12.01.2006 · Der des Betrugs angeklagte Klonforscher Hwang hat einen großen Auftritt vor der Öffentlichkeit. Er wähnt sich als Opfer von Neidern und spielt seine Vergehen herunter: Ja, er habe Frauen für ihre Eizellspenden bezahlt, aber nur mit „kleinen Beträgen“.
Von Anne Schneppen, SeoulAn der Seouler Nationaluniversität ist Klonforscher Hwang Woo-suk nicht mehr Professor. Deshalb muß er an diesem Donnerstag ins Pressezentrum der Hauptstadt, um erstmals öffentlich zu den ungeheuerlichen Vorwürfen Stellung zu nehmen. Vor dem Eingang hat schon früh am Morgen ein Trupp treuer Fans Position bezogen, trotzt Kälte und Wind, hält die altbekannten Plakate mit dem strahlenden Hwang in die Höhe: „Der Stolz Koreas“.
Die jungen Leute, die an der Schranke des Parkwärters auf die Limousine ihres Helden warten, glauben der Untersuchungskommission der Seouler Nationaluniversität nicht: Hwang ein Fälscher? Niemals! Oben im 20. Stock betritt der „Stolz Koreas“, aller Privilegien beraubt, den Saal. Das Urteil der Kommission war vernichtend, die Forschungsaufsätze, die ihm 2004 und 2005 so viel Ruhm einbrachten, sind als komplett gefälscht entlarvt worden. Doch Hwang kommt nicht gebeugt oder geknickt - und er kommt nicht allein.
Gerichtschoreographie
Mehr als zwanzig junge Mitarbeiter aus seinem Labor stärken ihm den Rücken, reihen sich um den massiven Schreibtisch, an dem Hwang Platz genommen hat. Hier ist nichts dem Zufall überlassen, auch dieser Auftritt ist bis ins letzte choreographiert. Das Wasserglas zu seiner Rechten, ein schnittiger Laptop zu seiner Linken. Die Leinwand ist aufgebaut, der Projektor flimmert. Doch nichts von alldem wird gebraucht. Die Inszenierung lebt vom Kontrast: im Vordergrund Hwang selbstsicher, kontrolliert, eloquent; im Hintergrund die blassen Gesichter seiner Assistenten, starr, ausdruckslos, müde, als stünden sie alle unter Dauerschock.
Eine „Entschuldigung“ ist angekündigt worden. Doch die kommt in Kombination mit einer feurigen Rechtfertigungsrede, fast en passant, etwa zur Mitte der einstündigen Pressekonferenz, die landesweit von den Fernsehstationen übertragen wird: „Ich entschuldige mich aufrichtig bei der Nation für die Verwendung fehlerhafter Daten in meinen Veröffentlichungen.“ Er werde die volle Verantwortung für diese Fehler tragen, er habe es „versäumt“, Daten zu überprüfen und Zuarbeitern blind geglaubt.
Hwang gesteht sogar ein, manches Datenmaterial „aufgebauscht“ zu haben, doch gegen den Vorwurf vorsätzlicher Fälschung wehrt er sich, sieht sich als Opfer eines Komplotts von Neidern. Er geht in die Offensive: Mitarbeiter des MizMedi-Hospitals, die Kooperationspartner seiner Klonforschung, sollen ihn hintergangen, seine Stammzellinien hinterrücks ausgetauscht haben, behauptet der diskreditierte Professor. Er nennt sogar drei Namen, darunter den des MizMedi-Leiters, Roh Sung-il, der einer derer war, der Hwangs jähen Absturz mit Enthüllungen über nicht existierende Stammzellinien beschleunigte.
Den Tränen nahe ins Finale
Die Analyse der Untersuchungskommission teilt Hwang nicht. Über 100 Blastozyten habe man kreiert und sei damit weiter gekommen als jedes andere Laboratorium der Welt. Hwang setzt noch eins drauf. Wenn man ihm nur sechs Monate, gute Forschungsbedingungen und genügend Eizellen gebe, wäre sein Team in der Lage, zwei bis drei aus menschlichen Embryonen gewonnene Stammzelllinien herzustellen. In der Fachzeitschrift „Science“ hatte er behauptet, dies schon elfmal erreicht zu haben. Trotz seines Angriffs gibt Hwang auch Terrain ab. Er gesteht ein, Frauen für ihre Eizellspenden mit Geld bezahlt zu haben, „kleine Beträge“. Vor wenigen Wochen hatte er dies noch vehement abgestritten.
Zum Abgang im Blitzlichtgewitter scheint er den Tränen nahe, er drückt einige seiner Mitarbeiter innig an sich, blickt ihnen tief in die Augen. Man kann kaum anders, als für sie Mitgefühl zu empfinden. Und das ist wohl auch die Intention dieses Finales. Nur wenige Stunden vor dem Auftritt hatte Hwang - wie zu erwarten war - Besuch von der Staatsanwaltschaft im eigenen Haus. An den ersten Razzien im südkoreanischen Klonskandal waren 60 Beamte beteiligt, sie durchstöberten Laboratorien und elf Privatwohnungen. Das Material - darunter auch elektronischer Briefverkehr - soll bis zum Wochenende gesichtet sein. Dann wollen die Staatsanwälte mit den Verhören beginnen. Es wirkt so, als buhle Hwang schon jetzt um Sympathie.
Ein Großteil der Bevölkerung, so suggerieren Meinungsumfragen, steht jedenfalls noch zu ihm. Die Regierung, die ihn so lange umworben hatte, sucht allerdings schon Abstand. Der zum Jahreswechsel ausgeschiedene Gesundheitsminister Kim Geun-tae, der sich nun offiziell anschickt, die Führung der regierenden Uri-Partei zu übernehmen, gesteht immerhin Nachlässigkeiten ein: „Obwohl es schmachvoll ist, muß die Wahrheit ans Licht kommen - für alle Koreaner und die Welt. Die Wahrheit rangiert höher als das nationale Interesse.“