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Die Weltverbesserer von nebenan

Die Weltverbesserer

Die Welt mag manchmal furchtbar sein, aber das ist kein Grund, nur zu jammern. Man kann sie ja verbessern. Wir stellen Menschen vor, die daran arbeiten. Ihr Trick: Sie fangen einfach an!

22.06.2017 · Lesen Sie sieben spannende Geschichten aus der neuen „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ über Leute, die mit Intelligenz, Zuversicht und ein paar originellen Ideen etwas verändern wollen. Zum Beispiel mit einem Acker für alle oder einer Organisation, die das Treiben der Abgeordneten im Bundestag überwacht. Oder mit dem Web 3.0, einem neuen Internet, das den Menschen das Recht an ihren Daten lässt. Dafür setzt sich Shermin Voshmgir ein (Foto).


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Biokiste


Mehr als eine Biokiste

Ein Acker für alle

Text: CAROLIN WIEDEMANN
Foto: SIGRID REINICHS

„Wir hatten genug von der Lebensmittelverschwendung, davon, wie die Natur belastet wird durch konventionelle Landwirtschaft, davon, dass – selbst wenn‚ bio ‘draufsteht – Gemüse in Plastik verpackt ist, und davon, dass die Leute, die es ernten, komplett ausgebeutet werden“, sagt Daniel Überall. „ Diese Probleme entstehen dadurch, dass die landwirtschaftlichen Betriebe auf dem Markt miteinander konkurrieren müssen.“ Zusammen mit Simon Scholl hat er deshalb vor fünf Jahren die Genossenschaft „Kartoffelkombinat“ gegründet, die mittlerweile über 2000 Menschen in München aus einer eigenen Gärtnerei im Umland mit Gemüse versorgt.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Und die sind auch zu gleichen Teilen Eigentümer – das ist der Unterschied zu den meisten Initiativen, die sich ebenfalls als „nachhaltig“ bezeichnen und Biokisten packen. Mit einem Beitrag von 900 Euro im Jahr finanzieren die Genossen des Kartoffelkombinats den Anbau auf insgesamt 18 Hektar. Ihren Anteil an der Ernte können sie an 65 Verteilpunkten im Großraum München einmal pro Woche abholen. Jeder kann sich an der Arbeit in der Gärtnerei beteiligen, niemand muss.


„Die Gemüsekiste funktioniert wie ein Trojanisches Pferd: Die Leute öffnen sie und beginnen, unser Wirtschaftssystem zu hinterfragen – auch wenn sie einfach nur gutes Gemüse wollten.“
Daniel Überall

„Wir wollen unser Modell so bequem wie möglich gestalten“, sagt Überall, der vor der Gründung des Kartoffelkombinats in verschiedenen Werbeagenturen gearbeitet hat: „Wir passen es dem Lebensstil einer durchschnittlichen Münchner Familie an.“ Die kann zwar nicht zwischen zwanzig verschiedenen Gemüsesorten wählen – es kommt eben, was gerade in der Region wachsen kann. „Doch es liegen geschmackliche Dimensionen zwischen unserem Gemüse und dem Gemüse im Supermarkt.“ Das überzeuge selbst die, die sich nicht wie Überall und sein Team für Fragen nach einem alternativen (Land-)Wirtschaftssystem interessieren. Sie verstehen sich trotzdem nicht als Kapitalismuskritiker: „Wir arbeiten uns nicht an den bestehenden Strukturen ab, sondern machen einfach etwas Besseres.“


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Politikbeobachter


Politikbeobachter

Ein Soziologe prüft, wie korrupt unsere Abgeordneten sind

Text: NIKLAS MAAK
Foto: PETER RIGAUD

Wenn jemand Politische Soziologie an der London School of Economics studiert, kann er hinterher alles Mögliche machen – als Lobbyist nach Brüssel gehen, Diplomat werden, einen der zahllosen überflüssigen Jobs als Kommunikationschef irgendeines Unternehmens annehmen oder Abgeordneter werden. Gregor Hackmack, geboren 1977 in Winsen bei Hamburg, hätte all das tun können – stattdessen ging er auf die Gegenseite und wurde Mitgründer einer Organisation, die unser Verständnis von Politik und unser Verhältnis zu den Abgeordneten grundlegend verändert: 2004 wurde er Geschäftsführer von Abgeordnetenwatch.de, einer Institution, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Treiben der Abgeordneten im Deutschen Bundestag transparent zu machen – zumal dann, wenn die Parlamentarier auffällig anders entscheiden, als eine Mehrheit der Bürger, die sie gewählt haben, entscheiden würden. Warum wurde aus dem Atomausstieg so lange nichts, obwohl eine Mehrheit der Bürger ihn wünschte? Wie kann es sein, dass der Dieselskandal keine Folgen für die Autoindustrie hat, dass alle Vorstöße der Umweltministerin scheitern? Welche Politiker und Abgeordneten werden von welchen Lobbygruppen so beeinflusst, dass sie am Ende gegen den Wählerwillen entscheiden?


„Wenn sich Parlamente so weit von der Bevölkerung entfernen, müssen wir die Abgeordneten noch mal genauer anschauen“
Gregor Hackmack

„Was haben die gemacht, wie haben sie abgestimmt? Wir haben ein eigenes Rechercheteam und decken Lobbyismus auf“, erzählt Hackmack, der nach zehn Jahren Abgeordnetenwatch vor drei Jahren die Leitung des Deutschlandteams der Online-Petitionsplattform Change.org von deren jetziger Europachefin Paula Peters übernahm. Abgeordnetenwatch finanziert sich über Kleinspenden und rund 4500 Fördermitglieder und legt das offen, was in den Hinterzimmern der Politik verhandelt wird. Dank Abgeordnetenwatch kann man jetzt sehr genau nachvollziehen, wie über die bayerische Staatskanzlei die Forderungen der bayerischen Autohersteller nach Berlin durchgereicht werden – oder welche Lobbyisten etwa der Rüstungsindustrie durch welche Parteien und welche Abgeordneten einen Hausausweis für den Bundestag bekommen haben.

Diese Information muss nach dem Informationsfreiheitsgesetz herausgegeben werden – und dass sich vor allem CDU und SPD hartnäckig weigerten, das zu tun, und die Herausgabe, wie Hackmack erzählt, über zwei Instanzen durchgekämpft werden musste: All das zeigt, wie nötig diese neue Form der öffentlichen Kontrolle der Politiker durch die Bürger ist, die sie wählten.


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Zukunft des Bauens


Zukunft des Bauens

Zwei Architekten zeigen, wie wir bald wohnen werden

Text: NIKLAS MAAK
Fotos: PETER RIGAUD

Die deutsche Architektin Johanna Meyer-Grohbrügge, geboren 1979, und der amerikanische Architekt Sam Chermayeff, geboren 1981, haben sich in Japan kennengelernt: Sie haben beide fünf Jahre lang im Tokioter Architekturbüro Sanaa gearbeitet, dem die Welt so lichte Entwürfe wie den des auf dünnen Betonbeinen einherschwebenden Louvre im nordfranzösischen Lens verdankt. Nach dieser Zeit kamen die beiden Architekten nach Berlin und eröffneten ihr eigenes Büro, das sie, nach dem Gründungstag ihrer Firma, June 14 nannten, weil zu erwarten war, dass die Menschen sich die Namenskombination Meyergrohbrüggechermayeff nur schwer merken können. Und kaum dass sie in Berlin waren, sprach sich bald herum, dass da zwei Architekten waren, die das Wohnen und das Zusammenleben so grundsätzlich neu dachten wie lange niemand mehr. Deren Möbel ebenso leicht und improvisiert aussahen wie ihre Häuser. Eines, das leider bisher nicht gebaut wurde, sollte in Berlin entstehen und zeigen, wie man neue Räume für eine Gesellschaft baut, die gerade einen radikalen technologischen und soziodemographischen Wandel erlebt: Ein Haus, in dem gearbeitet und gewohnt wird und in dem nicht nur Kleinfamilien, die oft nur noch ein Viertel der Bevölkerung stellen, sondern auch drei Alleinerziehende mit ihren Kindern, eine WG, ein paar Singles oder acht Achtzigjährige, die nicht ins Heim wollen, zusammen wohnen können.

Johanna Meyer-Grohbrügge und Sam Chermayeff vom Büro June 14

Das Haus muss man sich vorstellen wie ein Sandwich: Die unterste Schicht sollte ein Labyrinth aus verglasten Räumen sein, die entweder als Küche oder als kleines Büro dienen würden. Aus dieser Ebene, in der gelebt und gearbeitet werden soll, führen Treppen in die Privatsphäre hinauf – in intime Räume, die nach außen keine Fenster haben und sich auf Innenhöfe öffnen, die wie ein Zimmer ohne Dach die Räume verbinden. Und oben drauf hätte es einen Dachgarten für alle gegeben – eine große Wiese mitten in der Stadt.

Immerhin baut June 14 jetzt in Berlin ein 3400 Quadratmeter großes Baugruppenhaus mit „shared spaces“, das aus sechs Türmen besteht, die sich so ineinanderschieben, dass man die 23 Wohneinheiten flexibel zusammenschalten kann. Das Haus wird ein Denkgebäude sein: Es wird seine Bewohner ermutigen, darüber nachzudenken, was man jenseits der bekannten Sortierung des Lebens in die Schubladen Schlafzimmer, Wohnzimmer, Arbeitsplatz und Straße wirklich braucht – und ob nicht doch ein großer Dschungel für alle, eine gemeinsame Küche, eine Dachterrasse und ein Raum, in dem sich die Gemeinschaft zu Essen und Diskussionen und Feiern und Streit versammeln kann, eigentlich viel wichtiger ist als möglichst viele Quadratmeter pro Wohneinheit.


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Wildkaffee


Mit Wildkaffee den Regenwald schützen

Ein Unternehmer stört die verkrusteten Strukturen der Food-Industrie und hilft Bauern

Text: RAINER SCHMIDT
Fotos: PER-ANDERS PETTERSSON / LAIF

Mit Worten wie Weltverbesserer, Altruismus, Solidarität oder gar Mitleid sollte man Florian Hammerstein besser nicht kommen, da fühlt er sich schnell missverstanden – was zunächst nicht nachvollziehbar ist. Denn mit seinen zehn Mitarbeitern von Original Food scheint er von Freiburg aus die schönsten Entwicklungshelfer- und Umweltschützerträume in Äthiopien zu erfüllen:

Im Südwesten des ostafrikanischen Landes verdienen heute fast 1000 Bauern in mehr als 50 Kooperativen, die er mit aufzubauen geholfen hat, ihr Geld mit feinstem Wildkaffee aus dem bedrohten Regenwald, den sie an ihn verkaufen. Hammerstein zahlt Preise, die etwa 80 Prozent über dem Weltmarktniveau liegen. Davon profitieren die Bauern und ihre Familien, zusammen fast 100.000 Menschen. Zugleich ist das ihr starker Anreiz, den Regenwald zu erhalten: Denn nur dort wachsen die wilden Kaffeesträucher. Partner wie die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit oder die Stiftung Weltbevölkerung kümmern sich um Bildung und Gesundheitsversorgung der Bewohner. Seit 2010 schützt dort ein Unesco-Biosphärenreservat die Natur.

Hammerstein hat für sein Engagement kürzlich von der Hamburger Initiative für Menschenrechte den Ehrenpreis erhalten. Die Anerkennung rührt ihn schon, aber er sieht sich vor allem als Geschäftsmann, ihn treibt eine anarchistische Lust, die verkrusteten Strukturen der Food-Industrie zu stören und zu zeigen, dass man anders arbeiten kann – und trotzdem alle profitieren: „Nur Mitleid verkauft nicht, man muss ein super Produkt haben, eine Nische finden, Strukturen aufbauen.

Wildkaffee wächst im Regenwald. Den schützen die Anwohner jetzt, weil es sich lohnt.

Jemand machte ihn 2003 auf den Wildkaffee mit seinen ungewöhnlichen Aromen aus dem Regenwald in der Region Kaffa aufmerksam, sie gilt als Urheimat des Kaffeestrauches. Der Regenwald bedeckte mal 40 Prozent von Äthiopien, heute nur noch drei. Hammerstein schmeckte den Kaffee und ahnte die Nische – und was das für Wald und Bewohner bedeuten könnte. Er sagte den Bauern: Ihr liefert top Qualität, wir machen den Rest. Er gründete Original Food. Er wollte viel richtig machen – und die Einheimischen gut bezahlen. Bald beschwerte sich ein großer deutscher Kaffeeanbieter bei ihm: Dessen Bauern wollten plötzlich auch mehr Geld, er solle mit dem „Schwachsinn“ aufhören. Hammerstein dachte: Ich bin auf dem richtigen Weg.

Wildkaffee ist harte Arbeit: handgepflückt, handverlesen, langwierige Sonnentrocknung, alles bio, faire Entlohnung. Ein Kilo „Kaffa“ kostet im Laden fast 30 Euro, eigentlich ein Irrsinn: Im Handel wird normaler Kaffee oft verschleudert, 15 Euro gelten schon als Grenze für wenig oder viel Absatz. Aber Hammerstein gab nicht auf. Er hatte recht. Original Food hat lange dank eines Hamburger Geschäftspartners überlebt, jetzt schreibt die Firma eine „schwarze Null“. Rund 250 Tonnen Wildkaffee aus Äthiopien vertreibt er jährlich, ein Witz im Vergleich zu normalen Konzernmengen. Die Nachfrage ist größer, aber die Bauern sind nicht so weit, er will nichts überstürzen.

Die ganze Welt verbessern, sagt Hammerstein, das schafft man nicht. Aber in dem Bereich, den man beeinflussen kann, weniger Fehler machen, das schon, immer wieder: Weil ihn der Müll durch Kaffeekapseln ärgert, hat er 2016 die erste zertifizierte kompostierbare Kapsel aus biobasierten Rohstoffen rausgebracht. Gefüllt mit seinem Wildkaffee. Das Kilogramm kostet so fast 90 Euro. Ein gutes Gewissen hat seinen Preis.


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Gesellschaft 3.0


Gesellschaft 3.0

Blockchain soll das Internet befreien

Text: CAROLIN WIEDEMANN
Foto: PETER RIGAUD

Das Web 2.0 sollte den Menschen die Freiheit bringen, stattdessen brachte es Facebook. Und so wie auf Facebook geht es fast im gesamten Internet zu: Menschen schreiben ihren Liebeskummer hinein, ihre Überzeugungen und ihren Lebenslauf, und all diese Informationen gehören dann großen Konzernen, die diese Daten an andere Firmen oder an Despoten verkaufen können. Damit am Ende kein „Circle“ wie bei Dave Eggers herauskommt, muss also schnell ein Web 3.0 her, ein neues Internet, das die Menschen vielleicht doch noch ein bisschen befreit, ihnen zumindest das Recht an ihren Daten überlässt. Shermin Voshmgir glaubt die Lösung zu kennen: Blockchain. „Blockchain kann unsere Gesellschaft revolutionieren“, sagt sie und wirft die beeindruckend voluminösen Haare nach hinten. Die Wienerin hat einen Doktor in Wirtschaftsinformatik, hat in der Forschung gearbeitet und im Film, sie ist Künstlerin und Start-up-Gründerin. Gegründet hat sie den Blockchain Hub und das passende Netzwerk, das an verschiedenen Orten weltweit die neue Technologie unter die Leute bringen soll.

„Hatten Sie jemals von Blockchain gehört?“, fragt Voshmgir und lauert auf das „nein“. Viel zu wenige wüssten davon! Ihr Job sei es, den Menschen zu vermitteln, was Blockhain ist und warum sie es brauchen. Dafür hält sie Vorträge und berät große Firmen und Politiker. Sie erklärt, dass eine Peer-to-Peer-Technologie wie Blockchain ein Internet ohne Intermediäre zwischen den einzelnen Computern möglich macht, ohne große Server, die profitorientierten Vermittlern gehören. „Mit Blockchain werden die Spielregeln einer Transaktion durch Codes festgelegt, und wenn die erfüllt sind, wird der Vertrag automatisch ausgeführt.“ Wichtig sei, dass den Nutzern der Gewinn klar werde: Erstens gehe es um die Daten, zweitens könnten wir uns dank der Technologie von unnötiger Bürokratie befreien. Sie ist sicher, dass die Menschen autonomer werden, wenn sie direkt miteinander verhandeln, wie sie etwa Informationen austauschen und andere Geschäfte durchführen wollen. Auch Politiker hätten dann immer weniger zu tun. Sie grinst. Merkel hat wohl bereits Interesse an Blockchain.

Shermin Voshmgir hat den Blockchain Hub in Berlin gegründet, um nicht nur das Internet, sondern die ganze Gesellschaft zu erneuern

Übrigens hat Voshmgir die Technologie nicht erfunden, sondern selbst erstmals vor zwei Jahren davon gehört. „Hidden Figures“ waren in der Technikgeschichte bislang die Frauen: Ada Lovelace etwa, die das erste Computerprogramm schrieb, kennt kaum jemand. Diesmal ist es andersherum: Irgendwelche Männer haben die Blockchain-Technologie entwickelt – Voshmgir ist nun das Gesicht dazu.


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OP-Trucks


OP-Trucks

Berliner bauen ein Lkw-Hospital für Kriegsgebiete

Text: CAROLIN WIEDEMANN
Fotos: FEE BAUMANN / CADUS, PETER RIGAUD

Sebastian Jünemann hat vier Studienabschlüsse, eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und als Psychologe gearbeitet. Jetzt ist er Türsteher. Dreimal die Woche sitzt er nachts am Eingang einer Kneipe in Kreuzberg, um genügend Geld zu verdienen und wieder in den Irak aufzubrechen. Seine Kollegen vom Verein Cadus warten in Mossul mit einem mobilen Krankenhaus, das sie im Lauf des letzten Jahres in Berlin aufgebaut haben – und das ganz anders funktioniert als die Systeme vom Roten Kreuz mit seinen hundert Betten. Das Krankenhaus von Cadus besteht aus zwei Lastwagen, die innerhalb von vier Stunden zum Operationssaal ausgeklappt werden. Eigentlich wollen sie damit weiter nach Syrien, doch auch im Nordirak ist das Gesundheitssystem zum größten Teil zerstört. Vier Techniker machen die beiden Wagen gerade endgültig einsatzbereit. Jünemann, der „Head of Mission“, wie er unter seinen Kollegen heißt, wird in ein paar Tagen mit einem medizinischen Team von fünf Leuten ebenfalls zurück in den Irak fliegen.

Ein Jeep des Teams in Erbil

Schon während des Studiums half er bei verschiedenen Einsätzen in Katastrophengebieten, und immer kritisierte er, wie vor Ort gearbeitet wurde. Er kannte es anders. Als Mitorganisator des Fusion-Festivals und bei anderen Aktionen aus der linken Subkultur, wie Jünemann sagt, kannte er Teamarbeit, die spontan und weniger hierarchisch abläuft. Außerdem waren ihm die Einsätze in den Katastrophengebieten, die er miterlebt hatte, zu paternalistisch und zu kolonial.

Deshalb gründete er 2014 den Verein Cadus – Redefine Global Solidarity. Ein hehres Ziel, die globale Solidarität neu zu definieren. Nein, das sei ganz konkret, findet Jünemann. Er und seine Freunde hätten drei Kriterien bestimmt, die Cadus anders machen sollen, als es im Bereich der „humanitären Hilfe“ sonst üblich ist: „Erstens kooperieren wir mit den Menschen vor Ort“, sagt Jünemann. Das sei bei den großen Organisationen, die nur kurz für einen Noteinsatz anreisten, nicht der Fall. Als Vorbereitung auf den Einsatz des mobilen Krankenhauses hätten sie sich seit 2014 einen Überblick über die Situation in der Region verschafft, sich mit lokalen NGOs, Ärzten und Pflegern zusammengetan. „Zweitens ist unser Anspruch: Wissenstransfer“, das heißt: Ihre Mediziner und Techniker schulen jemanden vor Ort, den Job weiterzumachen, wenn sie wieder weg sind. Das dritte Kriterium sei der „Innovationsansatz“. „Es gibt mobile Krankenhäuser, die ähnlich schnell funktionieren, aber die kosten über eine Million Euro.“ Ihr Modell haben sie für 150.000 Euro umgesetzt, die hauptsächlich aus Spenden stammen. „Nach ein paar Wochen werden wir es den lokalen NGOs überlassen und zurück nach Berlin kommen, um neue zu bauen.“


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Gesamtkunstwerk


„Gesellschaftliches Gesamtkunstwerk“

Im „Grandhotel Cosmopolis“ wohnen Geschäftsreisende und Geflüchtete zusammen

Text: CAROLIN WIEDEMANN
Fotos: SIGRID REINICHS

Über der Rezeption des „Grandhotel Cosmopolis“ in Augsburg hängen wie in anderen Hotels verschiedene Uhren an der Wand. Doch hier sind sie nicht eingestellt auf New York, London und Tokio. Sondern auf Damaskus, Kabul und Lampedusa. Und auch sonst ist das Grandhotel einzigartig: Es ist Unterkunft für Geflüchtete, Hotel und Kulturzentrum in einem. Ende 2010 entdeckten Augsburger Künstler das ehemalige Altenheim in der Altstadt, das schon fünf Jahre leer stand und langsam herunterkam. „Was für eine Chance das war: Dieses leere sechsstöckige Gebäude in zentraler Lage“, sagt Peter Fliege, der zum Gründungsteam gehört. „Wir diskutierten: Was können wir damit anfangen?“ Und dann schrieben sie das Konzept für das „Grandhotel Cosmopolis“.

Peter Fliege (2. v. l.) und vier seiner Mitstreiter

Fliege lehnt am langen geschwungenen Holztresen mit der türkisfarbenen Lederumrandung, der Café-Theke und Rezeption zugleich ist und früher in einem Fotogeschäft stand. Das Möbelstück hat es auf einem Foto mittlerweile bis über den Atlantik geschafft: Eine chilenische Zeitung illustrierte damit einen Artikel über das Projekt. Das Grandhotel hat viel Aufmerksamkeit bekommen und verschiedene Preise gewonnen, den Sonderpreis der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung und den „Nachhaltigkeitspreis“ des Magazins „Geo Saison“etwa. In Wien, in Berlin und in München gibt es Initiativen, die sich am Augsburger Modell orientieren. Sie würden Medienanfragen nur noch selten annehmen. „Schließlich wohnen hier 65 Menschen“, sagt Fliege. Denen wird in Café und Garten nicht nur Raum für die Begegnung mit Ausgburgern und Reisenden geboten, sie sollen in diesem Gebäude auch ihre Ruhe haben können.


„Es ist doch völlig egal, wer woher kommt“
PETER FLIEGE

„Safe Space“ steht auf den Türen, hinter denen die Räume der Geflüchteten liegen. Direkt daneben geht es in den Flur mit den Hotelzimmern. Die Möbel darin kommen aus Wohnungsauflösungen, auf dem Gang gibt es Gemeinschaftsbäder. Die Hotelgäste leben genauso schlicht wie die Asylbewerber. Schlicht, dafür aber so schön wie selten in Hotels: Jedes Zimmer im Haus ist von einem anderen Künstler gestaltet. Eines ist fast ganz in Weiß gehalten mit hundert Papiertüten, die von der Decke hängen. In einem anderen wachsen Bäume durch den Raum. Der Blick reicht über die Dächer Augsburgs. Der Preis ist frei, die Gäste zahlen, was sie wollen.

Genauso funktioniert es im Café und im Restaurant darunter. An einer langen Tafel sitzen dort mittags Geschäftsreisende, Geflüchtete und Augsburger. „Es ist doch völlig egal, wer woher kommt“, sagt Fliege und holt sich einen Teller Käsespätzle und eine Schüssel mit Curry-Hirse-Suppe. Kurz verstummt das mehrsprachige Geplapper, alle applaudieren der Küchenchefin.

Musiker Ahmad Shakib Pouya ist Teil des Teams

Fliege erzählt, wie sie der Diakonie, der das Gebäude gehört, und der Regierung Schwaben, die in der Region über Unterkünfte für Asylsuchende zu entscheiden hat, das Konzept vorlegten, den Nachbarn erklärten, was sie vorhatten. Schnell sprach es sich in Augsburg herum, und innerhalb von ein paar Wochen hatten sie 150 Helfer auf der Baustelle. Mittlerweile sind es fast 500 Menschen, die den Kräutergarten und das Rosenbeet bepflanzen, Teller abwaschen, mit den Kindern spielen, den Hof kehren, Hotelgäste empfangen oder den Cappuccino im Café servieren – die hier ehrenamtlich arbeiten, will man schreiben, doch Fliege wehrt ab. Das Wort mögen sie nicht im Grandhotel, denn ihnen gehe es weder um Ehre noch um Ämter. Die Wörter formen unser Denken und unser Denken die Welt, davon sind die zwölf Menschen überzeugt, für die das Grandhotel zum Beruf geworden ist: Stef Maldener etwa, der vorher Toningenieur und Musiker war, und sich hier im dritten Stock ein Tonstudio eingerichtet hat, berät dort jetzt die Geflüchteten in Fragen zum Asylprozess. Im ersten Stock organisiert Peter Fliege das Büro des Vereins. „Aber niemand ist hier der Chef“, sagt er. So viele seien gleichermaßen beteiligt.

Alle Zimmer sind Unikate, auch im Hostelbereich

Mit Asylrecht hatten die Künstler vom Grandhotel davor noch nie zu tun. Das änderte sich, als 2013 die ersten Menschen einzogen, Familien aus Tschetschenien, die gleich wieder abgeschoben werden sollten. Die Diskrepanz zwischen den Gesetzen in Deutschland und den Regeln im Haus, wo alle gleich behandelt werden, offenbart sich permanent. Der Verein des Grandhotels hat mittlerweile verschiedene Petitionen gegen Abschiebungen gestartet, manchmal mit Erfolg. Der afghanische Rapper Farhad Sidiqi etwa kann erst mal bleiben. Gerade steigt er die Treppen über den roten Teppich zum Eingang des Cafés empor. Er will Ahmad Shakib Pouya treffen, seinen Kollegen, dessen Abschiebungsbescheid deutschlandweit Protest erregt hatte – und der trotzdem im Januar nach Afghanistan musste. Jetzt ist er zurück, um in München am Theater „Angs essen Seele auf“ zu spielen. Zuvor wollte er hierher, sagt er und lässt sich neben Sidiqi auf eines der Sofa fallen. „Nach Hause.“ Auch er hat das Grandhotel mit aufgebaut.

Das Grandhotel sei kein „Flüchtlingsprojekt“, sagt Fliege, sondern mehr: „Ein gesellschaftliches Gesamtkunstwerk.“ Er und das Team glauben: Jeder Mensch verhält sich so, wie man ihn behandelt, und in jedem steckt ein Künstler. Sie liefern täglich den Beweis.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 21.06.2017 16:15 Uhr