, braucht Landwirte, die Freilufthennen halten.
Frühstücksei-Fanatiker in Sorge
Das Landgericht Osnabrück hat nun ein Urteil gefällt, das für alle Frühstücksei-Fanatiker Besorgnis erregend ist. Ein Bauer aus dem niedersächsischen Nordhorn hatte geklagt, weil seine 20.000 Freilufthennen plötzlich in Panik gerieten, als ein Heißluftballon über sie hinweg zog. Eigentlich kein Problem für die Hühner, doch der Pilot hatte den Propangasbrenner just in dem Moment angeworfen, als die Hühner nicht wirklich darauf vorbereitet waren, dass gleich ein höllisch lautes Zischen durch ihr Gehege dröhnt. Wahrscheinlich spielten sich danach im Stall ähnlich wilde Szenen ab, wie wenn die berühmt-berüchigte Oma mit ihrem Motorrad zwischen den Hennen hin und her braust.
Die Hennen haben sich zwar irgendwann wieder beruhigt. Sie wollten aber nicht mehr so richtig legen. Nach der Ballon-Attacke kam fast nur noch aus jedem zweiten Huhn ein Ei heraus. Die Existenz des Bauern war gefährdet. Allzu verständlich, dass er vom Heißluft-Piloten Schadensersatz wollte. 26.000 Euro fehlten ihm in der Kasse wegen der Legehemmung. Seit September 2004 kämpft er um sein Recht.
Hass von 20.000 Legehennen
Jetzt ging die ganze Sache nach hinten los. Weil ein mehr oder minder unabhängiger Veterinär der Meinung war, dass die aufgeschreckten Tiere schon nach zwei oder drei Tagen Verstopfung gehabt hätten müssen und nicht - wie vom Bauer geschildet - nach zehn Tagen, muss nun der arme Landwirt die Kosten aller Anwälte, des Gerichts und eines Gutachters tragen.
Ob ihn die Legehennen trösten werden, ist zweifelhaft. Vielleicht werden sie ihm nun so viele Eier schenken, dass er aus der Sache glimpflich herauskommt. Und wehe dem nächsten Heißluftballon, der sich Nordhorn nähert: Der Hass von 20.000 Hühner und eines Bauerns ist ihm sicher.