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Archäologie : Das Mädchen mit dem Bommelohrring

Frankfurter „Prinzessin“: Die merowingische Adelige wurde in einer festlichen Tracht unter dem Dom begraben. Bild: Archäologisches Museum Frankfurt

Unter dem Frankfurter Dom befindet sich das rätselhafte Grab zweier Kinder, aus der Zeit der Merowinger. Archäologen konnten zuletzt so manches Geheimnis lüften. Doch die Funde geben noch immer viele Rätsel auf.

          Als Karl der Große 794 nach Frankfurt zur Synode einlud, um unter anderem für sein riesiges Fränkisches Reich den „Ur-Euro“ offiziell einzuführen, wie Egon Wamers die karolingische Währung Denar scherzhaft nennt, war das Mädchen auf dem späteren Domhügel längst begraben. Doch muss das für uns bis heute unbekannte Kind noch lange danach verehrt worden sein. Dafür spreche, meint der Direktor des Archäologischen Museums Frankfurt, dass das Grab fast 60 Jahre nach der Synode, als für Karls Enkel Ludwig den Deutschen die Salvatorbasilika geplant wurde, noch eine so große Bedeutung hatte, dass die Kirche genau über der Toten errichtet wurde.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Karls vierte Ehefrau Fastrada soll dafür gesorgt haben, dass die so wichtige Synode 794 in Franconofurd stattfand - damit wurde die „Furt der Franken“ zugleich erstmals überhaupt schriftlich erwähnt. Fastrada stammte wohl aus einem thüringisch-mainfränkischen Grafengeschlecht, das im Gebiet des heutigen Frankfurts begütert war und die Geschäfte des Königs führte. So könnte Fastrada eine nachgeborene Verwandte des vierjährigen Kindes sein, das man mit großem Aufwand im frühen achten Jahrhundert in einer merowingischen Kapelle des fränkischen Königshofs beerdigt hatte.

          Und das nicht allein, was eine der Besonderheiten dieser Grablege ist. Es handelt sich um ein Doppelgrab, in dem zwei gleich alte Kinder reich bestattet wurden. Sie müssen sich einander sehr nahe gestanden haben, obwohl das eine christlich und nach schon üblich gewordener Merowingertradition in einem Sarg beerdigt, das andere nach heidnisch-skandinavischem und einstmals auch germanischem Brauch samt Bärenfell verbrannt wurde. Ob das andere Kind auch ein Mädchen war oder ob es sich vielleicht um einen Jungen handelte, lässt sich anhand der wenigen verkohlten Reste mit seinen acht kremierten Bärenkrallen nicht mehr sagen. „Vielleicht waren sie einander ja versprochen“, sagt Wamers über das ungleiche Paar.

          Nur wenige Knochen wurden noch gefunden

          Der Frühmittelalter-Archäologe hat die bedeutsame Entdeckung unter dem Kaiserdom St. Bartholomäus in Frankfurt von Anfang an begleitet. Für die Ausgrabungen in den Jahren 1991 bis 1993 war jedoch Andrea Hampel verantwortlich, seit 2007 Leiterin des Frankfurter Denkmalamts. Sie stieß, rechtzeitig zum Stadtjubiläum im Jahr 1994, auf die zwei Meter lange, 1,20 Meter breite und nur 60 Zentimeter tiefe Grabkammer unter dem westlichen Teil des Hauptschiffs des Doms. Dort fanden sich nur wenige Knochen, Fragmente von Elle und Speiche, ein Fersenbein, dazu Schädelreste mit ein paar Zähnen. Daneben standen einige Gefäße mit Speiseresten, „Schmorhähnchen, Schweinerippe, Rinderkeule, Lachs“, zur rechten Hand der Toten lag der Leichenbrand des anderen Kindes. Darüber war, wie sich herausstellen sollte, ein überaus feines Tuch mit einem großen aufgenähten Kreuz aus Goldfäden gebreitet. „Damit wurden beide Kinder christlich signiert.“

          Goldblech: Die Bommelohrringe, dreieinhalb Zentimeter groß, waren wohl nicht mit Steinen verziert. Bilderstrecke
          Goldblech: Die Bommelohrringe, dreieinhalb Zentimeter groß, waren wohl nicht mit Steinen verziert. :

          Für die Historiker waren diese Beigaben und das, was sich aus ihnen schließen lässt, schon eine Sensation, als „reich“ aber dürfen die Grabfunde gelten, weil das adelige Mädchen wertvollen Schmuck trug, als man es zur letzten Ruhe bettete: Ohrringe, Halskette, Armreife, Fingerringe, Granatfibel und eine auffallende Blechbüchse, bei der es sich um eine Riechdose gehandelt haben dürfte, wie Wamers in seinem Buch „Franconofurd 2 - Das bi-rituelle Kinderdoppelgrab der späten Merowingerzeit unter der Frankfurter Bartholomäuskirche (,Dom')“ darlegt. „Damit schützten sich hochstehende Damen damals schon vor einer Ohnmacht.“

          Mittelalterliches Kosmetikbesteck

          Der Schmuck gehörte dem vierjährigen Mädchen, zumindest passte er an seine Finger und Ohrläppchen. Der Materialwert der fein gearbeiteten Stücke unterstreicht die hohe Stellung des Kindes, ungewöhnlich für die Zeit aber sind die Funde nicht. Die sogenannten Bommelohrringe, benannt nach der verzierten Hauptkugel, die an Golddraht gelötet war, wurden auch in anderen Gräbern - etwa in Regensburg - entdeckt. Die mit Granaten besetzte Fibel wiederum muss ein letztes Geschenk gewesen sein: Sie wurde aus der größeren Brosche einer Erwachsenen (vielleicht der Mutter) herausgelöst und nachträglich mit einer Nadel versehen, um das Tuch über der Festtagstracht des Kindes zusammenzuhalten.

          Eine weitere silberne Spange, die ursprünglich sogar vergoldet war, hielt das Kleid auf Taillenhöhe zusammen. Um die Hüfte trugen adelige Damen damals einen Gürtel, an dem allerlei Nützliches hing: ein Messer, kleines Kosmetikbesteck mit Nagelreiniger und Ohrlöffelchen, Nähzeug, dazu eine Zierscheibe auf Oberschenkelhöhe, in der Wamers ein Fruchtbarkeitsamulett sieht.

          Noch geben die Funde viele Rätsel auf - die Halskette zum Beispiel mit dem Goldbrakteaten. Der mittlere Anhänger, auf dem ein abstraktes Mischwesen, ein Greif zu sehen ist, stammt auch aus dem hohen Norden und ist viel älter als die Grablege. Wamers meint, es könnte ein Erbstück der Familie des anderen Kindes sein, das als Zeichen der engen Verbundenheit dem Mädchen mit ins Grab gegeben wurde. Ob sich über die Beziehung der beiden zueinander noch mehr herausfinden lässt? Wamers ist sich nicht sicher. Die Skelettreste sind in einem sehr schlechten Zustand. Nicht einmal das Antlitz der kleinen Merowingerin konnte zum Leben erweckt werden: Aus den stark verformten Fragmenten ließ sich weder ein Schädel noch ein Gesicht rekonstruieren.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

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