20.12.2006 · Auf den Foren der Website „Knigge.de“ tummeln sich Menschen, die nicht recht wissen, wie sie sich benehmen sollen. Von dieser Sorte scheint es inzwischen immer mehr zu geben.
Von Sascha LehnartzDer Rechtsanwalt Alexander von Knigge trägt einen berühmten Namen. Deshalb kam er vor einigen Jahren auf den pfiffigen Gedanken, sich im Internet die Domain „Knigge.de“ zu sichern. Was man hat, das hat man. Der Vierunddreißigjährige hatte damals noch keine rechte Vorstellung, was er mit der Seite anfangen würde, und so lag diese erst einmal leer im Netz herum. Es dauerte trotzdem nicht lange, da bekam Alexander von Knigge regelmäßig Post, zumeist adressiert an „info@knigge.de“ oder „webmaster@knigge.de“. Menschen suchten seinen Rat: Man habe dieses oder jenes Benimm-Problem. Baron Knigge könne da doch sicher weiterhelfen.
Spätestens jetzt verstand der junge Knigge, daß sein Name Auftrag und Verhängnis zugleich war. Daß er gewissermaßen gebranded war, ahnte er seit seiner Kindheit. Häufiger durfte er sich da den Scherz anhören, man habe ja doch gedacht, ein Träger dieses Namens wisse sich besser zu benehmen. Angesichts der wachsenden Zahl der unvermittelt eintrudelnden Anfragen erwog von Knigge kurz, die Internetseite allein dafür zu nutzen, mit einem weitverbreiteten Vorurteil aufzuräumen: Daß es sich bei seinem berühmten Vorfahren um einen profanen Benimm-Lehrer, eine Art spätfeudaler Supernanny gehandelt habe.
Aufklärungskampagnen und Lebenshilfe
Kaum jemand wisse heute noch, daß es sich bei Adolph Freiherr Knigge um einen ernstzunehmenden Denker der Aufklärung gehandelt habe, klagt Alexander von Knigge. Deshalb wollte er ursprünglich allein Informationen zum Leben und über die „großen philosophischen Werke“ seines 1752 in Bredenbeck bei Hannover geborenen Ahnen ins Netz stellen. Dessen 1788 erschienenes Hauptwerk „Über den Umgang mit Menschen“ sei schließlich alles andere als ein Benimm-Buch. Doch Knigge junior erkannte rasch, daß er nicht an den Bedürfnissen des Marktes vorbei liefern durfte. „Es ist Unsinn, da etwas anzubieten, das die Leute nicht sehen wollen“, sagt er heute, und der Versuch, allein durch historische Informationen gegen ein einseitiges Knigge-Bild anzukämpfen, sei „ein Kampf gegen Windmühlen“.
Also beschloß Alexander von Knigge seine Aufklärungskampagne mit praktischer Lebenshilfe zu verbinden. Gemeinsam mit dem Internet-Unternehmer Christian Sauer machte er sich daran, „Knigge.de“ zu einer echten Ratgeber-Seite auszubauen, die nebenbei dem historisch Interessierten die Erkenntnis vermittelt, daß der alte Knigge keinesfalls ein „gestelzter Tanzlehrer“ war, sondern Rousseau-Übersetzer, Kant-Leser und Kämpfer für die Menschenrechte.
Allgemeine Ratlosigkeit
Inzwischen arbeiten für „Knigge.de“ eine Redaktionsleiterin, „eine weltgewandte Dame alter Schule“ sowie der Butler des britischen Botschafters in Berlin. Mehr als 70.000 Zugriffe verzeichnet die Seite im Monat. Die Zuschriften sind hübsche Zeugnisse der weit um sich greifenden Ratlosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich. Zugleich verdeutlichen sie, wie in einer Gesellschaft, in der nahezu alles erlaubt ist, die Sehnsucht nach einer Autorität zu wachsen scheint, die quasi letztinstanzlich erklärt: So benimmt man sich. Und so benimmt man sich eben nicht. In einer Zeit, in der Arbeitgeberführer Benimmunterricht fordern und Vorstandsvorsitzende ihn gut gebrauchen könnten, erstaunt es nicht, daß eine Seite wie Knigge.de Konjunktur hat.
Anfragen auf der Seite betreffen denn auch nahezu alle Lebensbereiche. Eine verzweifelte Mutter schildert etwa dieses Problem: „Mein Mann und ich waren heute zu Besuch bei unserem Sohn. Er ist sehr korpulent. Er wohnt mit seiner Freundin zusammen im Haus von deren Eltern. Er empfing uns mit einem großkarierten Hemd und Filzpantoffeln an den Füßen. Ich empfand es als schockierend, zumal auch die Eltern und die 85 Jahre alte Großmutter der Freundin dort waren. Bitte teilen Sie mir mit, wie man Gäste korrekt empfängt, damit ich meinem Sohn die Antwort kopieren kann. Die jungen Leute wissen es ja immer besser!“
Öffentliche Liebkosungen eher vermeiden
„Knigge.de“ befindet in diesem Fall, korrekte Bekleidung gegenüber Gästen sei ein Ausdruck der Höflichkeit, Filzpantoffeln jedoch halte man „von Ausnahmen abgesehen, nicht für korrekt“. Allerdings macht „Knigge.de“ der Mutter wenig Hoffnung, ihren Sohn noch umerziehen zu können, denn dieser habe die Dreißig schließlich schon überschritten, und die Freundin hege dem nachlässigen Schuhwerk gegenüber „offenbar keine Vorbehalte“. Andere Fragesteller erkundigen sich danach, ob „Liebkosungen in der Öffentlichkeit zulässig“ seien (eher vermeiden), ob man sich bei Unterhaltungen zurücklehnen und die Hände hinter dem Kopf verschränken dürfe (nein), oder ob man Kondolenzschreiben Geldscheine beifügen sollte (lieber unterlassen).
„Knigge.de“ spielt jedoch nicht den sittenstrengen Oberlehrer. Betreiber Alexander von Knigge hält sich auch keinesfalls für einen Experten in Benimmfragen. Er habe auch nicht mehr Ahnung „als jeder halbwegs ordentlich erzogene Mensch“. An seinem Wohnort Berlin, wo man das Feierabendbier gern rund um die Uhr in der Straßenbahn aus der Flasche trinkt, dürfte sein Wissensvorsprung in puncto Umgangsformen allerdings weit über dem Durchschnitt liegen. Diskussionswilligen bietet die Seite im übrigen auch ein „Forum“, wo man sich über knifflige Fragen ins Benehmen setzen kann.
Wie auf „Gott segne dich“ reagieren?
Dort erkundigt sich etwa eine Altenpflegerin mit dem Spitznamen „Vampirblut“, wie sie als Atheistin auf den freundlichen Wunsch „Gott segne dich“ reagieren solle. Man rät ihr zu Gelassenheit. Ein gläubiger Ex-Alkoholiker fragt unterdessen, wie er sich beim Abendmahl verhalten solle, und bekommt zur Antwort, er möge den Kelch an sich vorübergehen lassen. Der Herr habe sicher Verständnis. Geteilte Meinungen gibt es im Forum darüber, ob man der Schwägerin sagen darf, daß sie zugenommen hat, doch zeigt der ein oder andere Forum-Teilnehmer durchaus, daß er die aufklärerischen Prinzipien des alten Knigge bereits verinnerlicht hat: Den anderen stets so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.
Wenig weiterführend sind allerdings die redaktionellen „Knigge.de“-Ratschläge zum Weihnachtsfest. Es mag ja sein, daß es ratsam ist, den Ablauf der Festtage vorab familienintern zu diskutieren, um postbaumatischen Stress-Symptomen vorzubeugen. Knigge empfiehlt da die einvernehmliche Klärung potentieller Konfliktherde im Vorfeld: „Soll gesungen werden? Wird auch in diesem Jahr wieder Hausmusik praktiziert? Wer schmückt den Baum? Gibt es einen Kirchenbesuch? Und: Wer mimt diesmal den schmucken Weihnachtsmann für die Enkelkinder?“ Harte Diskussionen, „ja gar Zerwürfnisse“ könnten so vermieden werden, hofft „Knigge.de“ und empfiehlt fürderhin „alle gewünschten ,Accessoires', wie Weihnachtsbaum, Weihnachtsbaumständer, Weihnachtsbaumkugeln“ rechtzeitig zu besorgen. So erspare man sich Hektik vor den Feiertagen. Gegen diesen originellen Vorschlag ist nichts einzuwenden. Aber man fragt sich schon, warum man sich ausgerechnet kurz vor den Feiertagen eine „Grippe samt Figurenkabinett“ einfangen soll. Und dann bleibt die Frage unbeantwortet, ob man diese unter den Baum stellt. Oder ob man sich mit Grippe besser unter den Baum legt.