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Sonntag, 12. Februar 2012
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Knochenfunde Herxheimer Allerlei

09.12.2009 ·  Forscher haben in der Pfalz Überreste von mehr als 500 Menschen aus der Zeit der Bandkeramik gefunden. Bissabdrücke und Schabspuren an den Knochen deuten auf ein steinzeitliches Ritual hin, zu dem auch der Verzehr von Menschen gehört haben könnte.

Von Alard von Kittlitz
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„Jhator“ ist ein Wort aus Tibet und heißt zu Deutsch so viel wie: den Vögeln Almosen geben. Vögel füttern, das kennt man doch auch hierzulande. Großmutter geht mit den Enkeln zum Ententeich, auf der Parkbank sitzt der Pensionär und verteilt altes Toastbrot an die Tauben. Im Winter einen Meisenknödel vor das Vogelhäuschen hängen, das ist germanische Ornithophilie. Der Tibeter schüttelt allerdings den Kopf. „Jhator“ geht anders.

Denn die Tibeter geben den Vögeln dann Almosen, wenn jemand gestorben ist. Es ist klug von den hiesigen Anthropologen, dass sie den Ausdruck nicht wörtlich, sondern praktisch übersetzen, „Himmelsbestattung“ sagt man auf Deutsch also für „Jhator“, eine Praxis, die uns im Westen furchtbar fremd und ziemlich scheußlich vorkommt. Die Tibeter, Buddhisten, geben weit weniger auf die sterblichen Überreste eines Menschen als die Europäer. In Tibet stirbt der Mensch, und die Seele fliegt davon, leibliche Auferstehung ausgeschlossen. Barmherzig und dem Buddha lieb, wer die Überreste der Ahnen den Vögeln schenkt. Allein, ein toter Mensch ist zu groß und zu schwer für so ein Vögelchen, und so gilt es, ihn portionsgerecht zu zerteilen, man trenne das Fleisch vom Knochen, schneide es in Stückchen und serviere es den gefiederten Freunden schließlich auf einer Erhöhung.

Überreste von 550 Menschen wurden gefunden

Unvorstellbar hierzulande. Wir legen unsere Toten üblicherweise in eine Kiste und versenken diese in der Erde. Die Grube hat bei uns Tradition. Mindestens seit der Jungsteinzeit schon kommt, wer stirbt, bei uns unter die Erde. Das mit der Kiste allerdings besteht doch noch nicht ganz so lange. Überhaupt hat eine Gruppe von Forschern in den vergangenen zwei Jahren Entdeckungen gemacht, die die archaischen Totenrituale unserer heimischen Breitengrade beängstigend nahe an das tibetische Almosenritual rücken. Zu Herxheim in der Pfalz hat man die Überreste von mehr als 500 Menschen aus der Zeit der Bandkeramik gefunden. Wohl in Gruben bestattet. Sonst jedoch in geradezu himalajischer Manier verarbeitet.

Die internationale Presse inspirierten die Herxheimer Funde zur Meldung eines jungsteinzeitlichen Massenkannibalismus in der Pfalz. „Der Hunger treibt's rein“, spekulierte sogar die BBC über die Ursachen für die merkwürdigen Funde. Andrea Zeeb-Lanz, die Projektleiterin des Herxheimer Ausgrabungsprojekts, will von solchen Spekulationen jedoch nichts wissen. „Hunger“, sagt sie, „war sicher nicht die Ursache dessen, was wir in Herxheim zutage gefördert haben. Die Funde lassen vielmehr auf eine hochritualisierte Zeremonie schließen.“

Die Forscher entdeckten Bissabdrücke

Was Zeeb-Lanz und ihre Kollegen entdeckt haben, ist eine ringförmig um eine etwa 7000 Jahre alte Siedlung angeordnete Sammlung von Gruben. Diese ringförmige Anordnung allein ist bereits außergewöhnlich. In den Gruben jedoch fanden sich in bunten Haufen menschliche Knochen. Die Skelette waren so zerteilt, dass man nur anhand der Schädel- oder Kieferknochen feststellen konnte, wie viele Menschen überhaupt in einer Grube lagen. An vielen Knochen fanden sich Schabspuren, wie sie entstehen, wenn Fleisch vom Knochen getrennt wird. Die Forscher entdeckten auch Bissabdrücke, von denen allerdings nicht mit Eindeutigkeit gesagt werden kann, ob sie von menschlichen Kiefern stammen. Die Schädelknochen waren bearbeitet, Kalotten von der Schädelbasis getrennt, kein einfaches Unterfangen mit den Steinwerkzeugen der Bandkeramiker. Anhand der Rückenwirbel ließ sich feststellen, dass bei vielen Toten das Rückgrat vom Körper gelöst wurde. Es fanden sich weiter Knochen mit Brandspuren, als habe man das Gebein und vielleicht auch das daran befindliche Protein über offenem Feuer geröstet. Gerade an den Gelenkstellen wurden manche Knochen zertrümmert, was den Schluss nahelegt, dass es den Bandkeramikern um das Mark ging.

Dass man in der Pfalz Menschenfleisch verzehrt hat, ist damit dennoch nicht sicher. „Die These von der rituellen Verspeisung ist schwer zu beweisen“, sagt Zeeb-Lanz. Es fehlt an eindeutigen Indizien, denn in der Pfalz sind bislang keine Koprolithen, vulgo fossile Exkremente, entdeckt worden. Nur aus diesen ließe sich eindeutig folgern, dass die Herxheimer Toten nicht nur zerteilt, sondern auch verspeist worden sind. Die Brandspuren allerdings sind ein Hinweis auf die gastronomische Verarbeitung der sterblichen Überreste, wie die Zerteilung überhaupt an die Funde der Skelette geschlachteter Tiere erinnert. Einige Knochen sind nun nach England geschickt worden, wo man anhand der Kollagenwerte feststellen möchte, ob sie gekocht worden sind.

Keine Spuren von Gewaltanwendung

Unabhängig von dieser Frage geben die Funde in Herxheim den Forschern Rätsel auf. So sind in einigen Gruben Menschen unterschiedlichen Geschlechts und Alters gemeinsam begraben worden. Zugleich weisen die Skelette keine Spuren von Gewaltanwendung auf. Zeeb-Lanz schließt dennoch nicht aus, dass es sich bei den Toten um sprichwörtliche Opfer gehandelt hat. Womöglich seien sie erdrosselt worden. In Herxheim finden sich Töpferwaren aus den unterschiedlichsten Regionen der Bandkeramikkultur. Damit bleibt für die These Raum, dass es sich bei den Toten um Gefangene oder Gesandte aus anderen Regionen handelt. „Ich bin mir jedenfalls sicher“, sagt Zeeb-Lanz, „dass Herxheim ein Zeremonialort war.“

Die Skelette der Toten stammen aus der letzten Periode der Bandkeramik in der Pfalz. Bald darauf verschwand die Kultur von der Herxheimer Bildfläche. Niemand weiß, warum.

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