17.03.2006 · Passend zum Thema treffen Sie mich gerade bei einem der führenden Seidenweber in Norditalien an. Ich kaufe wieder einmal viele Stoffe ein, weil wir in Deutschland mehr Krawatten denn je verkaufen.
Passend zum Thema treffen Sie mich gerade bei einem der führenden Seidenweber in Norditalien an. Ich kaufe wieder einmal viele Stoffe ein, weil wir in Deutschland mehr Krawatten denn je verkaufen. Das mag mit unserer Firmenkonjunktur zu tun haben - wir haben in den vergangenen drei Jahren fast fünfzig Prozent zugelegt und sind nun bei 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Aber auch generell stelle ich modisch Fortschritte fest: Die Geiz-ist-geil-Welle war ja begleitet von löchrigen Jeans, möglichst antiken Turnschuhen und Gammel-Look.
Je mehr dieser Trend geritten wurde, desto stärker produzierte er eine Gegenbewegung. Und die geht nun hin zu Eleganz, zu richtigen Schuhen, Anzug, Hemd und Krawatte. Ein weiterer Trend geht dahin, daß sich der Mann mehr Freiheit nimmt, sich zu schmücken. Nachdem er nach Barock und Rokoko jahrhundertelang in Sack und Asche ging, belebt sich das Bild. Der Anzug bleibt natürlich Blau und Grau.
„Das Formelle gewinnt an Boden“
Aber das Hemd erlebt eine Revolution an Farben und Mustern. Der Verbraucher traut sich etwas zu und geht über weiß, blau und weiß-blau gestreift hinaus. Da passen dann plötzlich die Krawatten im Schrank nicht mehr so richtig. So zieht die Hemdenrevolution eine Krawattennachfrage nach sich. Es stimmt zwar, daß viele Männer mit offenem Kragen herumlaufen. Aber die Zahl der Anlässe für eine Krawatte - von der Geschäftsbesprechung bis zum Theaterabend - wächst. Es kann sein, daß der Mann insgesamt nicht so lange Krawatte trägt. Aber er trägt häufiger Krawatte und braucht daher immer wieder neue.
Also: Das Formelle in der Kleidung gewinnt an Boden, wird aber lockerer interpretiert. Die Krawatte muß dekorativ wirken und nicht nur ein Soll erfüllen. Leider belebt das natürlich nicht die deutsche Krawattenindustrie, die - wie die gesamte Textilindustrie - im Niedergang begriffen ist. Wir stellen die Krawatten in unseren eigenen Fertigungsstätten in Tunesien aus italienischen Stoffen her. Und um auf die Italiener zurückzukommen: Sie haben nicht nur ein eigenes Wort für die Bürgerlichkeit - Borghesia. Man muß ihnen auch nicht deren Vorzüge erklären. Hier tragen ja selbst die Busfahrer Anzüge von Armani. Oder zumindest sehen sie so aus!