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Kinderarmut Der Mangel, die Scham und das Glück

26.08.2007 ·  Ein kinderarmes Land kann sich Kinderarmut nicht leisten. Doch in Deutschland müssen mittlerweile knapp zwei Millionen Jugendliche von staatlicher Unterstützung leben. Julia Schaaf hat von Familien erfahren, was es bedeutet, arm zu sein.

Von Julia Schaaf
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Viermal die Woche Nudeln. Dazu Spinat aus dem Kühlregal. Sauce aus frischen Tomaten - manchmal, wenn's am Gemüsestand fünf Stück für einen Euro gibt. Oft aber auch pur, für den Sohn mit etwas Reibekäse, für die Mutter nicht.

Früher schmierte Marion Böhler (Name geändert) Schulbrote mit Gürkchen darauf. Heute gibt es Billigwurst und Margarine. Wenn der Zwölfjährige seine Stullen auf dem Heimweg verzehrt hat, essen sie erst nachmittags warm, um das Abendessen zu sparen.

Gegen Ende des Monats reicht es mitunter nur noch für ihren Sohn. „Ich habe Bauchschmerzen“, lügt Böhler dann oder: „Mutti hat heute keinen Hunger.“

Jedes dritte Kind gilt als arm

Die Koalition hat während ihrer Klausur auf Schloss Meseberg beschlossen, den Kinderzuschlag auszuweiten, um Geringverdiener vor Hartz IV zu bewahren, die zwar sich selbst, nicht aber ihren Nachwuchs ernähren können. Damit will sie die wachsende Kinderarmut in Deutschland bekämpfen.

Gerade erst haben neue Zahlen die Öffentlichkeit alarmiert: Im August 2007 erreichte die Zahl der Jungen und Mädchen bis 15 Jahre, die von staatlicher Unterstützung leben, mit 2,6 Millionen einen neuen Höchststand. In Berlin gilt inzwischen jedes dritte Kind als arm, in Bremerhaven und Görlitz liegt die Quote bei mehr als vierzig Prozent.

Armut prägt fürs Leben

Nun heißt Armut in einem Industrieland nicht, dass die Betroffenen verhungern würden. Man spricht von relativer Armut, wenn ein Haushalt je nach Definition mit weniger als der Hälfte (Unicef, WHO) oder weniger als sechzig Prozent (EU, Bundesregierung) des durchschnittlichen Nettoeinkommens auskommen muss.

Die Grenze für einen Erwachsenen liegt derzeit bei 782 respektive 938 Euro. Schon deshalb kann es keine exakten Zahlen geben, und ob die Einführung von Hartz IV tatsächlich die Armut in die Höhe treibt oder nur die Statistik, weil sie Mangel sichtbar macht, ist umstritten. „Armut ist immer ein politisch besetzter Begriff“, stellt der Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge fest.

Aber anders als bis zur Jahrtausendwende bestreite niemand mehr den stetigen Anstieg der Kinderarmut. Minderjährige sind inzwischen die Bevölkerungsgruppe mit dem größten Risiko, unter die Einkommensgrenze zu rutschen. Das prägt fürs Leben. Mit beunruhigenden Folgen für eine Gesellschaft, die über zu wenig Nachwuchs klagt.

Sie war ein „karrieregeiles Weib“

„Ich hatte früher ja auch ein Leben“, sagt Marion Böhler, und ihre sonnendurchflutete Wohnung in Berlin-Reinickendorf steht für das, was sie meint. Die Korbcouch vor der fliederfarbenen Wand ist so groß, dass die zerbrechliche Sechsundvierzigjährige in hellgewaschenem Strick und Jeans darauf wie hingetupft wirkt. Alles scheint überreinlich und adrett, ein geliebtes, gepflegtes Heim.

Der CD-Player ist ein Relikt aus besseren Tagen, die Playstation des Jungen auch. Früher, in jenem anderen Leben, war sie ein „karrieregeiles Weib“, sagt Böhler, Filialleiterin einer Drogerie, später Personaltrainerin, schließlich die rechte Hand vom Chef, mit jeder neuen Stelle ging es aufwärts, nicht einmal nach der Scheidung hatte sie finanzielle Sorgen.

Vor zwei Jahren brach alles zusammen. Die Firma ging pleite. Und das Jugendamt befand, die Betreuung ihres Sohnes, der durch eine Mischung aus Aufmerksamkeitsschwäche und Hyperaktivität als behindert gilt, leide unter ihrem Beruf - der Junge solle ins Heim.

Blöcke bei Woolworth und Stifte bei McGeiz

Marion Böhler bekommt Hartz IV, weil sie keine Arbeit findet, die sich mit den Bedürfnissen des Kindes vereinbaren lässt, und das heißt in ihrem Fall: vierzig Euro zum Leben in der Woche. Sie weiß, dass ihre Wohnung zu teuer ist, und wahrscheinlich hätte sie beim Einzug nie diesen Kredit aufnehmen dürfen, der noch immer mit monatlichen Raten von 154 Euro die Bilanz ruiniert.

Haftpflicht- und Hausratversicherung hat sie behalten, der Sohn braucht eine Monatskarte von 53,50 Euro, weil er eine Förderschule in Brandenburg besucht. Die Mutter selbst macht alles, was irgend geht, zu Fuß. Sie kauft den Block bei Woolworth und die Stifte bei McGeiz, wenn zum neuen Schuljahr Material anfällt, den geforderten Transparentpapierblock hat nur der teure Schreibwarenladen. Macht 27 Euro. Zwei Wochen Ferienprogramm im Jugendclub für 25 Euro konnte sie gerade so finanzieren, weil sie Monate vorher mit dem Sparen anfing.

„Nicht so schlimm - Hauptsache, wir haben uns“

Böhlers Gesicht wird frei und froh, wenn sie erzählt, dass ihr Sohn Klassenbester ist oder sie billige Wandfarbe gefunden hat, um ihm zum Geburtstag das Zimmer neu zu weißen. Häufiger jedoch wischt sie Tränen von ihrer Wange. Weil es außer dem frisch gestrichenen Zimmer nur für eine Sahnetorte gelangt hat.

Weil der Junge dringend eine neue Brille braucht und ihm keines der Kassengestelle auch nur halbwegs steht. Weil es nicht angeht, dass ein Zwölfjähriger ständig trösten muss: „Ist nicht so schlimm, Mutti, Hauptsache, wir haben uns.“ Sie knäuelt sich ein Taschentuch vor die Augen.

Armut wird „vererbt“

Man darf es sich nicht zu einfach machen. Kinderarmut heißt nicht bloß, dass Kleinkinder auf ihr Lieblingsspielzeug verzichten müssen und Teenager keine Markenklamotten bekommen. „Das ist viel zu kurz gefasst“, sagt Katrin Hentze vom Kinderschutzbund Berlin, „da geht es um eine andere Dimension.“

Die Sozialarbeiterin leitet einen Kindergarten im Wedding, den ausschließlich Kinder von Leistungsempfängern besuchen. Sie spricht von der Isolation dieser Familien, in denen kaum jemand den nahe gelegenen Kinderbauernhof kennt, von der schlechten Bildung der Mütter, von Gewalt. In diesen Kreisen wird Armut „vererbt“, die Resignation ist groß.

In Extremfällen versaufen Väter die Essensration ihrer Zöglinge. Zugleich kommen Eltern aus Zehlendorf und Steglitz in die Beratungsstelle des Kinderschutzbundes, Leute mit anständigen Berufen, die unter der Last der Arbeitslosigkeit einknicken. „Wenn man sich als Erwachsener so entwertet fühlt, ist es ganz schwer, die Kinder aufzuwerten und ein Vorbild zu sein“, sagt Hentze.

Das Selbstbewusstsein leidet

Langzeitstudien haben ergeben, dass es sehr wohl Jungen und Mädchen gibt, die eine Kindheit in Armut unbeschadet überstehen - eben wenn die Eltern geschickt haushalten, Schulnoten und Familienklima wichtiger nehmen als Flachbildschirme und schon vom Kindergarten an die Förderung stimmt.

Nichtsdestotrotz, so Gerda Holz, die diese Untersuchungen am Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik geleitet hat, ist Armut der größte Risikofaktor für die Lebenschancen von Kindern - einflussreicher als etwa der Bildungsgrad der Eltern oder ausländische Herkunft. Dabei gelte grundsätzlich, sagt Holz: „Je früher die Armut anfängt und je länger sie dauert, desto größer sind die Folgen.“

Arme Kinder gehen später oder seltener in den Kindergarten als Gleichaltrige aus Mittelschichtsfamilien, sie bleiben schon in der Grundschule öfter sitzen und haben als Zehnjährige schlechtere Noten. Das Selbstbewusstsein leidet, die Gesundheit, die soziale Kompetenz.

Erwachsene nennen das Ausgrenzung

Für die Kinder selbst ist am schlimmsten, wenn überforderte Eltern keine Geduld und Liebe mehr übrig haben. Und die Einsamkeit. Arme Kinder gehen nicht in die Musikschule oder zum Fußball (weil die Eltern die Beiträge nicht zahlen können). Sie feiern ihren Geburtstag nicht (weil weder ein eigenes Zimmer noch Geld für Apfelschorle und Kuchen da ist).

Wer sich die Klassenfahrt nicht leisten kann, verpasst Schlüsselmomente der Gruppendynamik. Wer nicht mitreden kann über den neuesten Harry Potter, kein Fahrrad besitzt für gemeinsame Unternehmungen am Nachmittag und dann nicht einmal hippe Turnschuhe trägt, gehört eben nicht dazu. Erwachsene nennen das Ausgrenzung.

Solidarische Raubkopien als Kinoersatz

Paula (Name geändert) sitzt mit ihrer Mutter am Küchentisch. Eine fröhliche Tischdecke, getrocknete Rosen- und Lavendelsträuße, der zweijährige Bruder holt sich gelegentlich einen Vollkornkeks ab. Paula greift nach ihrem Tabakpäckchen, aber sie dreht sich keine.

Die Sechzehnjährige hat gerade ihren Realschulabschluss gemacht, ihr Blick ist offen, das Lächeln scheu. „Ich denke, dass ich andere Werte entwickelt habe“, sagt Paula. Nie würde sie unrealistische Wünsche äußern. Aber es macht ihr auch nichts aus, ein altes Handy zu haben. Einfache Kleider hübscht sie durch Aufnäher oder Drucke auf.

„Klar hat man nicht das Gleiche wie die anderen, aber das Nötigste haben wir“, sagt Paula. „Ich fühle mich nicht minderwertig. Ich habe Freunde, die mich auch so mögen.“ Dann erzählt sie von ihrer Clique, die solidarisch Raubkopien aus dem Internet besorgt, wenn jemand das Kino nicht zahlen kann.

„Was brauchst du?“ - „Wie viel haben wir noch?“

Seit einem Burn-out von Paulas Mutter vor fünf Jahren lebt die Familie von staatlicher Unterstützung, je nach Definition der Armutsgrenze etwas drunter oder drüber. Die Mädchen teilen sich ein Zimmer, das aus zwei Hochbetten und einem schmalen Gang dazwischen besteht, der Zweijährige schläft bei der Mutter.

Am Monatsersten und am 15., wenn das Geld aufs Konto kommt, werden Rechnungen bezahlt, Vorräte aufgestockt, und es gibt Essen, das allen schmeckt, Schweinefilet von Aldi und vielleicht sogar Nachtisch. An einem 23. allerdings hat Paulas Mutter vielleicht noch zwanzig Euro im Portemonnaie. Sie reden täglich über Geld. Womöglich, weil Paula ein Geburtstagsgeschenk kaufen muss. „Was brauchst du?“ heißt es dann. „Wie viel haben wir noch?“ Und wer hat welche Pläne für die nächsten Tage?

Die Lehrerin monierte den verdünnten Zitronentee

Ginge es nach Paulas Schwester, wüsste niemand von Hartz IV. Ihre Freunde wohnen zwischen Designermöbeln, gehen mit ihren Eltern essen und kleiden sich modisch. Da schämt sich die Vierzehnjährige, dass sie nicht mithalten kann.

Als es in der Schule um gesunde Ernährung ging und die Kinder ihren Speiseplan protokollieren sollten, hat sie einfach gelogen. Trotzdem monierte die Lehrerin den verdünnten Zitronentee für die Frühstückspause. Vor versammelter Klasse.

Drei bis fünf Euro für ein warmes Schulmittagessen

Über diese Art von Gedankenlosigkeit redet Hilda Völk-Cornelis sich in Rage: „,Farbkasten von Pelikan.' Warum muss die Lehrerin das dahinter schreiben?“ Die Zweiundfünfzigjährige arbeitet in der Allgemeinen Sozialberatung der Berliner Caritas und weiß, was jedes Hartz-IV-Budget sprengt.

Ambitionierte Klassenfahrten zum Beispiel, deren Kosten die Zuschüsse übersteigen. Taschenrechner, ein kleiner Betrag für die Klassenkasse hier, für die AG da, den Ausflug dort. Drei bis fünf Euro für ein warmes Schulmittagessen täglich sind überhaupt nicht drin.

Und dann empfehlen Lehrer auch noch Mathenachhilfe. „Es gibt kein Gesetz, aus dem Nachhilfe bezahlt werden kann“, schimpft Jürgen Kroggel, Sozialarbeiter in der Beratungsstelle der Diakonie in Spandau. Aus Sicht der Sozialberater kann es einfach nicht reichen. Bei ihnen stehen täglich Familien vor der Tür, denen der Strom abgestellt worden ist oder eine Räumungsklage droht.

„Die Leute schaffen das nicht“

Jede Mehrausgabe an der einen Stelle reißt anderswo ein Loch, das Jobcenter gewährt in Notfällen ein Darlehen, aber auch das muss abgestottert werden, und so wuchern die Schulden, die Löcher, die Verzweiflung; Rechnungen bleiben unbezahlt.

„Insgesamt sind die Regelleistungen zu niedrig“, sagt Kroggel. „Wo ist die Anpassung?“ fragt Völk-Cornelis angesichts steigender Lebensmittelpreise, Energiekosten, Gesundheitsausgaben. Kinder bekommen einen Hartz-IV-Regelsatz von 208 Euro im Monat, ganz gleich, ob sie vier oder 14 Jahre alt sind, davon sind 62,50 Euro für Essen vorgesehen - macht das eigentlich einen Dreizehnjährigen satt?

Seit der Reform liegen die Sätze zwar etwas über jenen der alten Sozialhilfe. Allerdings fallen die sogenannten Sonderleistungen weg. Egal ob Weihnachten oder Geburtstag, Taufe, Einschulung und Kommunion, Winterkleidung oder die kaputte Waschmaschine - „Extras“, für die früher Extrageld beantragt werden konnte, müssen dem Regelsatz abgespart werden. „Die Leute schaffen das nicht“, sagt Kroggel, „so kommt eine Benachteiligung zur anderen.“

Schwimmbäder und Vereine dürften nichts kosten

Die beabsichtigte, überaus sinnvolle Ausweitung des Kinderzuschlags nutzt in all diesen Fällen nichts. Während Sozialarbeiter deshalb eine Korrektur der Regelsätze fordern und von der Wiedereinführung der Einmalleistungen träumen, verlangt der Kinderschutzbund, „nachhaltig umzusteuern“.

Vorschläge gibt es viele: Der Politologe Butterwegge kokettiert mit dem Mindestlohn. Nach Meinung der Forscherin Gerda Holz dürften Bildungs- und Freizeitangebote wie Schwimmbäder, Vereine und Kitas für Kinder nichts kosten. Rainer Krebs vom Diakonischen Werk Berlin findet, Alleinerziehende könnten für ihren Dienst an der Gesellschaft ruhig mit einem vernünftigen Einkommen ausgestattet werden.

„Da ging es mir ziemlich mies“

Bei Paulas Entlassungsfeier aus der Schule haben sie es krachen lassen. Ein Traumkleid, richtig schicke Schuhe, Friseur, Schminke, Parfum, 250 Euro insgesamt. Paulas Mutter hat einfach beschlossen, Strom- und Telefonrechnung zu ignorieren. Die kleine Schwester machte der großen ein schlechtes Gewissen. Hätte man von so viel Geld nicht mehr Klamotten kaufen können? Etwas Nützliches? Vielleicht die Waschmaschine reparieren?

„Da ging es mir ziemlich mies“, sagt Paula leise. Liebevoll schaut die Mutter zu ihr herüber. „Und was habe ich gesagt?“ fragt sie. Paula antwortet: „Bei ihrem Abschlussball wird es genauso sein.“ Jetzt lächelt sie. Es muss wirklich ein einzigartiger Tag gewesen sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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