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Kindesentführungen in China Als Zhuo Zhuo verschwand

23.09.2009 ·  Jedes Jahr werden in China 3000 Frauen und Kinder entführt. Sun Haiyang und seine Frau suchen schon seit zwei Jahren nach ihrem Sohn. Sie vermuten, dass er an ein verzweifeltes Ehepaar verkauft wurde, das selbst keine Kinder haben kann.

Von Till Fähnders, Shenzhen
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Sun Haiyang weiß nicht, wie der Fremde heißt, er kennt nur sein unscharfes Bild von einer Videoaufnahme. Der Chinese zeigt auf die Hausecke eines kleinen Supermarktes im südchinesischen Shenzhen: „Dort hängt die Kamera. Die hat ihn aufgenommen.“ Der Mann war etwa 1,65 Meter groß und 45 Jahre alt, schätzt Sun. Er trug ein Oberhemd mit kurzen Ärmeln, blaue Stoffhosen, braune Schuhe. In einer Hand hielt er eine schwarze Aktentasche. Sein Haar war schütter. Auf dem Video sind die Gesichtszüge verschwommen, aber es war ein hageres, kantiges Gesicht, mit tief sitzenden Augen. Es war der Mann, der Sun Haiyang seinen Sohn gestohlen hat.

Sun Haiyang, 35 Jahre alt, glaubt, dass der Unbekannte den damals dreieinhalbjährigen Sun Zhuo – die Eltern nannten ihn liebevoll Zhuo Zhuo – erst entführt und dann an ein verzweifeltes Ehepaar verkauft hat, das selbst keine Kinder haben kann. „Hier in Südchina gibt es einen großen Markt für den Handel mit Kindern“, sagt Sun. Jedes Jahr werden in China nach offiziellen Angaben etwa 3000 Menschen Opfer von Menschenhandel. Die Zahl teilt sich etwa zur Hälfte in Frauen und Kinder auf, eine eigene Statistik zum Kinderhandel gibt es nicht. Die Angehörigen sagen, die offiziellen Zahlen seien viel zu niedrig gegriffen. Vor allem die wirtschaftsstarke Region am südchinesischen Perlflussdelta ist betroffen. Allein in Dongguan, der Nachbarstadt Shenzhens, zählten Eltern mehr als 1000 Fälle seit 2007. Sun Haiyang hat selbst die Namen von 2000 Kindern gesammelt, die in den vergangenen zwei Jahren in Shenzhen und Umgebung verschwunden sind – viele wurden entführt. In China werden im Jahr 30 000 bis 60 000 Kinder als vermisst gemeldet. „Weniger als ein Prozent werden wiedergefunden“, sagt Sun.

Im Gedränge kann man leicht unbemerkt ein Kind mitnehmen

Sun Haiyang läuft über die Shahe-Gasse durch die Baishizhou-Siedlung im Westen der Stadt. In der Hand hält er sein Mobiltelefon. Er dreht sich immer wieder um und erzählt. „Die Menschen in Baishizhou kommen aus dem ganzen Land. Aus jeder Provinz Chinas findest du hier jemanden.“ Es sind Kleingeschäfte, die sich aneinanderreihen, eines verkauft Lederschuhe, das nächste Haushaltswaren wie Schläuche oder Wischmops. Am Abend, wenn die Anwohner aus den Fabriken heimkehren, sei es auf dem Gehweg so eng, dass sich die Menschen aneinander vorbeidrücken. Sun Haiyang sagt das, damit man versteht, wie leicht man in dem Gedränge unbemerkt ein Kind mitnehmen kann.

Die entführten Kinder werden meist an traditionell denkende Familien auf dem Land verkauft. Sie bezahlen 20 000 bis 30 000 Yuan für einen Jungen, umgerechnet 2000 bis 3000 Euro. Gestohlen werden zu 90 Prozent männliche Nachkommen, weil Jungen in China der Tradition nach bevorzugt werden und deshalb höhere Preise erzielen. Die Töchter gehen nach der Hochzeit an die Familie des Bräutigams verloren, die Söhne aber können für ihre Eltern sorgen, wenn die alt sind. Einige Kinder werden ins Ausland verkauft, nach Vietnam oder Kambodscha, manche wohl bis nach Europa. Die Mädchen werden in die Prostitution oder zur Zwangsarbeit getrieben, einige auch an Waisenhäuser verkauft und zur Adoption freigegeben.

Es war abends nach sieben Uhr und schon dunkel

Viele der entführten Kinder stammen aus Wanderarbeiter-Familien. Die Eltern sind oft überarbeitet und noch nicht an das Großstadtleben mit seinen Gefahren gewöhnt. Sun Haiyang und seine Frau kommen aus einem kleinen Ort in der Provinz Hubei. Sie waren erst seit einer Woche in der unübersichtlichen Zwölf-Millionen-Metropole, als es passierte. Am 9. Oktober 2007 spielte Zhuo Zhuo vor dem neu eröffneten Laden der Eltern. Vater und Mutter bereiten dort chinesisches Gebäck, gedämpfte Teigtaschen, eingelegte Eier und eisgekühlte Getränke zu. Es war abends nach sieben Uhr und schon dunkel, als sich der Mann ihrem Sohn näherte. Die Videoaufnahmen zeigen, dass er dem Kind etwas zu essen gab und ein Spielzeugauto kaufte. Die Eltern wurden misstrauisch, als ein Nachbar fragte, wer denn der „nette Verwandte“ gewesen sei.

Die Entführer gehen fast immer gleich vor, hat Sun Haiyang herausgefunden. Sie locken die Kinder mit Geschenken. Oder sie fahren mit einem Wagen vor und zerren ihr Opfer auf die Rückbank. Manche kommen auf Motorrädern und schnappen die Jungen einfach von der Straße weg. Viele entführte Kinder werden in ländliche Gegenden gebracht, zum Beispiel nach Chaoshan, wo auch Sun Haiyang seinen Sohn vermutet. Von Shenzhen aus sind es nur ein paar Stunden Fahrt, die Diebe können schnell mit ihrer Beute dorthin verschwinden. Die Menschen in dieser Gegend, die im Grenzgebiet der Provinzen Guangdong und Fujian liegt, nehmen die Traditionen ernst. Ein Leben ohne Nachwuchs ist für sie ein Unglück.

Seine Augen sind rot unterlaufen

Sun Haiyang trägt ein bedrucktes Unterhemd, aus dem muskulöse Arme herausschauen. Er sieht kräftig und gesund aus, aber seine Augen sind rot unterlaufen. Die Eltern verzweifeln, weil sich die Polizei nicht um die Suche nach ihrem Kind kümmert. Sun wirft den Polizisten vor, dass sie wertvolle Zeit verstreichen ließen, in der sie seinen Sohn aus den Fängen der Diebe hätten befreien können. Aus der Zeitangabe auf dem Videoband weiß Sun Haiyang, dass nur 18 Minuten zwischen dem Moment vergingen, als der Mann Zhuo Zhuo weglockte, und dem Zeitpunkt, als er das Verschwinden bemerkte. Doch als er einen Polizisten auf der Straße ansprach, ließ der ihn einfach stehen. Auf dem Revier sagten die Beamten, ein Kind müsse erst 24 Stunden vermisst sein, bevor sie tätig werden könnten. „Das ist sogar genug Zeit, um ein Kind über die Grenze ins Ausland zu bringen“, sagt Sun Haiyang.

Gemeinsam mit ein paar Dutzend anderen Eltern hat Sun Haiyang eine Selbsthilfegruppe gegründet. Die Eltern haben mehrmals gegen die Untätigkeit der Polizei demonstriert, in Shenzhen und anderen Städten der Provinz, aber auch in der Hauptstadt Peking. Dort protestierten sie vor dem Nationalstadion mit den Fotos ihrer verlorenen Söhne. Sie kritisieren die Behörden, weil der Kinderhandel verboten ist, der Kauf aber strafrechtlich nicht verfolgt wird. „Dabei wäre die Lösung des Problems einfach: Man muss die Käufer bestrafen und damit die Nachfrage unterbinden!“ Sun geriet durch seine Aktionen sogar in Konflikt mit den Behörden. In Peking führte die Polizei ihn und die anderen Eltern ab und schickten die Demonstranten zurück nach Hause. Unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei sind Demonstrationen verboten, sie stören den sozialen Frieden. Manchmal bekommt die Polizei schon vorher Wind von den Elternaktionen. Dann verbietet sie ihre Demos oder gemeinschaftlichen Suchaktionen.

Für Hinweise bietet Sun ein Vermögen

Sun Haiyang gibt zu, dass es schwierig sei, in einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern einem einzelnen Kind auf die Spur zu kommen. Doch die Behörden versuchten es ja gar nicht erst. Er hat die Suche deshalb selbst in die Hand genommen. Seinen Laden hat er mit Postern und Bildern seines Sohnes und des fremden Mannes aus dem Video zugeklebt. In großen roten Schriftzeichen hängen dort Beschreibungen des Täters und ihres Sohns Zhuo Zhuo. Daneben ist die Telefonnummer der Eltern gedruckt. Für ein übliches Geschäftsschild ist kein Platz mehr, so sehr ist der namenlose Laden zugekleistert. Für Hinweise bietet Sun 200 000 Yuan (20 000 Euro), ein Vermögen, für das er sehr lange arbeiten muss. Seine gesamten Ersparnisse hat er bereits in Flugblattaktionen und die Suche nach seinem Sohn gesteckt.

Der wachsende Aktionismus der Angehörigen ist nicht ohne Erfolg geblieben. Im April verkündete das Polizeiministerium eine neun Monate dauernde Kampagne gegen Menschenhandel. Insgesamt seien seit Beginn der Aktion schon 440 Kinder gerettet worden. Für vermisste Kinder wurde eine DNA-Datenbank aufgebaut. In Guangdong werden nun außerdem Seminare für Wanderarbeiter angeboten und Flugblätter verteilt. Auch in Shenzhen habe sich die Situation etwas verbessert, sagt Sun Haiyang. Die Polizei nimmt jetzt schon Ermittlungen auf, wenn ein Kind erst sieben Stunden verschwunden ist. Die 24-Stunden-Regel gilt aber in vielen anderen Städten Chinas immer noch.

Für seine Eltern schwinden die Hoffnungen auf ein Wiedersehen mit Zhuo Zhuo von Tag zu Tag. Während seine Frau still ihre Arbeit verrichtet, geht Sun Haiyang in die Wohnung im Hinterhaus, wo die Eltern eine Galerie mit Bildern des Jungen aufgehängt haben. Ihr Lieblingsbild zeigt ihn auf einem blauen Fahrrad mit Stützrädern. Um den Hals hängt eine Kette mit einem Amulett, das über dem nackten Oberkörper baumelt. Mit den Fingern der rechten Hand formt Zhuo Zhuo ein „V“. Das Fahrrad haben die Eltern aufgehoben und über dem Türrahmen des Hauseingangs angebracht. „Wir waren nie reich“, sagt Sun Haiyang. „Aber als wir unser Kind hatten, da waren wir glücklich.“

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