06.10.2008 · Für Geschäfte mit Kinderpornographie bietet das Internet zahllose Varianten, und gerade erst flog wieder ein Händlerring auf. Der Hallenser Staatsanwalt Peter Vogt ermittelt gezielt.
Von Stefan LockePeter Vogt telefoniert und schüttelt den Kopf. Ein Polizist ist am Apparat und berichtet, das Personal eines Pflegeheims habe einen Rentner dabei erwischt, als er im Internet auf Kinderporno-Seiten surfte. Ob man ihn gleich aufsuchen solle? „Nein, da brauchen wir einen Beschluss“, entgegnet Vogt. Gefahr sei offensichtlich nicht im Verzug. Der Mann habe einen Schlaganfall gehabt, könne eigentlich nichts mehr bewegen, „aber fürs Bildchenklicken reicht's noch“.
Anrufe wie dieser gehören zum Alltag des 51 Jahre alten Oberstaatsanwalts Peter Vogt. Er leitet die Zentralstelle zur Bekämpfung gewaltdarstellender, pornographischer und sonstiger jugendgefährdender Schriften in Sachsen-Anhalt. Vor allem aber hat sich Vogt einen Namen gemacht im Kampf gegen die Bildchenklicker und Hersteller von kinderpornographischer Handelsware. Ihr Marktplatz ist das Internet. Das Material, früher nur heimliche Tauschware unter dem Ladentisch von Videotheken, lässt sich heute bequem daheim anklicken, herunterladen und speichern.
„Wir müssen was tun mit der Computersache“
Erst in der vergangenen Woche konnte die Staatsanwaltschaft Bonn einen Erfolg verbuchen; 4000 Nutzer von Kinderporno-Seiten im Internet wurden enttarnt, rund 500 davon kamen aus Deutschland. Mitte September flog ein Pädophilen-Ring in Hamburg auf. Bisher wurden 14 Verdächtige verhaftet, die sich an Jungen vergangen und Bilder und Filme davon im Internet verkauft haben sollen. Ende August gelang der bayerischen Polizei ihr bis dahin größter Schlag gegen knapp eintausend deutsche Verdächtige, die sich im Netz Videos vom Missbrauch zweier zehn- und zwölfjähriger Mädchen angeschaut hatten; 48.000 Nutzer aus aller Welt hatten binnen eines Monats die beiden Filme angeklickt.
„Das Internet bedeutete den Dammbruch“, sagt Peter Vogt. „Die Kinderpornographie war der erste Deliktbereich, der die Freiheit des Internets für sich entdeckt hat.“ Und Vogt war der Erste, der sie entschieden bekämpft hat. "Wir müssen was tun mit der Computersache", hatte sein Chef ihn einst eher vage beauftragt. Dann gelang Vogt und seinem Chefkriminalisten Torsten Meyer 2003, wenn auch durch Zufall, der bis heute größte Schlag gegen Kinderpornographie in Deutschland.
14 Kinder von ihren Peinigern befreit
Die Operation trug die Bezeichnung „Marcy“ - der Tarnname des 29 Jahre alten Haupttäters Marcel K. im Internet. Begonnen hatte er mit einem Aldi-Computer und 58 CD-ROMs, die die Ermittler in seiner Gartenlaube bei Magdeburg sicherstellten. Bei der Auswertung stießen sie nicht nur auf kinderpornographische Bilder und Filme, sondern auch auf 4000 E-Mail-Adressen von Abnehmern. Wer Bilder haben wollte, musste selber welche bieten, so funktionierte das Geschäft. Die meisten der E-Mail-Adressen und Gruppen liefen über Microsoft-Provider. Um an die Namen der Nutzer zu gelangen, waren die Ermittler auf die Unterstützung des Software-Unternehmens angewiesen.
Tatsächlich kooperierte Microsoft, rückte sämtliche Daten zu „Marcy“ heraus, darunter sogar solche, die seit mehr als einem Jahr gelöscht waren. Auf einmal saßen die Ermittler in Halle vor 38.000 E-Mail-Adressen inklusive aller Namen, 26.000 Bilddateien sowie 12 Gigabyte Log-Dateien. Über Letztere lässt sich feststellen, wer sich wann, wo und wie lange im Netz bewegt hat. Binnen einer Woche wurden allein in Deutschland 14 Kinder von ihren Peinigern befreit. „Und wenn es nur ein Kind gewesen wäre, hätte das den Aufwand gerechtfertigt“, sagt Vogt.
„Die Kinder werden immer jünger, die Taten immer brutaler“
Genau darum geht es. Sie hätten ja nur mal draufgeguckt, rechtfertigen sich Ertappte häufig. Vogt lässt das nicht gelten. „Für jedes dieser Bilder wird ein Kind gequält.“ Wer sich Kinderpornos anschaue, heize den Markt an. Und die Nachfrage steigt enorm. Knapp 9000 Fälle des Besitzes und der Beschaffung von Kinderpornographie deckte die Polizei 2007 hierzulande auf, nahezu doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Als Peter Vogt vor zehn Jahren in Sachsen-Anhalt anfing, leitete er 107 Verfahren pro Jahr, heute sind es bereits 700.
Doch nicht nur die Quantität macht den Ermittlern zu schaffen. „Auch das Material hat sich enorm verändert“, sagt Carmen Kerger vom Hamburger Verein „Dunkelziffer“, der missbrauchten Kindern hilft und Ermittler unterstützt. "Die Kinder werden immer jünger, die Taten immer brutaler." Waren es vor Jahren noch Acht- bis Zwölfjährige, seien jetzt Säuglinge als Opfer zu sehen. „Entscheidend dabei ist die Suche nach einem immer neuen Kick“, sagt Kerger. „Was früher etwas ,Besonderes' war, ist für viele Täter heute durch den leichten Zugang beinahe schon alltäglich.“
Alle Täter hinterlassen im Internet Spuren
Auf der Suche nach dem „Kick“ hinterlassen alle Täter Spuren. Denn so wie das Internet Kinderpornographie leicht zugänglich macht, hilft es den Ermittlern auch bei der Enttarnung. Konsumenten, die „nur mal“ auf Kinderporno-Seiten surfen, hinterlassen Einträge auf ihren Computern, und wer gar Material herunterlädt und mit Kreditkarte bezahlt, ist relativ leicht zu identifizieren. Die Täter wiederum sind auf ihren Bildern oft selbst zu erkennen; zwar verfremden viele ihr Gesicht mit schwarzen Balken oder Pixeln, doch die Ermittler können die unkenntlich gemachten Züge mittlerweile optisch rekonstruieren. Sie haben aufgeholt, kennen die Taktik der technischen Verschleierung, haben Datenbanken mit Fotos von Täterwohnungen, Möbeln oder Sofadecken angelegt.
So überführten Peter Vogt und Torsten Meyer im Frühjahr auch einen Mann aus Günthersdorf bei Halle, der jahrelang seinen Sohn missbraucht und Fotos davon im Internet angeboten hatte. „Der erste Hinweis kam aus Kanada“, berichtet Vogt. Auf den Fotos entdeckten die Ermittler ein Schulbuch und eine Limonadenflasche, die vornehmlich im Osten verbreitet sind. „Daraufhin haben wir alle 600 Grundschulen im Land angeschrieben, und vier Tage später hatten wir den Täter.“ Eine Lehrerin hatte nicht nur ihren ehemaligen Schüler, sondern auch dessen Vater erkannt. Er muss sich im November vor Gericht verantworten; ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft.
Die Ausreden der Täter sind schwer zu ertragen
Solche Erfolge geben den Beamten Auftrieb, die das sichergestellte Material auswerten müssen. „Da hat sich das stupide Bilderscannen wenigstens gelohnt“, sagt Vogt. Drei freiwillige Ermittler im Landeskriminalamt prüfen jedes bei Hausdurchsuchungen sichergestellte Foto; rund 3000 Stück schafft ein Mitarbeiter pro Stunde. „Unser Ansatz lautet ,bis zum letzten Bild', um sicherzugehen, dass der Konsument nicht doch selbst auch der Täter ist.“ Die meisten Bilder erträgt Vogt mittlerweile halbwegs stoisch, doch sobald sie mit Ton unterlegt sind, verliert auch er die Fassung. „Wenn ein Kind weint und ,Das tut weh!' schreit, möchte ich am liebsten in den Bildschirm springen und den Alten da rauszerren.“
Die Ausreden der Täter sind schwer zu ertragen. Manche behaupten, das Material sei ihnen über Trojaner untergejubelt worden, sie hätten die Festplatten gebraucht bei Ebay ersteigert oder seien zufällig auf Kinderpornoseiten gelandet. „Wir prüfen das gründlich“, sagt der Staatsanwalt. „Aber 99 Prozent können wir widerlegen.“ Vor allem den angeblichen Zufall lässt er nicht gelten. „Niemand surft einfach auf diesen Seiten vorbei. Es bedarf fast immer eines bewussten Klicks.“
Es gibt kein klassisches Täterbild
Unter den von ihm Überführten sind alle Berufssparten, alle sozialen Milieus vertreten - Arbeitslose, Arbeiter, Professoren, Polizisten, ein Bürgermeister, ein Richter und sogar ein Staatsanwalt aus dem eigenen Haus. „Man sieht es niemandem an. Es gibt kein klassisches Täterbild.“ Vier Männer, darunter zwei Lehrer, haben sich nach ihrer Entdeckung umgebracht. "Viele wissen, dass sie erledigt sind, wenn alles rauskommt."
Staatsanwälte und Kinderschutzvereine fordern härtere Strafen für den Besitz - und dazu zählt auch das Betrachten - von Kinderpornographie. Seit 2004 beträgt das Strafmaß dafür maximal zwei Jahre Haft. Nach Meinung von Vogt entspreche das demjenigen für Sachbeschädigung. „Das Gesetz leugnet den Missbrauch“, kritisiert auch Carmen Kerger vom Verein „Dunkelziffer“. Immerhin neigten Richter inzwischen dazu, statt einer Geld- eine Bewährungsstrafe auch gegen Ersttäter zu verhängen, wenn das bei ihnen aufgetauchte Bildmaterial besonders umfangreich ist.
Kinderporno-Tausch über das Handy
Die Zahl der Nutzer ist gestiegen, seit man mit Flatrates billig 24 Stunden lang online surfen kann. Laut Vogt sind viele Neugierige darunter. Aber niemand wisse, wann die Neugier Begehrlichkeiten wecke und wann ein Täter aus der virtuellen in die reale Welt wechsele.
Wegen der enormen Zunahme der Angebote im Netz hat der Hallenser Jurist kürzlich geäußert, der Kampf gegen Kinderpornographie sei verloren. Dafür ist er heftig kritisiert worden. „Ich meinte nicht, dass wir nicht kämpfen sollen. Aber wir müssen uns von der Illusion verabschieden, dass das Internet sauber zu bekommen ist.“ Schließlich gebe es trotz Verfolgung auch weiterhin Diebstahl, Mord und Totschlag. „Wir können das Unkraut ziehen, aber es wächst immer wieder nach.“ Ein Beispiel dafür ist der Kinderporno-Tausch über das Handy. Ein völlig neuer Trend. 2007 hatte Vogt bereits 86 Verfahren eingeleitet, Tendenz stark steigend. „Da etabliert sich gerade ein zweiter Markt, der bisher überhaupt nicht überwacht wird.“