25.04.2002 · Priester stellen eine geistig-moralische Autorität dar. Das senkt den Widerstandswillen von Opfern sexuellen Missbrauchs, so der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter.
Sexueller Missbrauch durch Priester kann nach Einschätzung des Gießener Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter bei den Opfern „schwere und langwierige Folgeschäden“ hervorrufen. „Der Täter stellt für Kinder eine geistig-moralische Autorität dar, so dass ihre Widerstandskraft von vornherein beeinträchtigt und eine Verarbeitung dieser Vergewaltigung besonders erschwert wird“, sagte Richter in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur aus Anlass der bekannt gewordenen Sex-Skandale in der katholischen Kirche. So könnten sexuelle Übergriffe von Kirchenmännern bei Jungen Zweifel an der eigenen sexuellen Identität und an der eigenen Männlichkeit wecken.
„Es ist ganz schwer, sich von den Schuldgefühlen zu befreien, dass man mitgemacht und geduldet hat“, berichtete der Wissenschaftler. Das könne Störungen des Selbstwertgefühls und schwere Hemmungen zur Folge haben. Auch das Gottesbild der Opfer nehme gewaltigen Schaden: „Wenn sich die Kirche als Vermittlerin der religiösen Wahrheit entlarvt als verlogen und kriminell, werden Kinder in ihrem Glauben irritiert, wenn ihre religiöse Überzeugung nicht gar ganz zerstört wird.“
Unterdrückung eines natürlichen Impulses
In der Berufsgruppe der Priester sei die früher allgemein gültige restriktive Sexualmoral „in schärfster Form“ als Gebot geblieben, sagte der gerade aus dem Amt geschiedene Direktor des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts. „Die Unterdrückung dieses natürlichen Impulses nach sexueller Aktivität erzeugt Verlogenheit und eine hohe Versuchung, das im Geheimen auszuleben.“ Wenn sich erwachsene Männer an kleinen Jungen vergehen, zeuge das von einer „völlig unreifen“ Sexualität, die keine normale Entwicklung genommen habe.
Priester häufig homosexuell - nur eine Behauptung
Dass überdurchschnittlich viele homosexuelle Männer den Priesterberuf ergreifen, sei bisher nur eine wissenschaftlich unbewiesene Behauptung. Offenbar neige aber auch der Papst zu dieser Vorstellung: „Durch den großen Rahmen der Debatte nährt er die Auffassung, dass der Missbrauch ein Problem der Kirche allgemein ist und nicht ein Problem einzelner Individuen“, sagte Richter. Auch für Betroffene werde es daher leichter, über den Missbrauch zu reden und sich an die Polizei zu wenden. „Bisher wird es sehr, sehr viele Dunkelfälle geben, weil sich die Opfer als Person entblößen müssen und dann alleine sind. In der Gemeinschaft können sie aber Mut bekommen, die Dinge offen zu sagen.“