30.08.2002 · Der Krisengipfel um den Missbrauchsskandal in der US-Kirche ist beendet. Ist nun das Schweigen für immer gebrochen?
Von Dieter HoßEs bedurfte eines ausgewachsenen, in seinen Dimensionen schier unglaublichen Skandals, dass die katholische Kirche endlich ihr wohl größtes Tabu brach und sich des drängenden Problems des sexuellen Missbrauchs - vor allem von Kindern - durch Priester annahm. Medienwirksam zitierte Papst Johannes Paul II. die Spitze der katholischen amerikanischen Geistlichkeit zum Krisengipfel nach Rom, um Hunderte von bekannt gewordenen Missbrauchsfällen sowie die Vertuschung vieler dieser Taten zu kritisieren. Der Oberste Hirte sprach von den „schlimmsten Ausformungen des Bösen“ und bezeichnete jeden Missbrauch von Minderjährigen als Verbrechen und eine Sünde vor Gott.
Von der allgemein begrüßten Initiative des Papstes erwarten sich kritische Beobachter dennoch keinen durchschlagenden Erfolg im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch unter dem Deckmantel der Glaubensgemeinschaft. Sowohl beim Krisengipfel im Vatikan als auch bei den Diksussionen der Landesbischöfe - wie etwa des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz - bleibe der Skandal mit seinen Folgen für die Betroffenen innerhalb der Institution Kirche und gelange nicht vor einen unabhängigen Richter.
Zweifel bleiben
Auch das zum Ende des Krisengipfels gezogene Fazit „Die harte Linie hat gesiegt“ und die eingesetzten „Überwachungs-Kommissionen“ können die Zweifel am Willen zu einer rückhaltlosen Aufklärung der Missbrauchsfälle nicht vollkommen vertreiben. Die US-Kardinäle haben sich für die Vertuschung sexueller Verfehlungen von Priestern in ihren Verantwortungsbereichen entschuldigt - dies ist das mindeste. Priester wie andere Täter wegen (wiederholten) sexuellen Missbrauchs von Kindern aus der Seelsorge zu entfernen und der Justiz zu überstellen ist ein korrektes Vorgehen, versteht sich allerdings auch von selbst. Bereits in Rom bekam aber sogar die neue Losung der „Null-Toleranz“ der amerikanischen Bischöfe Risse, da die allseits erwartete Abberufung des Bostoner Kardinals Law, der die Vertuschung zahlreicher Missbrauchsfälle in seinem Amtsbereich zugegeben hatte, ausblieb. Von den deutschen Bischöfen war zu hören, dass man sich auch weiterhin interne Untersuchungen vorbehalte, bevor die Vergehen eines pädophilen Priesters an die Staatsanwaltschaft gemeldet würden.
Papst will am Zölibat nicht rütteln
Dass die sexuellen Verfehlungen Folge des Zölibats seien, so wurde in Rom noch einmal festgestellt, sei nicht wissenschaftlich erwiesen. Die Beendigung der „Unterdrückung eines natürlichen Impulses“, wie der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter den institutionalisierten Verzicht katholischer Geistlicher auf Ehe und Sexualität umschreibt, könnte in den Augen vieler das Problem lösen, da es für die Geistlichen einen normalen Umgang mit Sexualität ermöglichen würde. In diesem Punkt beißen radikale Kirchenreformer ebenso wie vorsichtig thematisierende Geistliche beim Papst aber auf Granit. Obwohl die Diskussion in den Vereinigten Staaten bereits vehement eingesetzt hat, wird am Zölibat vorerst wohl nicht gerüttelt.
Betroffene, Gläubige und Öffentlichkeit werden nun gleichermaßen gespannt beobachten, ob mit dem Ende des Medienrummels das Skandalthema dorthin verschwindet, wo es lange Zeit war: hinter dicken, undurchdringlichen Kirchenmauern.