http://www.faz.net/-gum-3vq0

Kindesmissbrauch : Erzbischof von Boston tritt zurück

  • Aktualisiert am

Nicht länger Erzbischof von Boston - Bernard Law Bild: dpa

Der Pabst zögerte lange, nun hat er dem Rücktritt von Kardinal Bernard Law zugestimmt. Der Druck war in den vergangenen Wochen weiter gewachsen.

          Der Erzbischof von Boston, Kardinal Bernard Law, ist unter massivem Druck zurückgetreten und hat damit die Konsequenz aus einem seit Jahren brodelnden Skandal um Kindesmissbrauch durch Priester seiner Diözese gezogen. Papst Johannes Paul II. nahm den Rücktritt am Freitag an, Law behält allerdings weiter seinen Kardinalsrang.

          Sein Amtsverzicht solle dem Erzbistum helfen, die „verzweifelt benötigte“ Heilung, Versöhnung und Einheit zu finden, begründete Law am Freitag nach einem Treffen mit dem Papst im Vatikan seine Entscheidung. Law wird vorgeworfen, den Missbrauch von Jungen durch Priester seiner Diözese jahrelang vertuscht zu haben. "Ich entschuldige mich bei all jenen, die unter meinen Unzulänglichkeiten und Fehlern gelitten haben und bitte sie um Verzeihung“, erklärte der 72-jährige Erzbischof. Angesichts der „besonderen Umstände“ halte er „einen stillen Rückzug“ für geboten.

          Der Pabst entschied sich um

          Gegen das Bostoner Erzbistum sind rund 450 Missbrauchsklagen eingereicht worden. Noch im Mai hatte der Papst bei einem Besuch Laws im Vatikan einen Rücktritt des Erzbischofs abgelehnt. Dieses Mal stimmte das Kirchenoberhaupt zu, nachdem Law auf seinem Rücktritt insistierte und der öffentliche druck zunahm. Laws bisheriger Stellvertreter, Bischof Richard Lennon, soll als apostolischer Verwalter das Bistum führen, bis ein neuer Erzbischof ernannt ist.

          Beobachter gehen trotz des Rücktrittes davon aus, dass der Skandal, der die katholische Kirche in den USA in den Grundfesten erschüttert hat, weiter gären wird. Zu lange hatte Kardinal Law die Pädophilie-Skandale in seiner Diözese vertuscht. Mit Entsetzen mussten die Gläubigen seit Monaten immer neue Details über das Doppelleben ihrer Priester lesen und sich fragen, ob sie ihre Kinder noch in die Messe schicken konnten.

          Schwarze Schafe unter den Priestern

          Begonnen hatte es vor knapp einem Jahr mit Pfarrer John Geoghan, dem Misshandlung und Belästigung von mehr als hundert Kindern vorgeworfen wird und der inzwischen als einer der wenigen Beschuldigten verurteilt wurde und im Gefängnis sitzt. Dann gab es den Fall des 71-jährigen Priesters Paul Shanley, der wegen Vergewaltigung von mindestens zehn Kindern angeklagt ist und am Mittwoch überraschend gegen die Vorlage von 300.000 Dollar in bar auf Kaution freigelassen wurde. Erst kürzlich war dann in Boston auch noch bekannt geworden, dass der Priester James Foley mit einer geistig gestörten Frau zwei Kinder zeugte und sie dann mit einer Überdosis Rauschgift bewusstlos zum Sterben zurückließ.

          Wie aus den jetzt veröffentlichten Kirchenakten hervorgeht, war Law seit Jahren über diese und Dutzende andere Fälle in seiner Diözese informiert. Doch statt hart durchzugreifen, versetzte er die Priester lediglich in andere Gemeinden, wo sie in den meisten Fällen erneut Kinder missbrauchten. Vor allem dies empört die Opferverbände. David Clohessy vom Nationalen Verband der von Priestern Misshandelten und einer der Wortführer bezeichnete es als unglaublich, dass die Pfarrer wieder auf Posten versetzt wurden, wo sie ungehindert Zugang zu Kindern hatten.

          Demonstrationen und Kritik aus der Kirche

          Der Druck auf Law hatte sich in den vergangenen Wochen immer weiter verstärkt. Erst am Sonntag demonstrierten rund 400 Gläubige vor der Kirche des Heiligen Kreuzes in Boston und forderten seinen Rücktritt. Der Erzbischof wurde auch von immer mehr Priestern offen kritisiert. Außerdem erhielt er eine Vorladung von einem Geschworenengericht, das nach einem Bericht der Zeitung „Boston Globe“ untersuchen soll, ob sich Kirchenobere mit der Verschleierung von Missbrauchsfällen strafbar gemacht haben.

          Laws Diözese ist durch die Missbrauchsfälle auch in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten geraten. Im September hatte das Erzbistum fast zehn Millionen Dollar Entschädigung an mehr als 80 Opfer gezahlt, die von einem Priester in Laws Amtsbereich missbraucht worden waren. Insgesamt drohen der Diözese Entschädigungsforderungen von Hunderten von Millionen Dollar. Finanzberater hatten Law geraten, den Konkurs des Erzbistums anzumelden. Experten am Heiligen Stuhl lehnten dieses Vorgehen jedoch ab, wie aus Vatikankreisen verlautete.

          Bis vor kurzem galt Law noch als einer der einflussreichsten Kirchenmänner der USA. Er ist ein Vertrauter des Papstes und ist auch mit der Familie von Präsident George W. Bush sowie zahlreichen anderen Politikern befreundet.

          Quelle: @cop

          Weitere Themen

          Du musst nicht lügen Video-Seite öffnen

          Facebook : Du musst nicht lügen

          Eigentlich sehen die Regeln von Facebook vor, dass ein Nutzer mindestens dreizehn Jahre alt sein muss. Jetzt präsentiert das Unternehmen eine Spezialversion seines Messengers für Kinder.

          Politik im Eilschritt

          Trumps Präsidentschaft : Politik im Eilschritt

          Den Behördenstillstand hat Donald Trump erst einmal abgewendet – bis kurz vor Weihnachten. Von der Steuerreform bis zum Streit um die Staatsausgaben hat er aber noch einige Probleme vor sich. Und die nötigen Kompromisse macht er selbst schwer.

          Netanjahu greift Erdogan an Video-Seite öffnen

          Konflikte um Jerusalem : Netanjahu greift Erdogan an

          Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Israel als "terroristischen Staat" bezeichnet, der "Kinder tötet". Israels Premierminister Benjamin Netanjahu reagiert bei einem Treffen mit dem französischen Präsidenten in Paris deutlich auf Erdogans Vorwürfe und greift ihn direkt an.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Anstehende Sondierungsgespräche : Der Preis für Neuwahlen ist zu hoch

          Der Bürger hat gewiss keinen Anspruch auf eine bestimmte Regierung – er wählt ja auch keine Koalitionen. Aber er kann erwarten, dass die Volksvertreter sich zumindest bemühen, sich zusammenzuraufen. Und zwar zügig. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.