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Kinderstation in Kambodscha Endlich im neuen Krankensaal

14.06.2007 ·  Das HI-Virus und Unterernährung sind in Kambodscha weit verbreitet - vor allem bei Kindern. Bislang konnte nur wenigen geholfen werden. Nun fördern Unicef und die deutsche Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff eine Kinderstation. Doch alle Probleme sind damit nicht gelöst.

Von Ingrid Karb, Phnom Penh
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Nagelneu ist es, das einstöckige Gebäude für die Kinderabteilung in dem Krankenhaus in der Provinz Kampong Speu. Das Kinderhilfswerk Unicef hat den Bau möglich gemacht, seit zwei Monaten wird hier behandelt. Die Räume sind in dunklem Orange gehalten, an den Wänden hängen bunte Tierbilder, Ventilatoren bringen ein wenig Abkühlung bei mehr als 35 Grad feuchter Hitze draußen. Die Ambulanz mit Behandlungsraum und Wartezimmer nimmt die eine Hälfte des Neubaus ein, in der anderen sind Krankensaal, Badezimmer und Küche untergebracht. Dicht an dicht stehen hier 15 Eisengestell-Betten.

Auf einen Andrang wie an diesem Tag ist die Klinik nicht eingestellt: Die deutsche Dressurreiterin Ann Kathrin Linsenhoff informiert sich als Unicef-Botschafterin über die Arbeit in dem Krankenhaus. Die in Kronberg im Taunus (Hessen) lebende Sportlerin hat unter dem Unicef-Dach eine eigene Stiftung gegründet, die ihren Namen trägt. Sie unterstützt das Unicef-Projekt „Schule in der Kiste“. Beim alljährlichen Kinderfest auf ihrem Reiterhof sammelt Linsenhoff zudem Spenden für ihre Hilfsprojekte. Vor zwei Jahren kam fast eine halbe Million Euro für den Bau von Schulen in Sudan zusammen, in diesem Jahr soll das Geld nach Kambodscha gehen.

Zwei von hundert - höchste Aids-Infektionsrate Asiens

Die meisten der Kinder, die Linsenhoff an diesem Tag besucht, sind mit hohem Fieber in das Krankenhaus gebracht worden. Einige stammen aus demselben Dorf, sie haben Hirnhautentzündung, die mit Antibiotika behandelt wird. Das Fieber sei schon gesunken, die Kinder auf dem Weg der Besserung, sagt der behandelnde Arzt. Andere leiden an Typhus. Zu Beginn der Regenzeit treten vermehrt Fälle von Denguefieber und Malaria auf. Ein Junge im Krankensaal trägt einen Mundschutz. Der Zehnjährige habe Aids, berichtet ein Arzt. Zur Zeit sei er wegen Verdachts auf Tuberkulose im Krankenhaus.

Aids ist in Kambodscha weit verbreitet. Nach offiziellen Statistiken sind zwei von hundert Einwohnern HIV-positiv. Damit hat Kambodscha mit seinen gut 14 Millionen Einwohnern die höchste Infektionsrate Asiens. Etwa zehn Prozent der Infizierten sind unter 15 Jahren alt. Doch die Krankheit prägt das Leben von noch mehr Kindern: Etwa 400.000 leben in Familien, in denen die Eltern infiziert sind. Bis zu 100 000 Kinder wurden wegen Aids zu Waisen, viele von ihnen landen auf der Straße.

Selbst Bilder von Kondomen sind kein Tabu mehr

Das HI-Virus hat sich rasend schnell verbreitet. Ins Land kam es erst 1992, nach dem Ende des Terrorregimes unter Pol Pot und den Roten Khmer. Vermutlich haben es UN-Soldaten aus Afrika eingeschleppt. Inzwischen stemmen sich Regierung und private Hilfsorganisationen mit zahlreichen Aufklärungskampagnen gegen eine weitere Verbreitung. Mit Erfolg: Die Infektionsrate ist nach offiziellen Statistiken von drei Prozent im Jahr 1997 auf jetzt 1,9 Prozent gesunken. Bei der Finanzierung des Neubaus in der Nähe der Hauptstadt Phnom Penh ging es Unicef deshalb auch um den Kampf gegen HIV und Aids.

Die Klinik bietet unentgeltliche Tests an. Im vergangenen Jahr ließen sich rund 2600 Personen untersuchen. Knapp zehn Prozent von ihnen waren positiv. Sie wurden beraten, betreut und medikamentös behandelt. Die Beratung übernehmen Mönche der Buddhist Leadership Initiative, die dafür geschult sind. Auf dem Land klären die Mönche auch über die Infektionswege von HIV auf. 95 Prozent der Khmer sind Buddhisten und besuchen regelmäßig eine der gut 4000 Pagoden; deshalb ist es so wertvoll, dass die Mönche diese Aufgabe übernehmen. Selbst Bilder von Kondomen sind in den Pagoden kein Tabu mehr.

Bis zu 20 Personen in einem Raum untergebracht

In der Klinik gibt es auf Aids spezialisierte Ärzte, die sonst in Kambodscha immer noch viel zu selten sind. Unter dem Pol-Pot-Regime wurden Ärzte wie alle anderen Gebildeten verfolgt und umgebracht. So berichtet Professor Koum Kanal, der eine Geburtsklinik in Phnom Penh leitet, dass er nur überlebt habe, weil er aufs Land geflohen sei, um sich auf den Feldern zu verdingen. Gerade auf dem Land ist es noch immer schwer, Personal für eine Klinik zu bekommen. Hinzu kommt, dass ein Arzt mit etwa 30 Dollar im Monat nicht mehr verdient als ein Polizist. Die meisten Leute in Kambodscha brauchen zum Überleben mehrere Jobs. Damit die Ärzte dennoch genug Zeit für die Patienten haben, bekommen sie zum Teil von Unicef ein Extra-Salär.

Wie gut das Provinzkrankenhaus ist, zeigt sich beim Blick in die Kinderklinik in der Hauptstadt Phnom Penh. Da liegen Kinder auf Pritschen im Gang an Infusionsschläuchen. In den Krankensälen stinkt es nach Urin. Toiletten und Badezimmer sind bei der einfachen Bevölkerung Kambodschas weitgehend unbekannt. Nur in der Hauptstadt gibt es in den meisten Häusern sanitäre Anlagen. Die Kinder sind zudem häufig zu schwach zum Aufstehen, Bettpfannen scheinen nicht üblich. In einem Raum sind bis zu 20 Patienten untergebracht, die von mehreren Angehörigen begleitet werden.

Neue Hilfe für unterernährte Kinder in Kambodscha

Da die Familien aus bis zu 100 Kilometer entfernten Dörfern kommen, müssen auch die Angehörigen untergebracht werden. Im hinteren Teil des Raums, in dem es noch nicht einmal ein Waschbecken gibt, sind Matratzen gestapelt. Nachts werden sie über den Boden verteilt und dienen den Angehörigen als Schlafstatt. Die Behandlung und das Essen für die Patienten sind frei. Die Angehörigen sollen sich selbst versorgen. In einem anderen Trakt sind Patienten untergebracht, die für die Behandlung zahlen können. Sie finanzieren die Klinik zu einem großen Teil.

Auch in diesem Hospital liegt ein Schwerpunkt auf der Behandlung von HIV-Infizierten. Dafür arbeitet das Krankenhaus mit der Geburtsklinik von Professor Kanal zusammen. Dort wird versucht, die Mutter-Kind-Übertragung des Virus zu verhindern. Nach Angaben von Unicef wurden 90 Prozent der HIV-positiven Kinder bei der Geburt angesteckt. Allerdings entbinden in Kambodscha nur etwa 20 Prozent der Frauen in einer Klinik. Und auch dort ist ein HIV-Test freiwillig. Von 6500 Schwangeren, die im ersten Quartal 2007 zur Geburtsvorbereitung in die Klinik kamen, ließ sich nur ein Drittel testen. Gut 1500 holten sich das Ergebnis des Tests ab. Sechzehn Schwangere waren infiziert. Die Kinder der Infizierten werden zur Weiterbehandlung an das pädiatrische Krankenhaus überwiesen.

Ein anderer Schwerpunkt ist die Behandlung unterernährter Kinder. In Kambodscha sterben jedes Jahr 40.000 Kinder vor dem fünften Lebensjahr. Die Kindersterblichkeit liegt bei 83 Promille. Damit liegt Kambodscha in Südostasien an zweiter Stelle hinter Myanmar (106). Mehr als die Hälfte der gestorbenen Kinder war laut Unicef-Statistik unterernährt. Dabei ist dies nicht nur ein Problem der armen Bevölkerung. Auch Kinder aus Familien mit Einkommen leiden darunter, weil die Eltern zu wenig über Ernährung und Hygiene wissen. Schulungen der Eltern und Großeltern zählen deshalb sowohl in der Geburts- als auch der Kinderklinik zum Angebot.

Quelle: F.A.Z., 14.06.2007, Nr. 135 / Seite 13
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Jahrgang 1965, Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

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