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Kindererziehung : Höher, weiter, unfreier

Musterschüler: Soll so das perfekte Kind aussehen? Bild: Getty

Gute Eltern wünschen ihren Kindern nur das Allerbeste und lassen ihnen in ihrer Entwicklung Freiräume. Manch andere dagegen übertreiben mit dem Drill mächtig.

          In der bayrischen Grundschule wird Kindern einiges abverlangt. In den Fächern Mathematik, Deutsch und Heimat- und Sachkunde muss der Schnitt mindestens 2,33 sein, sonst kann das Kind nicht aufs Gymnasium. Ab 2,34 geht es auf die Realschule und ab 2,67 auf die Mittelschule, das ist die bayrische Hauptschule. Dieses Übertrittszeugnis bremst nicht nur Spätentwickler aus. In Bayern geht es früh um die Wurst. Das ist aufstiegsorientierten und abstiegsverschreckten Eltern klar, deshalb wird früh justiert.

          Ursula  Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Dem Sechsjährigen wird zum Geburtstag neben den erwünschten Wasserpistolen ein auf Kind getrimmtes Sudokubuch überreicht. Siebenjährige werden zum Kinderscrabble mit Diktat gebeten. Erst danach dürfen sie ins Schwimmbad. Der Nachwuchs muss für die Kernfächer fit gemacht werden. Manche Eltern gehen mit ihrer spielerisch getarnten Nachhilfe offensiv um und lassen sich für ihr Engagement feiern. Dann tritt der Effekt des Sich-gegenseitig-Hochjazzens ein. Der Englisch-Konversations-Kurs am Samstagvormittag löst kein befremdetes Nachfragen, sondern Bewunderung aus. Oh my God, das wäre auch was für unseren Titus! Zu beobachten in hochpreisigen Stadtvierteln mit hoher Akademikerdichte.

          Ein Teil der Eltern hüllt sich indes in Schweigen und wiegelt pseudolässig ab: Nein, die Clarissa macht das alles allein. Der Jonas hält sich nicht lange mit den Hausaufgaben auf, abends schauen mein Mann oder ich kurz drüber. Dumm nur, wenn das clevere Köpfchen Clarissa ausplaudert, dass sie täglich zum Diktat gezwungen wird und Jonas schimpft, dass er wieder nicht zum Training durfte, weil er mit Papa das Einmaleins üben musste.

          Kunst mit Arcimboldo. Arcimwer?

          Wie wohltuend, wenn jemand die Souveränität hat, in überhitzten Elternrunden zuzugeben: „Die K-Worte fallen meinem Kind schwer, mit geometrischen Formen hat er es nicht, wir haben uns gemeinsam hingesetzt.“ „Aufsätze schreibt sie gerne, durch Sachkunde ackert unsere Tochter angestrengt, schön, wenn es für eine Drei reicht.“ Selbstbewusste Offenheit zieht Offenheit nach: Was für ein Befreiungsschlag, wenn die Lügengebäude wanken. Es sind Kinder und keine Hochleistungsmaschinen, die die Wunschträume ihrer Eltern abzuarbeiten haben.

          Nach dem Outing nicht nur über Stärken, sondern auch die Schwächen der Zweitklässler wurde es ein angenehmer Elternstammtisch im Münchener Vorort. Bis die Rede auf Arcimboldo kam. Eine Mutter sagt freundlich: „Mein Lukas hatte Spaß an den Gemüsebildern und hat daheim noch eine Collage geklebt. Das ist ja ein tolles Projekt mit dem Arcimboldo!“ Die Runde blickt ratlos: Arcimwer? Hä, wer soll das sein? Ist das der neue Sozialpädagoge aus Nigeria? Der Mutter ist es peinlich, das Thema aufgebracht zu haben, bescheiden sagt die Kunsthistorikerin in Elternzeit: „Ich meine Giuseppe Arcimboldo, den manieristischen Künstler aus dem 16. Jahrhundert, ihr kennt seine allegorischen Bilder von Kalendern. Er hat Köpfe und Gestalten aus Früchten, Blumen und Tieren zusammengestellt.“ Gelangweiltes Schweigen.

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