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Freitag, 17. Februar 2012
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Kindesmißhandlung Toter Mehmet: Haben Behörden wieder versagt?

16.10.2006 ·  Wie schon im Fall Kevin war den Behörden auch der kleine Mehmet bekannt. Der vier Jahre alte Junge wurde schwer mißhandelt und starb an massiven Hirnblutungen. Die Mutter und ihr Lebensgefährte legten ein Teilgeständnis ab.

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Im Fall des mutmaßlich zu Tode mißhandelten Mehmet aus dem sächsischen Zwickau hat der Lebensgefährte der Mutter ein Teilgeständnis abgelegt. Der 45 Jahre alte Mann habe zugegeben, „aus erzieherischen Gründen“ auf den vier Jahre alten Jungen eingeschlagen zu haben, sagte Staatsanwalt Frank Hoffmann am Montag in Zwickau. Die 28 Jahre alte Mutter habe die Mißhandlung billigend zugelassen.

Mehmet war am vergangenen Freitag in einer Klinik gestorben. Gegen seine Mutter und ihren arbeitslosen Lebensgefährten war am Sonntag wegen des Verdachts des Totschlags vom Amtsgericht Zwickau Haftbefehl erlassen worden.

Dem Jugendamt Zwickau war der Fall Mehmet schon bekannt. Sozialbürgermeisterin Pia Findeis (SPD) sagte am Montag dem MDR, das Jugendamt habe sich von 2002 bis 2005 mit dem kleinen Jungen und seiner Familie beschäftigt. Allerdings seien die Verantwortlichen im Mai 2005 zu einer positiven Prognose gekommen. Von diesem Zeitpunkt an habe es keine Anhaltspunkte mehr für Auffälligkeiten gegeben. Die Familie habe bisher unauffällig in einem Reihenhaus im Ortsteil Schedewitz gelebt, sagte Staatsanwalt Hoffmann. Die im Haus lebenden beiden anderen Kinder, die ein Jahr und sechs Jahre alt sind, wurden zunächst in einem Heim untergebracht. Über deren Zustand konnte die Staatsanwaltschaft keine Angaben machen.

Zunächst Treppensturz vorgetäuscht

Der Lebensgefährte der Mutter hatte am Freitag nachmittag die Rettungsleitstelle alarmiert, weil der Junge am Tag zuvor angeblich im Elternhaus eine Treppe hinabgestürzt sei. Laut Aussage der beiden Beschuldigten soll Mehmet hyperaktiv gewesen und in der Vergangenheit öfter gestürzt sein. Nach dem Treppensturz habe er sich wieder normal verhalten. Am Freitag dann fand ihn das Paar leblos im Bad. Im Rettungshubschrauber wurde der Junge in die Klinik gebracht.

Die Ärzte stellten für einen Treppensturz untypische Verletzungen fest und informierten die Polizei. Die gerichtsmedizinische Untersuchung in Chemnitz ergab, daß der Junge an massiven Hirnblutungen starb. Zudem wies er am gesamten Körper Blutergüsse auf. Der vier Jahre alte Mehmet war nach Angaben der Staatsanwaltschaft zudem „ausgeprägt mangelhaft“ ernährt.

Kein Einzelfall

Mehmet und der zuvor in Bremen tot aufgefundene Kevin sind nach Auffassung des Hannoveraner Kriminologen Christian Pfeiffer keine Einzelfälle - obwohl Kindstötungen in den vergangenen zwanzig Jahren insgesamt zurückgegangen seien. Im Osten Deutschlands sei das Risiko für Kinder, von den eigenen Eltern mißhandelt zu werden, gut doppelt so groß wie im Westen. Kevin, dessen Leichnam man im Kühlschrank seines rauschgiftsüchtigen Vaters fand, wurde zum Symbol für Kinder, die vernachlässigt, geschlagen oder getötet werden.

Die Zahl der Kindesmißhandlung in Deutschland geht nach Angaben Pfeiffers in die Zehntausende; die der verwahrlosten Kinder steige um bis zu zehntausend Fälle jährlich. Nach Schätzungen von Fachleuten sterben jedes Jahr bis zu hundert Kinder, weil ihre Eltern sie hungern oder dursten lassen, sie quälen und schlagen. In den vergangenen drei Jahren wurden besonders grausame Fälle aufgedeckt, bei denen Kinder unbemerkt von Nachbarn, Verwandten und Ämtern starben.

So war es beim zweijährigen Benjamin, der im Februar im sachsen-anhaltischen Schlagenthin knapp ein Jahr nach seinem Tod verwest gefunden wurde. Seine Eltern stehen wegen Totschlags in Stendal vor Gericht. In der Berufungsverhandlung werden sie möglicherweise nur wegen minderer Delikte verurteilt werden können. Andere Elternpaare wurden wegen der Tötung ihrer Kinder zu teils lebenslanger Haft verurteilt. Die Eltern von Jessica hielten ihre Tochter in einem dunklen, ungeheizten Zimmer in Hamburg, wo sie im März 2005 verhungerte oder erstickte. In Düsseldorf fand man bei einer Zwangsräumung im Januar 2005 Leichenteile der dreijährigen Pervin mehr als zwei Jahre nach ihrem Verhungern: Sie lagerten zerstückelt auf einem Balkon.

Das Sozialprofil der Eltern ähnelt sich

Die zweijährige Michelle starb im Juli 2004 in Hamburg an einer Hirnerkrankung, weil ihre Eltern den Arzt nicht holten: Sie wurden verurteilt, weil sie fünf ihrer sechs Kinder vernachlässigten. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen Sozialarbeiter, die sich von der Mutter und dem aufgeräumten Wohnzimmer blenden ließen und weder das Kinderzimmer mit Ungeziefer und Kot sahen noch die angeblich schlafenden, ausgemergelten Kinder. In Cottbus fand die Polizei im Juni 2004 die Leiche des damals sechsjährigen Dennis erst gut zwei Jahre nach seinem Tod durch Vernachlässigung - ebenfalls in der Kühltruhe.

Andere wurden in letzter Minute gerettet, so in den vergangenen Wochen die vier Jahre alte Lea-Marie. Ihre Mutter in Rostock flößte ihrem Kind Kalklöser und Essig ein, der Vater schwieg. Als sie die Tochter mit kochendem Wasser verbrühte, stellte sie das als Unfall hin und kassierte Geld von der Unfallversicherung. Die Mutter behauptete, sie sei überfordert. Das Sozialprofil der Eltern verwahrloster Kinder ähnelt sich: arbeitslos, Sozialhilfeempfänger, arm, geistig wenig rege. Oft wuchsen sie selber in von Mißbrauch gezeichnetem Umfeld auf.

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